Seniorin mit Enkelin und Fotoalbum

War früher wirklich alles besser? Die rosarote Brille der Erinnerung

Stand: 10.09.2022, 00:00 Uhr

Früher war alles besser: Die Sommer wärmer, die Winter kälter, Weihnachten schöner. Früher war eben "mehr Lametta" – sagt zumindest unsere Erinnerung. In WDR 4 Mittendrin erzählt der Wissenschaftler Dr. Magnus Heier, wie das Gehirn unsere Erinnerungen überarbeitet.

Von Anne Debus

War früher wirklich alles besser? Die rosarote Brille der Erinnerung

WDR 4 Mittendrin - In unserem Alter 10.09.2022 13:08 Min. Verfügbar bis 10.09.2023 WDR 4 Von Anne Debus


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In der Erinnerung ist alles schöner

Wir haben es wahrscheinlich alle schon erlebt: In der Erinnerung wird Negatives  abgeschwächt, vieles gnadenlos geschönt. Unser Hörer Wolfgang aus Dortmund, 63, kennt das zum Beispiel von seinen Schwiegereltern, die aus der ehemaligen DDR kommen:

"Sie verklären dieses Leben und sagen immer, früher war alles besser, und haben die negativen Dinge dort komplett ausgeblendet. Ein anderes Beispiel ist, dass meine Frau den Hang dazu hat, Dinge etwas zu übertreiben – wenn sie Geschichten erzählt, wird aus dem Hering schon mal ein riesengroßer Barsch. Wo ich dann denke, ganz so war es ja nicht. Es war in ihrer Erinnerung viel großartiger, in meiner war es drei Stufen kleiner."

Erinnerungen werden im Schlaf überarbeitet

Dass wir Erlebtes in der Erinnerung verklären, uns oft an gemeinsam erlebte Dinge unterschiedlich erinnern, hat seinen Grund. "Unser Gedächtnis ist keine Festplatte, die alles originalgetreu abspeichert. Sondern eher ein Tagebuch, in dem wir immer wieder Stellen durchstreichen und neu schreiben." Erklärt der Neurologe Dr. Magnus Heier in unserer Sendung Mittendrin.

Dafür verantwortlich sind zwei Strukturen in unserem Gehirn, die von Wissenschaftlern – entsprechend ihrem Aussehen – die "Seepferdchen" genannt werden. Sie sind die Regisseure im Film unserer persönlichen Erinnerung. Nacht für Nacht speichern sie unsere Erlebnisse im Schlaf neu ab, bis dann schließlich eine Endfassung im Langzeitgedächtnis abgelegt wird.

Diese Erinnerung ist dann oft viel angenehmer als das tatsächliche Erlebnis – schmeichelhafter für uns selbst, versöhnlicher im Bezug auf andere. Das ist eine Schutzfunktion unseres Gehirns, damit wir mit dem Erlebten besser umgehen können.

Erinnerungen sind beeinflussbar

Diese Funktionsweise unseres Gehirns, die uns schöne Erinnerungen beschert, ist der Alptraum eines jeden Polizisten. Denn da Erinnerungen so subjektiv sind und sich lange immer wieder verändern, kann man sich auf Zeugenaussagen nicht wirklich verlassen.

Wissenschaftler haben herausgefunden, dass schon die unterschiedliche Formulierung einer Frage die Erinnerung verfälschen kann. Fragt man einen Zeugen, mit welcher Geschwindigkeit ein Auto in das andere "gerast" sei, dann wird er eine höhere Geschwindigkeit angeben, als wenn man nur fragt, wie schnell das Auto "gefahren" sei.

Auch unsere frühen Kindheitserinnerungen sind oft keine echten Erinnerungen von uns selbst. Vielleicht basieren sie auf einem Foto aus Kindheitstagen, dass wir oft betrachtet und dann in eine Erinnerung umgebaut haben. Oder unsere Eltern haben uns eine Geschichte aus unserer frühen Kindheit so oft erzählt, dass wir schließlich glauben, uns auch selbst daran zu erinnern.