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Der neue Pflegenotstand – viel Extra-Stress durch Corona

Das Bild zeigt eine ambulante Pflegerin, die einer alten Frau hilft.

Der neue Pflegenotstand – viel Extra-Stress durch Corona

Von Christoph Tiegel

  • Immer präsent: Furcht vor Ansteckung
  • Schutzausstattung vernünftig verteilen  
  • Polnische Pflegerinnen bleiben aus

Der neue Pflegenotstand - viel Extra-Stress durch Corona

WDR 4 Mittendrin - In unserem Alter 04.04.2020 13:48 Min. Verfügbar bis 04.04.2021 WDR 4

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Immer präsent: Furcht vor Ansteckung

Die Furcht vor Ansteckung ist jetzt beim Umgang mit den Pflegebedürftigen immer präsent, sagt uns eine ambulante Altenpflegerin aus Dortmund: "Da muss ich wirklich tagtäglich dran denken. Was ist, wenn ich dieses Virus in mir habe, und es mitbringe zum Patienten und unbewusst ihn anstecke. Und er stirbt meinetwegen... das macht mir selber Angst." Physischen Kontakt zu anderen Menschen unbedingt vermeiden, Sicherheitsabstände einhalten – das kann für Pflegebedienstete im Job natürlich nicht gelten. Entsprechend hoch ist ihr Bedarf an Desinfektionsmitteln und Schutzmasken. Weil der Vorrat an Schutzmasken bei ihrem Dortmunder Pflegedienst nur noch für eine Woche reicht und Nachschub auf den üblichen Wegen nicht zu beschaffen ist, hat sich die Pflegedienstleiterin fürs Wochenende schon die Nähmaschine bereitgestellt: "Ich hab mir gestern Stoffe gekauft, und muss nur noch Draht holen. Und dann werde ich für meine Mitarbeiter den Mundschutz selber nähen."

Schutzausstattung vernünftig verteilen

"Die Ausstattung mit Schutzmaterial lässt sehr zu wünschen übrig", bestätigt unser Studiogast Christoph Treiß, Geschäftsführer des Landesverbandes freie ambulante Krankenpflege NRW, "wir haben echte Knappheit und müssen uns im Einzelfall mit Schutz behelfen, der vielleicht keine hundertprozentige Sicherheit bietet, aber doch besser ist als gar nichts." Allerdings müsse man sich fragen, ob die momentan verfügbare reguläre Schutzkleidung vernünftig verteilt sei. "Wenn die Krankenhäuser derzeit noch auf die Welle (von Corona-Patienten, die Red.) warten und sehr gut ausgestattet sind, und wir im Moment quasi vor der Welle noch reiten und keine Ausstattung haben, dann wäre es vielleicht sinnvoll, über eine intelligentere Verteilung der Schutzmaterialien nachzudenken und diese auch anzuschieben."

Ob Pflegedienste wegen fehlender Schutzmaterialien ihre Arbeit möglicherweise einstellen müssten? "Diese Situation", so Christoph Treiß, "wollen wir uns nicht wünschen." Wenn jetzt auch noch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Quarantäne kämen,  dann träfe das die Pflege "ganz besonders, weil wir auch vor der Krise schon an unseren Kapazitätsgrenzen angelangt sind, und wir brauchen Hände in der Pflege und jeder, der in Quarantäne muss, fehlt uns natürlich in der Versorgung." Zur Zeit versorgen die privaten ambulanten Pflegedienste in Nordrhein-Westfalen täglich ca. 190.000 alte und kranke Menschen zuhause.

Polnische Pflegerinnen bleiben aus

Zudem sind bislang schätzungsweise mindestens 30.000 Pflegebedürftige in NRW auf eine 24-Stunden Betreuung zuhause angewiesen, die bisher von osteuropäischen, zumeist polnischen Pflegerinnen (bzw. "Haushaltshilfen") geleistet wurde. Meist wechselten sich zwei Kräfte in einem Zwei- oder Vier-Wochen-Turnus ab und pendelten zwischen Deutschland und Polen. Viele von ihnen haben aber in der Heimat selbst alte Eltern oder Verwandte und die dürfen seit dem 1. April nicht mehr auf die Straße gehen, sind deshalb jetzt auf Hilfe ihrer Verwandten angewiesen. Oder eine Rückkehr nach Deutschland scheitert an jetzt geschlossenen europäischen Grenzen. Viele polnische Pflegerinnen kommen jedenfalls vorerst nicht mehr zu ihrem Arbeitsplatz. Bis zu 30.000 Pflegebedürftige müssen demnach zurzeit allein von ihren Angehörigen betreut werden. Ob ambulante Pflegedienste da jetzt kurzfristig einspringen könnten? Unser Studiogast Christoph Treiß: "Wenn wir für diese Menschen jetzt auch eine professionelle Pflege organisieren müssen, dann wird das eine echte Herausforderung."

Stand: 03.04.2020, 12:39