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Goethe als Gärtner und Pflanzenforscher

Goethe als Gärtner und Pflanzenforscher

Seine Gedichte durch die Blume an seine diversen Liebschaften sind bekannt. Aber Goethe war auch ein guter Natur-Beobachter und forderte damit die Botanik seiner Zeit heraus.

Botanikerin Karin Ladenburger ist auch literarisch interessiert. Für die Führung in den Botanischen Gärten Bonn zu Goethes Pflanzen ist sie gerne in die Archive abgetaucht, um mehr über den Gärtner und Pflanzenforscher Goethe zu erfahren. Ihre Fundstücke präsentiert sie äußerst kurzweilig. Zum Beispiel mit dem knackigen Einzeiler des Dichters zum Wein: "Für Sorgen sorgt das liebe Leben und Sorgenbrecher sind die Reben."

Zwischen dem Dichter und dem Botanischen Garten Bonn gibt es eine ganz besondere Beziehung, erzählt Karin Ladenburger: "Nees von Esenbeck war unser erster Gartendirektor. Und der fuhr persönlich nach Weimar, um Herrn Goethe 50 Asternsamen zu bringen. Nees von Esenbeck war einer der wenigen Botaniker, die Goethe auch als Wissenschaftler ernst genommen haben. Und es gibt einen wirklich umfangreichen Briefwechsel."

Seine Beobachtungen an der Zwergpalme im Botanischen Garten Padua waren für die damalige Zeit ungeheuerlich: Er dokumentierte, dass die Blätter der Palme sich aus einem schmalen Fortsatz zu einem breiten, gefiederten Wedel entwickeln und zog daraus den Schluss, dass Pflanzen sich generell fortentwickeln. "Da war ja zum großen Teil noch die Ansicht: Alles was ist, ist so, wie Gott es erschaffen hat. Und alles, was da an Veränderungs- und Entwicklungsgedanken hochkam, war erst einmal sehr suspekt", so die Rundgangsleiterin.

"Eine Mistel auf einem Ahornbaum fand Goethe auch in Weimar vor. Er hielt die Mistel für eine sehr faszinierende Pflanze, was sie auch ist", bekräftigt die Botanikerin. "Die kugelige Form der Mistel beispielsweise kommt dadurch zustande, dass sie sich nicht nach der Sonne ausrichtet, sondern sich immer genau mittig teilt und gleichmäßig nach links und rechts wächst."

"Alles ist Blatt", war Goethes entscheidende Erkenntnis in der Botanik. Das sogenannte "Brutblatt" scheint vordergründig diese These zu stützen. "Die Blätter bilden kleine Pflanzen und wenn sie runterfallen, wachsen daraus Neue", erklärt Karin Ladenburger. "Goethe hat sich bis zu seinem Lebensende mit dieser Pflanze befasst, sodass sie auch 'Goethepflanze' genannt wurde."

An dieser Pavonia cauliflora meinte Nees von Esenbeck erkannt zu haben, dass die Blüte direkt am Stamm wächst. "Das sieht auch so aus", bestätigt Ladenburger, "aber tatsächlich wachsen die Blüten doch an einem kurzen Stiel, nicht so wie beim Kakao, dessen Blüten sich wirklich direkt am Stamm bilden. Zwischen Nees und Goethe entspann sich zu dieser Pflanze ein Briefwechsel, an dessen Ende Nees den Dichter fragte, ob er sie nach ihm benennen dürfe. Goethe war geschmeichelt und deshalb heißt die Pflanze auch Goethea cauliflora."

Auch eine Dahlie wurde nach dem Dichter benannt: Georgina Goethea. Damals hießen Dahlien noch Georginen. Das Universalgenie ist den Dahlien erst mit circa 60 Jahren begegnet, aber sie haben ihm so gut gefallen, dass er selbst welche gezüchtet hat.

Die Maulbeere hätte eigentlich dafür sorgen können, dass Goethe Pflanzen komplett meidet. "Sein Vater glaubte, Seidenraupen züchten zu können und die Maulbeere ist die Futterpflanze der Seidenraupen. Aber die Tiere sind sehr empfindsam, die lassen sich nicht so einfach züchten. Und der kleine Johann Wolfgang musste immer das Gehege reinigen, was er furchtbar gruselig fand. Das hat seine Liebe zur Maulbeere nachhaltig gestört", so Ladenburger.

Goethes Liebe zu den Pflanzen entwickelte sich dennoch, trotz dieses frühen Maulbeer-Erlebnisses. Gedichte über Blumen und Bäume widmete er Freundinnen und Geliebten: Sein bekanntes Gedicht über den Ginkgo biloba hat er an Marianne von Willemer gerichtet. "Er hat sie nur zwei- oder dreimal im Leben gesehen, sie war die Freundin eines Freundes und alles andere hat sich dann wohl verboten. Aber der Briefwechsel war innig und der Dichter hat Gedichte von ihr in den 'West-östlichen Divan' übernommen."

Goethe hatte sein Gartenhaus an der Ilm komplett mit Kletterrosen beranken lassen. Das bekannteste Rosen-Gedicht von Goethe – das "Heidenröslein" – bezog sich auf seine Affäre mit Friederike Brion, so Karin Ladenburger. "Die hat er mit tiefem beiderseitigem Herzeleid verlassen. Später hat er seiner Charlotte von Stein immer wieder Rosen geschickt, eine tiefe Beziehung, aber wohl platonisch."

"Goethe war so fasziniert vom Enzian, dass er ihn immer, wenn er in den Bergen war, gesucht hat, egal, ob er im Harz war, in der Schweiz oder in Italien. Das weiß man aus seinen Tagebüchern", so die Rundgangsleiterin.

"Goethe als Genießer hat sich gerne mit Schönheit umgeben", erzählt Karin Ladenburger: "Im ersten Weimarer 'Garten am Stern' hat er eine Allee aus Malven in Safran, Lila und Rosa gepflanzt. Am Ende dieser Allee ließ er eine der ersten nicht-figürlichen Skulpturen aufstellen: ein Würfel und oben eine Kugel, als Symbole von Beständigkeit und Beweglichkeit. Wenn die Malven geblüht haben, hat er ein Malvenfest gefeiert, um den schönen Anblick zu teilen."

Seine Liebe zu Pflanzen zeigt sich auch am Wacholder. Als ein alter Wacholder-Busch an seinem Gartenhaus an der Ilm vom Sturm gefällt wurde, ging ihm das sehr nahe: "Er hat das in Briefen erzählt und er hat es in sein Tagebuch geschrieben. Und er war dabei, als er kleingesägt wurde und hat das Holz weiterverarbeiten lassen in kleinere Gegenstände, um sie dann wertvollen Menschen zu schenken und für sich selbst zu bewahren."

Goethe interessierte sich auch für Nutzpflanzen: Schon 1776 hat er sich beispielsweise mit Hopfen-Anbau beschäftigt. Und er hat sich einen Garten gekauft mit einer Hopfen-Anlage, den er fünf Jahre lang besessen hat.

Auch kulinarische Genüsse wusste der Dichter zu schätzen. Der Artischocke widmete er dieses leicht anzügliche Gedicht:
"Gegen Früchte aller Arten / Saftig-süßen, schmacklich-zarten / aus gepflegtestem Revier / send ich starre Disteln dir /
Diese Distel, laß sie gelten / ( Ich vermag sie nicht zu schelten / Die, was uns am besten schmeckt / in dem Busen tief versteckt).
"
Die Artischocke galt zu Goethes Zeiten als "Königin der Gemüse". Die Führung mit Karin Ladenburger zu Goethes Pflanzen kann über die "Grüne Schule" der Botanischen Gärten Bonn gebucht werden.

Stand: 05.08.2019, 12:00 Uhr