Dick und selbst Schuld?

Arzt misst Bauchumfang eines übergewichtigen Patienten

Hirschhausens Sprechstunde

Dick und selbst Schuld?

Von Katharina Adick

Es gibt viele Ursachen für Übergewicht und Adipositas. Neben sozialen Faktoren, Stress, der Genetik, spielt vermutlich auch die individuelle Zusammensetzung der Darmbakterien eine Rolle. Und abzunehmen ist keineswegs so einfach, wie Schlanke es sich vorstellen.  

Low-Carb, Diät-Shakes oder Trennkost: Diäten gibt es wie Sand am Meer. Und tatsächlich können sie schon nach kurzer Zeit dafür sorgen, dass ein paar Kilos schwinden. Das Problem: Dieser Effekt ist nicht von Dauer, Studien zeigen das immer wieder. Kaum ist das angestrebte Gewicht erreicht, lässt auch die Disziplin nach. Entsagung ist eben kein Zustand, den wir Menschen dauerhaft aushalten und das führt dazu, dass sich alte Gewohnheiten wieder einschleichen, das Gewicht steigt – oft sogar über den Ausgangswert. Schuld daran sind auch unsere uralten genetischen Programme.

Darum funktionieren Diäten nicht

Unser Stoffwechsel stellt sich schnell auf einen niedrigeren Energiebedarf ein. Gleichzeitig neigen wir zu hochkalorischem Essen – es schmeckt einfach gut – und wir bewegen uns instinktiv eigentlich nur dann, wenn es unbedingt nötig ist. In der Höhle war das noch ein Überlebensvorteil. In der Fußgängerzone zwischen Wurstbuden, Bäckern und Waffelständen oder im Supermarkt inmitten zuckerhaltiger Fertiggerichte ist das eindeutig ein gesundheitlicher Nachteil. Das Gewicht zu reduzieren, funktioniert nicht im Sprint, sondern nur im Marathon und auch nur dann, wenn das Essen schmeckt, satt macht und im Verhältnis zum Energieverbrauch steht.

"Fat-Shaming" macht krank

Adipositas ist die letzte Bastion für ungehemmtes Kopfschütteln über eigentlich Kranke. Bei starkem Übergewicht und Adipositas scheint für die meisten Menschen noch klar: Dieser Mensch ist disziplinlos und selbst schuld an seinem Leid. Dabei gibt es noch viele unentdeckte Ursachen für Übergewicht. Forschende vermuten, dass die Zusammensetzung der Darmbakterien, das sogenannte Mikrobiom, eine große Rolle spielt. Daneben zählen psychische Faktoren, sozialer Status, Genetik und mögliche andere Erkrankungen zu den bekannten erheblichen Risikofaktoren. All diese Faktoren führen dazu, dass einige Menschen eher Fett ansetzen als andere und es auch schwerer haben, Gewicht zu verlieren.

Dennoch werden Übergewichtige häufig belehrt, gemieden oder sogar beschimpft. Diese negative Fremdwahrnehmung bleibt nicht folgenlos: Viele Betroffene übernehmen diese Sichtweise über kurz oder lang und richten sie gegen sich selbst und den eigenen Körper. So entsteht ein Teufelskreis, permanenter Stress verschlimmert die Situation und den Leidensdruck.

Adipositas-Chirurgie: Operationen mit Nebenwirkungen

Starkes Übergewicht kann gefährlich werden, aber schon wer ein paar Kilogramm abnimmt, erzielt damit positive Effekte für seine Gesundheit. Es lohnt sich also – auch wenn es in kleinen Schritten vorwärts geht. Bei einer ausgeprägten Adipositas aber ist das Abnehmen auf herkömmlichem Wege mitunter nicht mehr zu erreichen, etwa weil die Bewegungsfreiheit zu stark eingeschränkt ist. Dann raten Spezialisten unter Umständen auch zu einer Magenoperation.

Solche Eingriffe verändern das ganze Leben, sie verändern den Verdauungstrakt stark, sodass der Körper bestimmte Nährstoffe nicht mehr auf natürliche Weise aufnehmen kann. Die Patienten müssen sie in Form von Nahrungsergänzungsmitteln zu sich nehmen, ihr gesamtes Ernährungs- und Trinkverhalten umstellen. Es ist deshalb nicht nur wichtig, die allgemeinen Vor- und Nachteile eines solchen Eingriffs zu kennen, sondern auch genau zu prüfen, ob man dieser Lebensumstellung auch gewachsen ist.

Reiner Calmund und das Übergewicht

Hirschhausens Sprechstunde 11.01.2021 18:02 Min. Verfügbar bis 11.01.2022 WDR 4 Von Eckart von Hirschhausen/Katharina Adick


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Stand: 08.01.2021, 19:35