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Mehr als nur schlecht drauf

Mehr als nur schlecht drauf

Hirschhausens Sprechstunde

Mehr als nur schlecht drauf

Von Katharina Adick

Depressionen sind eine Volkskrankheit – allerdings wird noch immer viel zu wenig über sie gesprochen. Betroffene müssen fürchten, mit ihrem unvorstellbaren Leid auch von engen Angehörigen nicht ernst genommen zu werden. Oder auch von Versicherungen abgelehnt zu werden. Dabei ist die Krankheit sehr gut zu behandeln.

"Da wird man ja depressiv"

Fast jeder kennt Phasen im Leben, in denen alles sinnlos, trüb und grau erscheint und sich ein "deprimiertes" Gefühl einschleicht. Depression wird oft als Begriff gebraucht, um relativ alltägliche Niedergeschlagenheit und Stimmungsschwankungen zu beschreiben, die meist von äußeren Faktoren abhängen und vorübergehend sind. Depressionen im medizinischen Sinne sind aber etwas ganz anderes. Es handelt sich um eine ernste Erkrankung, die das gesamte Denken, Fühlen, Handeln, Erleben und die Körperwahrnehmung beeinflusst, mit Störungen von Körperfunktionen einhergeht und erhebliches Leiden verursacht. Menschen, die an einer Depression erkrankt sind, können sich selten allein davon befreien. Da die Krankheit für Außenstehende aber unsichtbar ist und zunächst wie eine Stimmungseintrübung oder ein "Hängenlassen" wirkt, führt das häufig zu Unverständnis im Umfeld der Patientinnen und Patienten. Das erhöht den Leidensdruck. Ratschläge, wie "du darfst dich da nicht so reinfallen lassen" oder "du musst dich vielleicht einfach mehr bewegen und deine Stimmung wird besser", mögen auf der Zunge liegen und gut gemeint sein, aber würde man das auch jemandem sagen, der sich gerade beide Beine und Arme gebrochen hat?

Hinzu kommt, dass sich eine Depression nicht immer durch eine niedergeschlagene Verhaltensweise äußert. Gereiztheit, antisoziales Verhalten oder auch körperliche Beschwerden führen gerade bei Männern häufig dazu, dass eine Depression nicht erkannt wird.

Hilfe suchen

Über die Entstehung von Depressionen ist bisher nicht viel bekannt. Man geht davon aus, dass biologische Vorgänge, psychische Faktoren, die Lebenssituation und besondere Ereignisse im Leben dabei zusammenwirken. An Depressionen können alle Persönlichkeitstypen, Menschen aus jeder sozialen Schicht, aus jeder Altersgruppe und jeden Geschlechts erkranken. Wenn mehrere Anzeichen, wie tiefe Traurigkeit, Interessenlosigkeit, Lustlosigkeit, länger als zwei Wochen anhalten, könnte sich eine Depression entwickelt haben. Die wichtigste Botschaft: Die Krankheit ist sehr gut behandelbar. Bei Depressionen hat sich – abhängig vom Schweregrad – eine Kombination aus Antidepressiva und Verhaltenstherapie bewährt. Aber wohin wenden? In schweren Phasen ist es für Menschen mit Depressionen häufig schon unmöglich, aufzustehen, sich anzuziehen – geschweige denn, Kontakt zu anderen aufzunehmen. Angesichts knapper Therapieplätze ist die Situation umso schlimmer. Auf den Seiten der Deutschen Depressionshilfe finden Sie eine Übersicht zu Anlaufstellen für akute Phasen, aber auch Tipps für die Suche nach einer passenden Therapeutin oder einem passenden Therapeuten sowie Hinweise für Angehörige.

Informationen über die Erkrankung selbst und eine gute Zusammenfassung zur Wirksamkeit von Antidepressiva finden Sie auf den Seiten des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG).

Was für Angehörige wichtig ist   

Eine Depression trifft fast immer mehr als einen Menschen. Die Folgen für Partner und Kinder können schwerwiegend sein. Besonders hilfreich ist es, wenn in der Familie offen über die Krankheit gesprochen wird. Insbesondere um Schuldgefühlen und anderen Erklärungsmustern vorzubeugen, die gerade für Kinder sehr belastend sein können und das Risiko für sie steigern, selbst zu erkranken. Besonders wichtig ist es auch für Partner, Eltern, Kinder oder Mitbewohner, sich selbst und das eigene Wohlbefinden nicht aus den Augen zu verlieren. Den anderen zu stützen – das setzt ja voraus, dass man selbst gesund bleibt. Und dazu gehören auch schöne und entspannte Freizeiterlebnisse. Auch wenn das den Angehörigen manchmal herzlos erscheint oder sie sich fühlen, als ließen sie ihren depressiven Partner oder ihre Partnerin hängen: Wer jemand anderen zeitweise stützen muss, muss selbst stark bleiben! Erfahrungen wie diese tauschen Menschen auch in Selbsthilfegruppen für Angehörige von Menschen mit Depressionen aus. Einige sehr konkrete Tipps für Angehörige finden Sie auf den Seiten der Deutschen Depressionshilfe.

Der "Familiencoach" ist ein Onlineangebot der AOK, das anhand praktischer Übungen und Videos zeigt, wie Sie den Erkrankten unterstützen können, ohne sich selbst dabei zu überfordern. In Kurzfilmen werden auch schwierige Situationen dargestellt, die sich zwischen depressiven Menschen und ihren Angehörigen entwickeln können. In einer depressiven Phase sind viele Menschen nicht mehr in der Lage, empathisch auf ihre Angehörigen zu reagieren und sie kreisen viel um sich selbst. Das kann manchmal zu viel werden, aber es gibt Strategien, die solche Situationen entschärfen.

Der Mensch ist ein Lauftier

Hirschhausens Sprechstunde 26.04.2021 02:17 Min. Verfügbar bis 26.04.2022 WDR 4 Von Eckart von Hirschhausen


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Stand: 29.01.2021, 10:58