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Stadtbäume unter Druck

 Die Kölner Agneskirche und Bäume spiegeln sich im Heck eines SUV

Stadtbäume unter Druck

Von Sabine Krüger

Sie tragen viel zu einem besseren Stadtklima bei. Sie leiden aber auch stark unter dem Klimawandel: unsere Stadtbäume. Ein Rundgang mit dem BUND Köln zu den Alleen der Stadt.

Stadtbäume unter Druck

WDR 4 Drinnen und Draußen 05.10.2019 02:20 Min. Verfügbar bis 04.10.2020 WDR 4

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Nachbarschaftshilfe für Stadtbäume

Krankheiten, Schädlinge und Trockenheit machen unseren Stadtbäumen zu schaffen. Eine Bestandsaufnahme in Köln und Versuche, den bedrängten und geschwächten Riesen zu helfen.

Katja Kleinert vor einer Sommerlinde

Katja Kleinert freut sich, dass es dieser Sommerlinde im Kölner Agnesviertel vergleichsweise gut geht. Und das, obwohl der mächtige Baum in einer nur circa vier Quadratmeter großen Baumscheibe wächst. Die Gärtnerin leitet ehrenamtlich für den BUND Köln einen Rundgang zu den Stadtbäumen. Wurzeln der Sommerlinde hebeln neben der Baumscheibe das Pflaster aus: "Wahrscheinlich haben die sich schon in die Kanalisation geschlichen, sonst wüsste ich nicht, woher der Baum Wasser nimmt."

Katja Kleinert freut sich, dass es dieser Sommerlinde im Kölner Agnesviertel vergleichsweise gut geht. Und das, obwohl der mächtige Baum in einer nur circa vier Quadratmeter großen Baumscheibe wächst. Die Gärtnerin leitet ehrenamtlich für den BUND Köln einen Rundgang zu den Stadtbäumen. Wurzeln der Sommerlinde hebeln neben der Baumscheibe das Pflaster aus: "Wahrscheinlich haben die sich schon in die Kanalisation geschlichen, sonst wüsste ich nicht, woher der Baum Wasser nimmt."

"Von den zehn häufigsten Stadtbäumen sind gerade mal zwei einheimisch, nämlich der Spitzahorn und die Linde. Von der gibt es mehrere Arten: Winterlinde, Sommerlinde, die Kreuzung von beiden, also die Krimlinde, Silberlinde und Silberhängelinde", erklärt Katja Kleinert. Das Foto zeigt das Blatt einer Winterlinde. Das erkennt man daran, dass es kleiner ist als das der Sommerlinde und an den Blattachseln braune Härchen wachsen.

Die Gärtnerin gibt den Teilnehmern auf dem Rundgang auch etwas Bestimmungshilfe. Hier sehen wir links das Blatt eines Feldahorns, in der Mitte das des Bergahorns und ganz rechts den Spitzahorn, dessen Blätter deutlich spitzer zulaufen als die anderen.

Alleebäume sind häufig Platanen, denn die waren bisher für die Herausforderungen in der Stadt ganz gut geeignet: heißes, trockenes Klima und wenig Wasser; an den Straßenrändern zusätzlich Autoabgase, Hundeurin und Streusalz. Mit dem Klimawandel verschärfen sich die Bedingungen: Katja Kleinert entdeckt an diesen Platanen Mehltau, eine Pilzkrankheit, die vor allem bei extremer Trockenheit auftritt.

In dieser Häuserflucht steht eine prächtige Blumenesche. Von Mai bis Juni tragen diese Bäume wunderschöne weiße Blütenrispen, die süß duften und auch bei Bienen und Hummeln sehr beliebt sind. Blumeneschen gelten als robust im Gegensatz zu unseren Einheimischen, die derzeit stark unter dem Eschensterben leiden, einer Pilzkrankheit. Blumeneschen stammen aus dem Mittelmeerraum und werden deshalb auch gerne als Klimawandelgehölze verkauft.

Der Blick nach gegenüber entsetzt die Rundgangsleiterin daher umso mehr. Auch das sind Blumeneschen, die aber sehr krank aussehen. Das Efeu in der Baumscheibe darunter wächst dagegen äußerst üppig. Um zu erfahren, woran die Bäume leiden, müsste man es entfernen. So kann die Gärtnerin nur mutmaßen, dass entweder das wuchernde Efeu den Bäumen Wasser entzieht oder hier auch der Pilz zugeschlagen hat, von dem Katja Kleinert bisher glaubte, dass er Blumeneschen nicht befalle.

Erstaunlich ist, wie vielfältig die Alleen im Kölner Agnesviertel bepflanzt sind: Platanen, verschiedene Linden, Blumeneschen, Spitzahorn, Chinesischer Götterbaum, Ginkgo. Und das Foto hier zeigt die Früchte von Baumhaseln. Ansonsten kennt man Haselnüsse eher als breit ausladende Sträucher. Die wären aber für die Stadt nicht geeignet, denn hier sollten Bäume möglichst gerade nach oben wachsen und sich erst nach circa vier Metern Höhe verzweigen.

Ein Problem für Stadtbäume sind regelmäßig die viel zu kleinen Baumscheiben. "Die Faustregel bei Bäumen lautet: Wurzeldurchmesser gleich Kronendurchmesser", erklärt Katja Kleinert. So groß sind Baumscheiben aber in der Regel nicht. Immer wieder sieht man, wie sich außerhalb Wurzeln durchs Pflaster zwängen. Um diese direkt zu wässern, müsste man also eigentlich das Pflaster gießen.

Bepflanzung unter Bäumen sorgt dafür, dass Gießwasser nicht so schnell verdunstet. Engagierte Bürgerinnen und Bürger übernehmen in Köln Baumpatenschaften und bepflanzen Baumscheiben. "Ökologisch sinnvoll ist das, wenn standortgerecht gepflanzt wird, wenn Pflanzen ausgewählt werden, die wenig Wasser brauchen und möglichst insektenfreundlich sind", rät die Gärtnerin. "Das ist hier sehr gut gelungen!"

Insektenfreundlich ist auch die Bepflanzung mit Wildblumenmischungen wie hier. Katja Kleinert schätzt das Bürger-Engagement sehr, merkt aber kritisch an, dass die Stadtverwaltung sich damit aus der Verantwortung stehle. Dabei leisten Stadtbäume viel fürs Klima und die Natur: Sie beschatten, kühlen ihre Umgebung ab und sind Lebensraum für Insekten, Vögel und sogar Fledermäuse. Die nisten zum Beispiel in Höhlen alter Platanen.

Auch hier ist das bürgerschaftliche Engagement für die Baumscheibe zu loben, gärtnerisch ist diese Bepflanzung aber nicht sinnvoll: "Rhododendron braucht es kühl, feucht, schattig und sauren Boden, die Rose braucht es warm, trocken, sonnig und der Boden sollte nicht allzu sauer sein. Die haben also genau gegensätzliche Bedürfnisse. Insekten- und vogelfreundlich ist die Bepflanzung auch nicht. Zumindest bekommt der Baum aber Wasser, wenn das Beet gegossen wird", so Katja Kleinert.

In dieser Allee stehen Chinesische Götterbäume, deren Blätter teilweise auch vertrocknet sind. "Zudem sind diese Bäume problematisch, weil sie sich unheimlich stark verbreiten. Ich habe früher in der Nähe gewohnt und hatte ständig Sämlinge im Balkonkasten", erzählt die Rundgangsleiterin. Und tatsächlich sieht man am Straßenrand und aus Ritzen an Häuserwänden Sämlinge wachsen.

Das Kölner Grünflächenamt testet aktuell 18 Baumarten auf ihre Zukunftsträchtigkeit mit dem Klimawandel. Der asiatische Ginkgo ist auch darunter. Allerdings sehen einige der im Agnesviertel gepflanzten Ginkgobäume auch krank aus. Zudem stinken die Früchte weiblicher Ginkgobäume nach Buttersäure. Man sieht den Jungpflanzen nicht an, ob sie männlich oder weiblich sind, merkt es also erst, wenn sich nach vielen Jahren die Früchte gebildet haben.

Katja Kleinert wünscht sich für ein besseres Kölner Klima eine Abkehr von der autogerechten Stadt: mehr Platz für Bäume, weniger Versiegelung, zum Beispiel statt asphaltierter Parkplätze Rasengittersteine oder Schotterrasen. "Aber das kostet eben", meint sie.

Um mit etwas Positivem zu enden, macht die Rundgangsleiterin vor einer Baumscheibe an der Neusser Straße Halt: "Dem Spitzahorn hier geht es zwar nicht gut, aber davor wächst eine Japanische Wollmispel. An einigen Stellen gab es in Köln dieses Jahr zum ersten Mal reife Wollmispeln zu ernten. Der Klimawandel kennt also auch Gewinner", lacht sie. Früher galt der Baum bei uns als nicht winterhart.

Lesetipps:

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Stand: 01.10.2019, 16:00