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Büdchen oder Tante Emma: Es lebe das Lädchen für (fast) alles!

Trinkhalle in Oberhausen.

Büdchen oder Tante Emma: Es lebe das Lädchen für (fast) alles!

Von Christoph Tiegel

Büdchen, Lädchen, Tante Emma – die kleinen Shops an der Ecke mit bunten Warensortimenten vom Weingummi bis zur Reißzwecke, von der Tageszeitung bis zum Päckchen Butter: Sie haben Tradition. Aber haben sie auch eine Zukunft?

Büdchen oder Tante Emma: Es lebe das Lädchen für (fast) alles!

WDR 4 Mittendrin - In unserem Alter 03.10.2020 14:15 Min. Verfügbar bis 03.10.2021 WDR 4


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Trinkhallen für die Volksgesundheit

Im Ruhrgebiet geht man auch heute noch gerne "anne Bude", zuweilen auch noch "Trinkhalle" genannt. Als solche seien die Mitte des 19. Jahrhunderts im Ruhrgebiet entstanden - und zwar "im Sinne der Volksgesundheit", wie unser Gesprächsgast Dietmar Osses, Leiter des Bochumer Industriemuseums Zeche Hannover, erklärt.

Kiosk bei "bei Mampf Fred" in Essen

Die so genannten Trinkhallen seien zunächst vor allem als Verkaufsstellen für Mineralwasser gedacht gewesen. Die zahlreichen Industriearbeiter sollten dort (aklkoholfrei!) ihren Durst löschen können.
Es war allerdings nur eine Frage der Zeit, bis die Trinkhallen-Betreiber auch Flaschenbier im Angebot hatten. Es folgten entsprechende ordnungsbehördliche Verfügungen. An manchem Büdchen erinnern noch heute kleine Schildchen daran: "Genuss von Alkohol im Umkreis von 100 Metern verboten."

Trotzdem wurden Trinkhallen in Arbeitersiedlungen und vor den Werkstoren zugleich umsatzstarke Verkaufsorte und kommunikative Treffpunkte.

Kommunikative Treffpunkte

Es gebe, so Dietmar Osses, noch heute "einige alteingesessene, inhabergeführte Buden" an früheren Zechen- oder Industriestandorten, wo "viele Rentner gerne täglich zwei-, dreimal zur Bude gehen". Morgens die Zeitung kaufen. Mittags Zigaretten. Und abends vielleicht noch ein Bier.

Die Trinkhalle "Frühstück bei Freddy" in Essen-Frillendorf

Nicht weil die Senioren alles auf einmal nicht mehr tragen könnten, "sondern weil sie dann dreimal Sozialkontakte haben. Man kennt sich. Man trifft sich. Man hört über die Nachbarschaft." Das sei, so Dietmar Osses, "eine Art analoges WhatsApp" mit wichtiger Funktion für die Menschen.
Tante-Emma-Läden entstanden Mitte des 20. Jahrhunderts als Vorläufer der späteren (und größeren) Supermärkte. Das Besondere dieser Läden, die in den Wirtschaftswunderjahren boomten: es gab die Waren dort nicht nur auf Bestellung, sie wurden einzeln verpackt frei ausgestellt. Zum Beispiel Obstkonserven. Dietmar Osses: "Das war etwas ganz Neues und damals total hipp – die Leute strömten in diese Läden."

Tante Emma lebt!

Diese Art "Lädchen für (fast) alles" mit buntem Sortiment übt gerade heute auf gar nicht so wenige Menschen eine besondere Faszination aus. Dabei spielen nostalgische Gefühle ein Rolle, das Bedürfnis nach sozialen Kontakten, aber wohl auch eine stärker werdende Sehnsucht nach neuer (alter) Überschaubarkeit beim Konsumangebot.

Grundsätzlich gebe es, so Dietmar Osses, wohl einen anhaltendes Interesse an Geschäften im nahen Umfeld, wo man mal eben seinen kleinen (!) Einkauf machen könne und dabei nicht überwältigt werde vom Riesenangebot großer Märkte. Im ländlichen Bereich, an Orten, "wo die großen Konzerne sagen, da gehen wir nicht hin, das lohnt sich nicht", fänden sich vermehrt Beispiele für genossenschaftliche Projekte.

Da nehmen Dorfbewohner ihre Versorgung selbst in die Hand, gründen ihr eigenes Lädchen und halten es mit viel ehrenamtlichem Engagement am Laufen. Dietmar Osses: "Tante Emma ist nicht tot zu kriegen. Und hoffentlich gibt es auch noch lange Emmas Enkel und Urenkel!"

Stand: 02.10.2020, 10:13