Leser in den besten Jahren: Für Zeitschriftenverlage uninteressant?

Ein Mann steht in einer Buchhaltung von einem Zeitschriftenregal

Leser in den besten Jahren: Für Zeitschriftenverlage uninteressant?

Von Christoph Tiegel

  • Kaum "Best-Ager"-Titel am Kiosk
  • Senioren sind "spezielle" Kunden
  • Zeitschrift "Seni-Ohr" in Gladbeck

Leser in den besten Jahren: Für Zeitschriftenverlage uninteressant?

WDR 4 Mittendrin - In unserem Alter 20.07.2019 12:06 Min. Verfügbar bis 19.07.2020 WDR 4 Von Michael Westerhoff

Download

Kaum "Best-Ager-Titel" – warum?

Obwohl die sogenannten "Best Ager" als Konsumenten immer wichtiger werden und auch die werbetreibende Industrie diese Zielgruppe als einträglich erkannt hat: Es gibt so gut wie keine überregionale (kostenpflichtige) Seniorenzeitschrift auf dem Markt. Offenbar traut sich kaum ein großer Verlag, die Ü50-Generation am Kiosk gesondert und ausdrücklich anzupeilen – während es Hefte für das junge Publikum in Hülle und Fülle gibt. Warum ist das so? Unser Studiogast Thomas Osterkorn, lange Jahre für den Gruner & Jahr-Verlag tätig, unter anderem als Chefredakteur des "Stern", sieht prinzipiell ein starkes Leseinteresse für 50plus-Themen in moderner Aufmachung. Wenn es allerdings darum gehe, entsprechende Angebote tatsächlich auch "aktiv zu kaufen, dann lässt das Interesse schon nach". Mit seiner Zeitschrift "Viva" startete Osterkorn 2012 vielversprechend (erste Ausgabe verkaufte sich über 100.000 Mal), schon 2015 wurde der Titel eingestellt, u.a. weil das für Magazine extrem wichtige Anzeigengeschäft wohl auf Dauer nicht hinreichend gut funktionierte.

Senioren sind schwierige Werbekunden

Ältere Kunden wollten zwar eigentlich lesen, was tatsächlich mit ihrer Lebenswirklichkeit als älterer Mensch zu tun hat, sich dabei aber nicht gern als ältere Menschen angesprochen fühlen. So halten Werbeanzeigen für Seniorenprodukte erfahrungsgemäß ausgerechnet die eigentliche Zielgruppe eher ab vom Kauf eines "Seniorenmagazins". Gratis-Angebote (rein anzeigenfinanzierte Magazine) werden dagegen offenbar gern genommen. Jedenfalls gibt es sie in großer Zahl: Seniorenhefte, auf Hochglanzpapier gedruckt, mit regionalem Bezug, in vergleichsweise kleinen Auflagen in Geschäften und Arztpraxen kostenlos ausgelegt. Finanziert werden die Magazine durch Anzeigen und nicht durch Verkaufserlöse, sie existieren unabhängig von den großen Verlagen. Spezialfall: die 14-täglich erscheinende Apotheken-Umschau, auch "Rentner-Bravo" genannt, Auflage: fast zehn Millionen, ein Gesundheitsmagazin, finanziert durch bezahlte Werbung sowie Exemplar-Gebühren, die der jeweilige Apotheker zu übernehmen hat.

"Seni-Ohr" in Gladbeck

Seit über 30 Jahren gibt es die Zeitschrift "Seni-Ohr" in Gladbeck. Gemacht von Senioren für Senioren. Dreimal im Jahr erscheint das Heft. Eine schicke Hochglanz-Zeitschrift. Das war bei der Erstausgabe 1988 noch anders, weiß der heutige Teamchef Friedhelm Horbach: "Das war alles Handarbeit. Was am meisten gebraucht wurde, war Tipp-Ex. Die Bilder wurden eingeklebt und fotokopiert und das Ergebnis war natürlich nur in Schwarzweiß." Die heutige "Seni-Ohr" ist selbstverständlich bunt und kommt aus einer professionellen Druckerei. 22 Seiten mit Personen-Portraits, Kommunalpolitik, Ausgeh- und Mitmachtipps. Sieglinde Nendza vom "Seni-Ohr"-Team hält hinsichtlich der Themenauswahl für besonders wichtig, "dass endlich begriffen wird, dass alte Menschen nicht nur krank sind und Rollator schiebend durch die Gegend gehen, sondern dass Senioren einfach noch ganz viel erleben wollen. Ich möchte, dass Senioren selbstverständlich sagen: Wir haben dieses Alter und ich habe hier meine eigene Zeitung – man soll Freude daran empfinden!"

Stand: 13.07.2019, 11:28