Knigge heute

Knigge heute – welche Benimm-Regeln gelten eigentlich noch?

Stand: 21.01.2023, 00:00 Uhr

"Über den Umgang mit Menschen": Im Januar 1788 erschien das Buch des Adolph Freiherrn Knigge. Auch 235 Jahre später scheint es wichtig, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Viele, nicht nur ältere Menschen, vermissen heute ein höfliches, stilvolles Benehmen im allgemeinen Miteinander.

Von Christoph Tiegel

Knigge heute: Welche Benimm-Regeln gelten eigentlich noch?

WDR 4 Mittendrin - In unserem Alter 21.01.2023 12:16 Min. Verfügbar bis 21.01.2024 WDR 4 Von Michael Westerhoff


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"Es gibt schon viele Leute, die keine anständigen Tischmanieren haben, wo geschmatzt und geschlürft oder auch an den Zähnen rumgebohrt wird." – So beschreibt ein Hörer aus Willich, Vertreter der Generation Ü 60, eine typische Restaurant-Szene. Eine Hörerin, ebenfalls vom Niederrhein, ergänzt ihre häufig gemachte Beobachtung an Buffets, "dass man sich den Teller volllädt bis zum Überlaufen", obwohl doch wirklich genug da sei und: "Man kann doch zweimal gehen."

Mindeststandards bei Tischmanieren

Vieles im gesellschaftlichen Miteinander ist (zum Glück) heute sehr viel lockerer als zu Freiherr Knigges Lebzeiten. Die Deutsche Knigge-Gesellschaft steht denn auch für einen "modernen zeitgemäßen Umgang mit anderen Menschen, der Wertschätzung, Respekt, Achtung, Höflichkeit, Aufmerksamkeit mit Einfühlungsvermögen und Herzlichkeit verbindet". Frage an die stellvertretende Vorsitzende Linda Kaiser: Welche Mindeststandards bei den Tischmanieren sollte man heute einhalten?

Bloß kein Chaos auf dem Teller!

"Eine gute Besteckführung, also dass man Messer und Gabel in einer ansprechenden, angenehmen Art und Weise hält und damit gut hantieren kann, ohne große Geräusche zu verursachen." – Damit sei ein Anfang gemacht. Ganz wichtig aber auch: Bitte auf dem Teller möglichst kein "großes Chaos" veranstalten! Also bloß kein Geschiebe und Gestampfe – das sei für andere einfach nicht schön anzusehen. Linda Kaiser: "Das kann man machen, wenn man allein zuhause ist, aber eben nicht in Gesellschaft.

Störfaktor: Smartphone

Moderner Benimm-Streitpunkt beim gemeinsamen Essen: Der richtige Umgang mit dem Smartphone. "Im Berufsleben ist es tatsächlich so, dass man mit Ankündigung – 'Ich erwarte einen ganz, ganz wichtigen Anruf' – das Telefon bei sich tragen und das Telefonat dann auch annehmen darf.", sagt Linda Kaiser von der Knigge-Gesellschaft. Allerdings solle man sich für das Gespräch vom Tisch entfernen und es an einem "geschützten Ort" führen.

Privat: Handy weg vom Esstisch!

Im privaten Bereich sollte man dagegen den Esstisch möglichst zur "handyfreien Zone" erklären. Denn: "Das persönliche Gespräch, das Miteinander und der direkte Kontakt mit realen Menschen hat immer Vorrang vor dem elektronischen Gerät."

Was viele, vor allem ältere Menschen, zunehmend irritiert, ist die unvermittelte Ansprache per Du – z. B. in Kneipen oder Geschäften. Wer das nicht möchte, dem empfiehlt Benimm-Expertin Linda Kaiser "konsequent zurück zu siezen". Und zwar so nachdrücklich, "dass das Gegenüber versteht: Die Ansprache war nicht in Ordnung."

Das Geschäft mit dem Kunden-Du

Bei einem bekannten schwedischen Möbelhaus sei das Kunden-Du "ein Phänomen, das uns tatsächlich schon seit mehreren Jahrzehnten begleitet", sagt Linda Kaiser, "da ist das Firmenpolitik". Über das persönlichere "Du" sollten die Kunden näher ans Unternehmen gebunden werden.

Zu besagtem Möbelhaus hat unser Gesprächsgast Linda Kaiser allerdings diese Anekdote parat: Der Kunde werde "im Laden selbstverständlich geduzt". Wenn aber mal einer sein Auto auf dem Parkplatz falsch abgestellt habe, käme plötzlich die eher distanzierte Durchsage: "Bitte stellen SIE das Auto mit dem Kennzeichen XY anders hin!"