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Von Autofahrer*innen bis Kurzarbeitende: Reizthema Gendern

Symbolbild: Monitorbildschirmtext "Mitarbeiter*innen"

Von Autofahrer*innen bis Kurzarbeitende: Reizthema Gendern

Von Anne Debus

  • Geschlechtergerechte Sprache sorgt oft für Streit
  • Bemühungen darum schon seit den 60er Jahren
  • Studien belegen eine Wirkung auf unsere Weltsicht

Von Autofahrer*innen bis Kurzarbeitende: Reizthema Gendern

WDR 4 Mittendrin - In unserem Alter 17.04.2021 15:05 Min. Verfügbar bis 17.04.2022 WDR 4 Von Anne Debus


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Gendern ist ein Streitthema

Zeitraubende Doppelungen von männlicher und weiblicher Form, eine Sprechpause mitten im Wort für den Genderstern, geschlechtsneutrale Konstrukte wie "Kurzarbeitende" oder "Putzkraft" – viele Menschen stört das. Bei einer Umfrage in Dortmund hörten wir viel Kritik am Gendern:

"Sprache wird dadurch unverständlicher, unästhetischer, ohne dass es etwas bringt. Für mich ist Gendern ein Luxusproblem privilegierter Akademiker!"

"Das ist eine Vergewaltigung der deutschen Sprache und inhaltlich ändert sich durch so was wie Bewerber/-innen überhaupt nichts, das ist nur eine Worthülse. Deshalb mach ich das auch nicht!"

Oberbegriffe nicht wirklich neutral

Gegner des Genderns argumentieren oft, man müsse Personen- oder Berufsbezeichnungen nicht eigens in der männlichen und weiblichen Form nennen. Oberbegriffe wie "Ärzte", "Lehrer" oder "Bürger" – das so genannte generische Maskulinum – seien zwar von der Grammatik her männlich, von der Bedeutung her bezögen sie sich aber auf Männer und Frauen.

Wenn man allerdings ihre Entstehung betrachtet, kommen daran Zweifel auf. Denn erscheinen in historischen Texten etwa aus dem 17. Jahrhundert die Oberbegriffe "Richter" oder "Schauspieler", dann stellt man beim Weiterlesen fest: Konkret ging es dort nur um Männer, erzählt unser Studiogast Prof. Dr. Henning Lobin vom Leibniz-Institut für Deutsche Sprache.

Und auch heute denken wir bei solchen Oberbegriffen noch meist an Männer – das kann man leicht selbst testen, so Prof. Lobin: "Fragen Sie einfach mal jemanden: Wer ist dein Lieblingsschauspieler? Da wird man Ihnen meist männliche Schauspieler nennen, obwohl Sie die Frage ja vielleicht auf männliche und weibliche Schauspieler bezogen haben."

Gendern ändert unser Weltbild

Das Gendern kann offenbar tatsächlich unsere Sicht auf die Welt verändern. Das belegen Untersuchungen, sagt Sprachforscher Henning Lobin:

"Wenn man beispielsweise Kinder fragt: Möchtest du Arzt werden, möchtest du Feuerwehrmann werden, möchtest du Krankenschwester werden? Dann haben sie ein anderes Auswahlverhalten, als wenn man fragt: Möchtest du Arzt oder Ärztin werden, Feuerwehrmann oder Feuerwehrfrau, Krankenschwester oder Krankenpfleger?"

Dann wünschen sich nämlich deutlich mehr Mädchen den "Männerberuf'" Feuerwehr. Und umgekehrt entscheiden sich viele Jungen für die Krankenpflege, die ja als Frauendomäne gilt. "Das sind wirklich interessante Ergebnisse, die zeigen, wie sehr die Sprache unser Bewusstsein lenkt."

Stand: 16.04.2021, 09:46

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