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Ein beleuchteter Weihnachtsmarkt

Advent in der Krise – gemischte Gefühle zur Weihnachtszeit?

Stand: 26.11.2022, 00:00 Uhr

Angesichts von Krieg und immer neuen Krisen – können wir uns da überhaupt noch freuen, uns beschenken, es uns guten Gewissens daheim gemütlich machen? Wenn aus adventlichem Lichterglanz reine Stromverschwendung wird – was macht das mit unserer Weihnachtsstimmung?

Von Christoph Tiegel

Advent in der Krise – gemischte Gefühle zur Weihnachtszeit?

WDR 4 Mittendrin - In unserem Alter 26.11.2022 10:33 Min. Verfügbar bis 26.11.2023 WDR 4 Von Michael Westerhoff


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"Ein mulmiges Gefühl hab ich schon, aber ich versuche, nicht so viel an schlechte Dinge zu denken", erzählt uns die 84-jährige Anita aus Dortmund, die selbst mal ein Kriegskind war. "Ich habe ein kleines Enkeltöchterchen und eine Große und ich freue mich, wenn ich die im Advent sehe und mit ihnen feiern kann." Otto, 78 Jahre alt, ebenfalls aus Dortmund: "Ich hab irgendwie auch ein komisches Gefühl bei der ganzen Sache. Die Leute in der Ukraine, die sind ohne Strom, ohne Gas, und wir haben so viel Reichtum hier und machen uns Sorgen, wie es weitergeht."

Bewusster schenken – oder spenden

Otto will in dieser Weihnachtszeit mit seinen Lieben ganz bewusst Verzicht üben – auch bei den Geschenken: "Wir haben zwei Töchter, denen haben wir gesagt, wir spenden das Geld für soziale Einrichtungen. Wir haben keinen Baum mehr, wir haben einen Adventskranz: das ist das einzige, was wir haben"

Auch die 44-jährige Tanja aus Dortmund richtet sich auf eine besonders besonnene Weihnachtszeit ein: "Man macht alles viel bewusster – auch mit den Geschenken. Man sucht bewusster aus, spart auch da noch mal ein." Wer könne schon sagen, wie hoch seine nächsten Energieabrechnungen am Ende tatsächlich ausfallen?

Weihnachtsstimmung verbindet

Sich von Existenz- und Kriegsängsten und allgemeiner Krisenstimmung die Freude an Weihnachten "verderben" lassen? – Nein, im Gegenteil, sagt dazu unser Studiogast Margot Käßmann, ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Schließlich zeige doch auch die biblische Weihnachtsgeschichte "Menschen in einer schwierigen Situation – und das sind wir auch!" Zudem verbinde die allermeisten Menschen "eine Sehnsucht nach Frieden – und Friedlichkeit auch im Herzen: Und für die steht Weihnachten doch immer, egal ob die Menschen Christen sind oder nicht".

Festliche Beleuchtung wärmt die Seele

Aus Energiespargründen auf öffentliche Weihnachtsbeleuchtung komplett verzichten? – "Es muss nicht übertrieben sein, manchmal fand ich es auch zu dolle", sagt Margot Käßmann, gerade in diesen sorgenvollen Zeiten brauche es doch auch "diese gewisse Wärme in den Städten".

"Ich finde schenken schön, auch an Weihnachten, ich möchte aufs Schenken nicht verzichten", sagt Margot Käßmann. "Auch kleine Geschenke können ja sehr liebevoll sein, und es geht nicht darum, wie viel sie gekostet haben." Auf keinen Fall solle sich jemand für Weihnachten verschulden.

Weihnachten nicht überfrachten!

Das größte Geschenk ist für die ehemalige EKD-Ratsvorsitzende wohl das menschliche Miteinander zum Fest. Aber sie mahnt nicht zum ersten Mal: "Überfrachtet Weihnachten nicht!" Alle Jahre wieder seien die Leute enttäuscht, weil es doch wieder nicht so war "wie von der Werbung vorgegeben".

In Wahrheit seien wir alle "am 24./25. Dezember keine anderen Menschen als am 12. oder 23. Dezember." Deshalb findet Margot Käßmann, alle sollten ein bisschen nachsichtig miteinander sein, und wenn mal wieder etwas schief geht, es am besten mit etwas Humor nehmen. Weihnachten müsse nicht "perfekt" sein: "Es ist einfach schön, dass wir Zeit miteinander haben!"