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Geschichten und Geheimnisse der ESC-Songs

Geschichten und Geheimnisse der ESC-Songs

Von Bastian Bender/Sabine Kortland/Jasper Witkowski

Den Eurovision Song Contest, kurz ESC – bis 2001 in Deutschland unter dem französischen Namen "Grand Prix Eurovision de la Chanson" bekannt – gibt es nun seit 65 Jahren. Ein Grund mehr, einmal einen Blick auf eine Auswahl der einzelnen Teilnehmer und ihre unverwechselbaren ESC-Songs zu werfen.

Rudi Carrell: "Wat Een Geluk" (1960)

Um seine Bekanntheit auch über die niederländischen Grenzen hinaus zu erhöhen, tritt Rudi Carrell mit "Wat Een Geluk" 1960 beim Songcontest an. Der Titel ist so eine Art holländisches "Schön ist es auf der Welt zu sein". Er wird vorletzter und Frankreich gewinnt mit Jaqueline Boyer. Danach zeigt Rudi Carrell, dass er schlau ist. Er macht sich in mehreren Shows über seine Niederlage lustig. Lacht über sich selbst. Das gibt ihm einen riesigen Bekanntheits-Schub! Ein Jahr später startet die "Rudi Carrell Show" in den Niederlanden, fünf Jahre später in Deutschland.

Rudi Carrell: "Wat Een Geluk" (1960)

Um seine Bekanntheit auch über die niederländischen Grenzen hinaus zu erhöhen, tritt Rudi Carrell mit "Wat Een Geluk" 1960 beim Songcontest an. Der Titel ist so eine Art holländisches "Schön ist es auf der Welt zu sein". Er wird vorletzter und Frankreich gewinnt mit Jaqueline Boyer. Danach zeigt Rudi Carrell, dass er schlau ist. Er macht sich in mehreren Shows über seine Niederlage lustig. Lacht über sich selbst. Das gibt ihm einen riesigen Bekanntheits-Schub! Ein Jahr später startet die "Rudi Carrell Show" in den Niederlanden, fünf Jahre später in Deutschland.

Conny Froboess: "Zwei kleine Italiener" (1962)

Als Siebenjährige singt Conny Froboess "Pack die Badehose ein" und wird bekannt: Sie spielt in Filmen, singt mit Peter Kraus oder Peter Alexander und dann geht sie 1962 zum Grand Prix. Conny Froboess wird nur sechste. Danach trauen sich über Jahre andere deutsche Musik-Größen nicht mehr zum Grand Prix, aus Angst vor einem Karriereknick. Für Conny selbst spielt die Niederlage keine große Rolle– denn kommerziell sind ihre Italiener der größte Erfolg des Musikwettbewerbs in diesem Jahr.

France Gall: "Poupée de cire, poupée de son" (1965)

Da steht die 17-jährige France Gall mit unschuldigen braunen Augen und blonden Haaren und singt von ihrer Puppe: Mit "Poupée de cire, poupée de son" gewinnt sie 1965 in Neapel den ESC. Udo Jürgens wird Vierter mit "Sag ihr, ich lass‘ sie grüßen". Ganz so harmlos ist France Galls Lied nicht: Komponist Serge Gainsbourg gibt später zu, dass es in dem Text eigentlich um Selbstbefriedigung geht. Und bis heute finden viele: Er hat die Unbedarftheit von France Gall damals ausgenutzt. In einem Interview sagt sie später, das alles habe sie schrecklich verletzt. Sie gewinnt aber nicht nur den Songcontest, sie ist in dem Jahr auch die kommerziell erfolgreichste Sängerin, besonders in Deutschland. Damit France Gall ihre Lieder im Studio einsingen kann, muss damals für die nur knapp 1,60 m große Sängerin ein Mikrofon angefertigt werden, das ganz niedrig eingestellt werden kann.

Udo Jürgens: "Merci, Chérie" (1966)

1966 probiert er es noch ein Mal! In den beiden Vorjahren ist Udo Jürgens zwar in den Top Ten beim Grand Prix gelandet. Und er schreibt auch erfolgreich Hits für andere Künstler, wie Frank Sinatra oder Shirley Bassey. Aber er will unbedingt Erster werden. Und das wird er, mit seinem letzten Versuch: Am Klavier sitzt ein schlacksiger Mann, mit abstehenden Ohren und singt "Merci chérie". Die deutsche Jury gibt Österreich null Punkte und steht am Ende mit dieser Einschätzung ziemlich allein da: "Merci chérie" landet auf Platz 1! Udo liefert danach einen Hit nach dem anderen und zwar nicht Gute-Laune-Schlager und Romantik-Kitsch. Er singt auch über Kindesmissbrauch und Umweltverschmutzung oder kritisiert das Spießertum. Österreich verehrt Udo Jürgens bis heute.

Sandie Shaw: "Puppet on a string" (1967)

Sie hasst das Lied vom ersten bis zum letzten Ton, besonders diese Kuckucks-Melodie und diesen sexistischen Unterton im Text. Sandy Shaw ist 1967 die vielleicht unzufriedenste ESC-Gewinnerin aller Zeiten – mit "Puppet on a string". Beim festlichen Finale in der Wiener Hofburg gibt es eine penible Kleiderordnung: Das Publikum im Festsaal trägt Smokings und Abendkleider. Auf der Bühne gilt diese Kleiderordnung nicht - Sandy tritt barfuß auf. Und gewinnt. Komponist Phil Coulter erkärt, warum gerade das Marionetten-Lied gewonnen hat: Andere hätten den Fehler gemacht, etwas für Sandie schreiben zu wollen. Er habe ein Lied für Europa geschrieben. "Puppet on a string" landet in zehn Ländern auf Platz 1, sogar in Neuseeland und Argentinien. Es gibt mittlerweile über 200 Coverversionen.

Cliff Richard: "Congratulations" (1968)

Mit Cliff Richard wird der absoluten Pop-Gigant ausgewählt. "Congratulations" soll sein Siegertitel werden. "Congratulations". Das Finale wird zum ersten Mal in Farbe gezeigt. Cliff Richard trägt einen blauen Anzug mit weißen Rüschen. Dann kommt die Punktevergabe. Er liegt natürlich vorn. Bis kurz vor Schluss die Punktevergabe aus Frankfurt kommt, Deutschland gibt Cliff Richard nur zwei Punkte, Spanien sechs. Die damals recht unbekannte Sängerin Massiel gewinnt mit "La la la". In England spricht man von einem Debakel. Cliff Richards Karriere läuft weiter wie bisher, der zweite Platz schadet ihm nicht. Und auch nicht der dritte Platz ein paar Jahre später.

Massiel: "La, la, la." (1968)

Für Spanien soll 1968 ein Sänger namens Joan Manuel Serrat antreten, mit dem tiefsinnigen Titel "La la la". Aber die Strophen sind in katalanischer Sprache und in dieser Regionalsprache zu singen, ist damals verboten. Serrat sagt: "Ich singe nur so oder gar nicht." Und deshalb fliegt kurzfristig die relativ unbekannte Sängerin Massiel zum Finale nach London. Aber die Konkurrenz ist eigentlich nicht zu besiegen: Wenke Myhre singt für Deutschland, Karel Gott für Österreich und Cliff Richard für GB! Bei ihrem Auftritt hat die 20-Jährige Jetlag, weil sie gerade erst aus Mexiko anreist – da war sie vorher auf Tour. Bei der Punktevergabe liegt Cliff Richard vorne und im allerletzten Moment gewinnt dann doch Spanien. Damit hat niemand gerechnet. Der Sieg sei von Spaniens Dikator Franco gekauft, behaupten einige.

Lulu: "Boom bang a bang" (1969)

Lulu aus Großbritannien wird Erste, aber nicht allein! Ob sie nun gewinnt oder nicht, kann Lulu fast egal sein, denn sie ist bereits seit gut fünf Jahren bekannt und macht erfolgreich Musik und schauspielert. Ihr Lied "Boom Bang a Bang" ist so eingängig, da kann auch nicht viel schiefgehen. Lulu landet mit 18 Punkten auf Platz 1, genau wie Lenny Kuhr aus den Niederlanden, Frida Boccara aus Frankreich und Salomé aus Spanien. Danach werden die Regeln geändert! Lulu macht weiter Musik und ist ein paar Jahre mit Maurice Gibb von den Bee Gees verheiratet. Heute mit Anfang 70 ist Lulu immer noch sehr aktiv und hat sogar vom Königshaus den Ritterorden bekommen.

Lenny Kuhr: "De Troubadour" (1969)

Vier unterschiedliche Frauen landen auf dem ersten Platz! Das ist eine ziemlich unangenehme Sache, damals 1969 in Madrid. Eine der vier Gewinnerinnen, Lenny Kuhr, die für die Niederlande siegt, sagt: "Das Teilen hat mich nicht gestört!" Sie spielt ihre selbst geschriebene Komposition "De Troubadour" auf der Gitarre. Danach verliert Lenny ihr Sieger-Instrument: Die legendäre Gitarre, auf der sie erst Unterricht in Eindhoven bekommt und später den Songcontest gewinnt. Anfang 2021 kommt ein Anruf, beim Ausräumen eines Kellers habe man etwas gefunden, das solle sie sich mal ansehen. Nach einem Treffen in einem Café in Amsterdam wird aus dem Koffer Lennys Gitarre gezogen. Sie ist so glücklich! Beim ESC-Finale aus Rotterdam wird sie in der Pause auftreten, heißt es – vielleicht ja mit ihrer legendären Gitarre.

Dana: "All kinds of everything" (1970)

Die kindliche Dana aus Derry in Nordirland wird ein Megastar: Sie gewinnt 1970 im Finale in Amsterdam gegen Julio Iglesias und Katja Ebstein! Sie steht in TV-Shows neben Queen und David Bowie, bekommt eine eigene Radioshow. Ihr Hit "All kinds of everything" läuft in Europa, Brasilien und Australien! Und heute macht sie immer noch Musik und Ende 2019 ist ein neues Album rausgekommen. Zwischendurch ist sie als Politikerin aktiv, wird aber nicht mehr wiedergewählt. Das Gewinner-Kostüm wird im Stadtmuseum von Derry ausgestellt – und die ganze Stadt ist sehr, sehr stolz.

Mary Hopkin: "Knock knock who's there" (1970)

Mary Hopkin ist zu der Zeit, als sie siegessicher zum ESC antritt,schon zwei Jahre gut im Geschäft. Unter Vertrag beim Beatles-Plattenlabel "Apple Records". Ihr Lied "Knock knock who’s there" ist ein Ohrwurm. Dana zieht allerdings überraschend für Irland an Mary vorbei mit "All kinds of everything". Langfristig klappt die große Weltkarriere danach nicht, aber Mary bringt bis heute immer mal wieder Musik raus. Sie ist Anfang 70, lebt in Wales und auch ihre beiden Kinder Jessica und Morgan haben Alben veröffentlicht – mit Hilfe von Mama Mary.

Katja Ebstein: "Wunder gibt es immer wieder" (1970)

Eine Frau aus der Studentenbewegung singt ein Lied, das anders klingt als die ganzen anderen. "Wunder gibt es immer wieder" ist ein Schlager mit Einflüssen von Soul und Blues und er gefällt der Jury im Vorentscheid. Und so fährt Katja Ebstein zum ESC nach Amsterdam. Auch da fällt sie auf! Sie trägt ein Minikleid mit Stiefeln, singt "Wunder gibt es immer wieder" – und das Publikum liebt es. Sie wird Dritte. Und ihr Song geht um die Welt, ihn gibt es auf Spanisch, Englisch, Italienisch und Japanisch. Danach singt Katja weiter, spielt in Filmen und im Theater. Sie demonstriert für Frieden und gegen Atomkraft und setzt sich für Kinder- und Umweltschutz ein. Sie bringt Alben mit Chansons und literarischen Texten raus, aber wird auch Zweite bei "Let's Dance".

Mocedades: "Eres Tu" (1973)

1973 ist Israel ist zum ersten Mal beim ESC dabei. Cliff Richard singt für Großbritannien, Gitte für Deutschland. Für Spanien geht die Band Mocedades mit dem Ohrwurm "Eres Tu" an den Start. Die sechs Sängerinnen und Sänger stehen nebeneinander, die beiden Frauen im grünen und rosafarbenen Kleid, die Herren in Anzügen. Hinter ihnen sitzt das Orchester in einer hellen 70er-Jahre-Deko – angeordnet auf Balkonen in drei Reihen. Sie werden Zweite, landen aber in diesem Jahr den größten kommerziellen Erfolg. Die Schwestern Amaya und Izaskun Uranga sind auch heute noch fester Bestandteil der Band.

Cliff Richard: "Power to all our friends" (1973)

Cliff Richard ist der glücklichste Songcontest-Verlierer aller Zeiten: 1968 singt er "Congratulations" und landet auf Platz zwei hinter Massiel mit "La, la, la". Fünf Jahre später erreicht Richard mit "Power to all our friends" den dritten Rang. Bei beiden Auftritten ist der Sänger ein ziemliches Nervenbündel: Nach seinem ersten Auftritt sperrt er sich so lange ins Klo ein, bis die Punktevergabe vorbei ist. Dennoch betont Cliff Richard, er habe nur gute Erinnerungen an seine ESC-Teilnahmen. In den Charts schießen beide Songs nach oben.

Abba: "Waterloo" (1974)

Die vier Musiker namens Agnetha, Anni-Frid, Björn und Benny scheitern zunächst 1973 beim Vorentscheid in Schweden. Ihre Kostüme erinnern ein bisschen an die Kelly Family und sie singen den Song "Ring Ring". Ein Jahr später probieren sie es nochmal, mit neuem Outfit, neuem Namen und mit neuem Song. Mit "Waterloo" gibt es anstatt der acht Punkte vom Vorjahr über 300 Punkte für ABBA! Sie dürfen zum Finale nach Brighton und gewinnen knapp. Björn und Benny können es nicht glauben und vermuten erst einen Fehler bei der Punkte-Auszählung. Die Modezeitschrift "Vogue" jubelt später über "Agnetha in einer kobaltblauen Bomberjacke aus Velourstoff mit passenden Satin-Pantalons und funkelnder Kappe". Kopien davon werden bis heute in Kostümshops verkauft. "Waterloo" wird ihr erster Nummer-1-Hit. Das Album verkauft sich von Europa bis nach Australien wie verrückt. Später folgen ein ABBA-Film, ein ABBA-Musical, eine ABBA-Party – und ein ABBA-Museum.

Teach-In: "Ding-a-dong" (1975)

"Ich habe mich gefühlt wie die Queen von England", sagt Teach-In-Sängerin Getty Kaspers, wenn sie auf diese verrückte Zeit zurückblickt. 1975 ist Teach-In aus den Niederlanden mit "Ding-a-dong" angetreten! Die Band gibt es schon seit ein paar Jahren. Allerdings mit wechselnder Besetzung. Sie singen nur einmal vor, werden ausgewählt und gewinnen den Grand Prix. Danach werden sie in ganz Europa gefeiert. Heute singt die Frontfrau Getty immer noch. Schauen Sie beim Finale in Rotterdam mal ganz genau hin: Angeblich wird sie auch auf der Bühne stehen.

Joy Fleming: "Ein Lied kann eine Brücke sein" (1975)

Gefreut hat sie sich auf ihrem ESC-Auftritt 1975 erstmal nicht: Joy Fleming hatte Angst um ihr Leben, denn ein Fan von Jürgen Marcus, gegen den sich Joy Fleming durchgesetzt hat, spricht Morddrohungen gegen sie aus. Als das Finale beginnt und Joy singt, ist alles vergessen. In einem knallgrünen Kleid schmettert sie ihren Hit "Ein Lied kann eine Brücke sein" für Deutschland. Ihr Auftritt begeistert viele Menschen, aber nicht die Jurys: Joy belegt den 17. Platz. Udo Jürgens hat mal sinngemäß über sie gesagt, dass die Niederlage beim ESC auch die Karriere eines vorher großen Stars zerstören kann. Bei Joy Fleming passiert genau das Gegenteil: Sie singt unbeeindruckt weiter. Nach einer Tour erholt sie sich davon auf ihrem Bauernhof. Um sie herum ihr Partner Bruno, wie auch Hunde, eine Katze, Fische und ihr Papagei. Mit 72 schläft Joy Fleming friedlich zuhause auf der Couch ein und wird einfach nicht mehr wach.

Les Humphries Singers: "Sing Sang Song" (1976)

Eigentlich ist das Votum 1976 klar: Tony Marshall soll zum Finale nach Den Haag fahren. Aber: Das Lied gab's vor vier Jahren schon – also wird er disqualifiziert. Platz zwei tritt an: Die Les Humphries Singers mit "Sing Sang Song". Auch ihnen wird vorgeworfen, der Song sei geklaut – das stimmt aber nicht. Dann steht fest: Maximal sechs von ihnen dürfen auf die Bühne. Dabei sind die Les Humphries Singers immer eine riesengroße Truppe. Der Auftritt wirkt deshalb irgendwie trocken und sie landen nur auf Platz 15. Immerhin: 450 Millionen Menschen schauen zu.

Silver Convention: "Telegram" (1977)

Silver Convention haben gemeinsam mit ihren Produzenten Michael Kunze und Silvester Levay bereits einen Grammy gewonnen, als sie 1977 beim ESC mit "Telegram" auf der Bühne stehen. Zehn Minuten vor dem Auftritt in London macht es dann "Ratsch": Bei Silver-Convention-Sängerin Ramona Wulf platzt der Hosenanzug. Und ihr ist klar: Das wird knapp. Sängerin Penny McLean probiert zu retten, was zu retten ist – und näht los. Danach sagt sie zu Ramona: Ab jetzt bitte nicht mehr atmen. Es klappt: Keiner merkt was. Trotzdem landet Silver Convention nur auf Platz acht. Nach dem Auftritt beim ESC ist Silver Convention weiter erfolgreich: Die Frauen touren durch Europa, Japan, die USA. Nach insgesamt fünf Jahren trennen sie sich – zwischendurch gibt es einige personelle Wechsel. Die drei Original-Sängerinnen bleiben aber Freundinnen.

Marie Myriam: "L'oiseau et l'enfant" (1977)

In den 70ern klingt der ESC nach Disco. Da gewinnt ein flotter Hit nach dem anderen. ABBA aus Schweden, Teach-In aus den Niederlanden, Brotherhood of Men aus Großbritannien. 1977 will Frankreich diese Regel brechen. Und schickt eine 20-jährige Sängerin namens Marie Myriam ins Rennen. Was sie singt, ist keine gut gelaunte Disco-Nummer, sondern ein Chanson über einen Vogel und ein Kind. Sie ist die Letzte, die an diesem Abend auftritt – eigentlich immer ein schlechtes Omen. Aber: Marie wird Erste. Es bleibt bis heute der letzte Sieg Frankreichs beim ESC. Inzwischen ist Marie Myriam Anfang 60 – und kehrt in diesem Jahr als Teil der ESC-Jury zurück. Die diesjährige französische Kandidatin hat sie mitausgewählt. Barbara Pravi singt keine flotte Disco-Nummer, sondern ein Chanson. Schließt sich da der Kreis?

Dschinghis Khan: "Dschinghis Khan" (1979)

Dschinghis Khan gewinnt den ESC-Vorentscheid 1979 – Ralph Siegel hat den Titel zur Band geschrieben. Aber es gibt Kritik: Kann Deutschland wirklich mit der Textzeile "Sie trugen Angst und Schrecken in jedes Land" ausgerechnet in Israel auftreten? Die Anreise läuft für Siegels Gruppe problemlos. Die Schweizer aber werden von den israelischen Sicherheitsleuten am Flughafen rausgezogen. Die haben für ihren Auftritt Gießkannen und Wasserschläuche dabei und müssen sich erstmal erklären. Klappt aber am Ende auch. Im Finale landet Dschingis Khan auf Platz vier – und bekommt auch von der Gastgeber-Jury Punkte. Nach dem ESC ist "Moskau" direkt die nächste Erfolgs-Single von Dschinghis Khan. Ein paar Jahre später hören sie auf, finden wieder zusammen, trennen sich, 2007 gibt's nochmal ein Comeback.

Milk & Honey mit Gali Atari: "Hallelujah" (1979)

Es ist 1979. Sängerin Gali Atari hat es alleine nicht zum Grand Prix geschafft, also tut sie sich beim israelischen Vorentscheid mit "Milk and Honey" zusammen – das sind drei junge Sänger. Sie nehmen diesen unverschämt eingängigen Song: "Hallelujah". Im Grunde genommen wiederholt sich da ein musikalisches Motiv sechs Mal. Das geht ins Ohr. Die meisten von uns verstehen nur ein Wort, "Hallelujah" – der Rest ist Hebräisch, denn damals wird beim Grand Prix grundsätzlich in der eigenen Landessprache gesungen. Es geht um die Liebe zu Gott und ein friedliches Leben – das Wort Hallelujah kommt rund 20 Mal vor. Gali trägt ein rosafarbenes Kleid, die Jungs weiße Hosen und Hemden mit bunten Glitzer-Hosenträgern. Und so gewinnen sie den Grand Prix. Danach touren sie zunächst um die Welt und produzieren neue Songs, ehe sich Gali und die drei Sänger mit dem Management zerstreiten. Es geht vor Gericht – und erst 14 Jahre später bekommt Gali Atari ihr Geld. Da braucht sie es eigentlich nicht mehr, denn sie ist bis heute als Sängerin erfolgreich.

Johnny Logan: "What's another year" (1980)

Nach der Titelverteidigung 1979 soll Israel 1980 zum zweiten Mal in Folge den ESC ausrichten. Stattdessen wird das Finale in die Niederlande verlegt, nach Den Haag. Paola singt für die Schweiz, Katja Ebstein wird Zweite mit "Theater" – und eine Ballade von Johnny Logan gewinnt: "What's another year". Es bleibt nicht der einzige ESC-Triumph für Johnny Logan: 1987 holt er mit "Hold me now" den Sieg erneut nach Irland, 1992 schreibt er den Gewinnersong "Why me" für die irische Sängerin Linda Martin. Auch heute ist Logan immer noch da: Mal tritt er alleine mit einer Gitarre auf, mal mit einem großen Orchester – und nebenbei schreibt er Hits für andere.

Lena Valaitis: "Johnny Blue" (1981)

Ralph Siegel will 1981 endlich den ESC gewinnen. Mit Katja Ebstein, Dschinghis Khan und Ireen Sheer hat's jeweils nicht geklappt. 1981 probiert er es mit Lena Valaitis und "Johnny Blue". Das Finale findet in Dublin statt. Der Auftritt ist perfekt einstudiert. Lena trägt ein dunkles, hochgeschlossenes Kleid mit etwas Blau und Rosa – die Farben reflektieren ganz toll im Licht. Sie singt die Geschichte von Johnny Blue, dem blinden Jungen, der so allein ist. Bei der Punktevergabe wird sie aber ganz knapp Zweite, nur vier Punkte hinter Bucks Fizz und "Making your mind up". Ralph Siegels Traum vom ESC-Sieg geht ein Jahr später mit Nicole und "Ein bisschen Frieden" in Erfüllung. Lena Valaitis lebt heute in München, ist 77 Jahre alt, hat ihre beiden Söhne in der Nähe und genießt es, Oma zu sein.

Bucks Fizz: "Making your mind up" (1981)

Was die Schweden können, das können wir auch! Sagt sich Großbritannien 1981. Sie casten zwei blonde Frauen und zwei blonde Männer und komponieren eine sehr eingängige Melodie. Der Auftritt wird erstmal belächelt. Was die Klamotten angeht, sparen die Briten keine Kosten und Mühen: Vier bunte Knallbonbons stehen auf der Bühne. Blau, gelb, grün, rot. Und eine Minute vor Schluss kommen Trick-Kleider zum Einsatz, bei denen die obere Schicht abgezogen wird. Zack – neue Röcke für die Frauen. Dazu eine flippige Choreographie. Und immer wenn die Kamera nah ranzoomt, wird heftig gezwinkert. Ganz knapp landet Bucks Fizz vor Lena Valaitis und ihrem "Johnny Blue" – und gewinnt. 40 Jahre und 15 Personalwechsel später gibt's die Band immer noch. Theoretisch. Sänger Bobby G ist als Einziger an Bord geblieben und trägt auch heute noch seinen knallgrünen Pulli auf der Bühne.

Nicole: "Ein bißchen Frieden" (1982)

"Frieden" – das Wort fällt am 24. April 1982 mehrfach beim ESC: Finnland singt über die Atombombe, Nicole hofft, dass die Menschen nicht so oft weinen. Nicole sitzt im schwarzen Kleid mit ihrer weißen Gitarre auf einem Hocker und sieht mit ihrer blonden Mähne ein bisschen aus wie ein Engel. Am Klavier begleitet sie Komponist Ralph Siegel im weißen Anzug. Sie gewinnen! Zuhause im Saarland zieht die Jugend aus Nicoles Heimatdorf zum Haus ihrer Oma Maria und es folgt eine rauschende Partynacht. "Ein bisschen Frieden" schießt in Deutschland an die Spitze der Charts und verdrängt sogar die NDW-Hits wie "Da da da" oder "Rosemarie". Die weiße Gewinner-Gitarre wird zur Zeit im Bonner "Haus der Geschichte" ausgestellt. Das Kleid trägt eine Modepuppe – und die steht zuhause bei Nicole im Flur.

Mary Roos: "Aufrecht geh'n" (1984)

Mit neun Jahren veröffentlicht Mary Roos bereits ihre erste Schallplatte. So sammelt sie schon viele Erfahrungen für die Teilnahme am ESC – auch wenn es nicht gleich beim ersten Mal klappt: 1970 verliert Mary Roos im Vorentscheid gegen Katja Ebstein. 1972 schafft sie den Vorentscheid und darf nach Edinburgh für Deutschland fahren. Mit "Nur die Liebe Lässt uns leben" erreicht die 21-Jährige den 3. Platz. Gegen Joy Fleming muss sich Mary Roos bei einem dritten Versuch 1975 im Vorentscheid geschlagen geben. Auch 1982 scheitert sie im Vorentscheid an der späteren Gewinnerin Nicole. 1984 schafft die Sängerin mit "Aufrecht geh’n" zum zweiten Mal den Sprung ins europäische Finale des Grand Prix d’Eurovision und erreicht Platz 13. Angeblich erhält sie kurz vor ihrem Auftritt den Anruf einer Frau, die behauptet, die Geliebte ihres Mannes zu sein und dass sie ein Kind von ihm erwartet: Somit bekommt der Titel, wie auch ihr Auftritt, eine ungewollt sehr persönliche Eigenheit. Obwohl sie keinen Sieg nach Hause bringt, ist ihre Karriere konstant geblieben, bis sie 2019 ihr Karriereende bekannt gibt.

Herrey's: "Diggi-Loo Diggy-Ley" (1984)

Die Föhnwelle von Howard Carpendale. Die bunten Hemden der Beach Boys und die Glitzerschuhe von … öhm… Dolly Parton? Okay, streichen wir das! 1984 sind Herrey's jedenfalls Schwedens wahrscheinlich erste Boygroup. Und die drei Brüder stehen mit Ihrem Song in einer Reihe von ESC-Hits, die eher einen simplen Refrain haben! "Diggi-Loo Diggy-Ley", das ist schwedisch und heißt auf deutsch … gar nichts. Aber das Publikum beim Finale 1984 in Luxemburg liebt es und klatscht mit. Da ist es auch egal, dass im Finale weder bei den Jungs noch beim Orchester alle Töne sitzen. Punktevergabe: Mary Roos landet für Deutschland mit "Aufrecht geh'n" auf Platz 13. Spanien wird Dritter, Irland Zweiter – und die drei Föhnwellen aus Schweden gewinnen! Danach bringen Sie noch ein paar Songs raus, aber nicht mehr ganz so erfolgreich.

Bobbysocks: "Let it swing" (1985)

Wir müssen erstmal kurz über die Moderatorin des Abends sprechen: Lill Lindfors, eine ESC-Ikone! Das hat mehrere Gründe. Sie ist selbst mal Zweite geworden, in den 60ern. Und: Beim Finale 1985 in Göteborg verliert sie ihren Rock, steht plötzlich in Unterwäsche da – Tumult! Sie zuppelt an Ihrem Oberteil rum und daraus wird: ein neues Kleid. Kurz danach gewinnen Bobbysocks mit "Let it swing". Die zwei Norwegerinnen haben vorher jeweils alleine probiert, den Songcontest zu gewinnen – vergeblich. Aber zusammen werden sie Erste. Bobbysocks geben unter Zeitdruck eine Pressekonferenz. Das Problem: Sie waren sich ihrer Niederlage so sicher, dass sie für den Abend einen weiteren Auftritt in einem Göteborger Musikclub zugesagt haben. Die beiden halten ihr Versprechen – und es wird sehr, sehr voll im Club.

Wind: "Lass die Sonne in dein Herz" (1987)

Wenn man den Titel des Songs auch nur liest, hat man bereits einen Ohrwurm. Wind ist mit diesem Lied nicht in Vergessenheit geraten. Bei der ESC-Teilnahme 1987 ist Wind mit dem von Ralph Siegel komponierten Stück eher widerwillig angetreten, Sänger Andreas Lebbing wollte einen anderen Song. Zu ihrem Glück blieb es dabei, wie die Gruppe hinterher merkt. "Lass die Sonne in dein Herz" erreichte mit 141 Punkten Platz 2. Schon 1985 gewinnt Wind den zweiten Platz beim ESC: "Für Alle" stammt aus der Feder von Hanne Haller. Bis heute veröffentlicht die Gruppe Wind, wenn auch in wechselnder Besetzung, immer wieder neue Alben und geht auf Tour.


Céline Dion: "Ne partez pas sans moi" (1988)

Die Schweizer Delegation findet einfach niemanden, der 1988 beim Songcontest antreten kann. Also schauen sie im Ausland nach Stimmen mit Sieger-Qualitäten: Sie finden eine völlig unbekannte 20-Jährige mit toller Stimme. Céline Dion steht selbstsicher auf der Bühne und schmettert diesen eingängigen Popsong "Ne partez pas sans moi"! Im Finale in Dublin bricht der Jubel aus: Sie gewinnt. Sie trägt eine weiße Sakko-Jacke und ein plüschiges weißes Kleidchen, das ein bisschen nach Balettabend aussieht. Nach dem ESC geht es beruflich immer weiter bergauf. Céline Dion hat so viele Goldene Schallplatten gewonnen, dass sie damit eine komplette Hausfassade dekorieren könnte.

Katrina & The Waves: "Love shine a light" (1997)

In den 80ern wird "Walking on sunshine" zum Sommerhit. Deshalb sind Katrina and the Waves schon sehr bekannt, als sie 1997 mit "Love shine a light" in Dublin auftreten. Diskussionen gibt es zunächst um Katrinas Outfit. Sie schlägt vor: Ich nehme eine etwas heruntergekommene schwarze Jacke mit nur einem Schulterpolster. Das will ihre Delegation nicht. Stattdessen kommen fünf Stylisten mit allen möglichen Klamotten – aber sie werden sich nicht einig. Am Ende trägt Katrina die alte schwarze Jacke und zieht die linke Schulter etwas hoch, um das fehlende Schulterpolster auszugleichen. "Love shine a light" wird ein Sensationserfolg – mit der höchsten Punktezahl in über 40 Jahren ESC-Geschichte. Katrina and the Waves machen noch zwei Jahre weiter und trennen sich dann. Sie bekommt eine eigene Radiosendung bei der BBC und verdoppelt die Einschaltquoten. Und auch privat läuft's gut: Mittlerweile lebt Katrina mit ihrer Lebensgefährtin und einem weißen Pudel in London. Schwarze Jacken liebt sie immer noch.


Guildo Horn: "Guildo hat euch lieb" (1998)

Der "Meister" leitete mit seinem Auftritt 1998 beim "Grand Prix Eurovision de la Chanson" ein neues Zeitalter ein. Stefan Raab komponiert den Titel "Guildo hat euch lieb" und erreicht mit 86 Punkten immerhin den siebten Platz. Im Vorfeld diskutiert die Medienwelt, ob Guildo Horn ein geeigneter Repräsentant für Deutschland ist. Er selbst demonstriert mit seinem Auftritt der Welt, dass wir Deutschen auch über uns lachen können. Mit Guildo bricht im Anschluss ein Schlager-Hype über ganz Deutschland aus und auch das Interesse am ESC hält hierzulande seitdem auf hohem Niveau an.

Stefan Raab: "Wadde hadde dudde da?" (2000)

Zwei Jahre nach der ESC-Teilnahme mit Guildo Horn tritt Stefan Raab mit seinem Song "Wadde hadde dudde da" selbst als Sänger an. Als Inspiration für seinen Song nennt Raab eine Hundehalterin, die sich zu ihrem Hund beugt, der etwas im Maul trägt, und ihn so anspricht. Warum auch nicht? Mit 96 Punkten erreicht Stefan Raab mit "Wadde hadde dudde da?" den fünften Platz beim ESC 2000 in Stockholm. Neun Wochen hält sich der Song in den deutschen Charts und schafft es sogar auf den zweiten Platz. 2015 hat sich der sogenannte ESC-König von Deutschland aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, nachdem er vorher noch Max Mutzke (2004) und Lena (2010) erfolgreich zum Contest geschickt hat.

Olsen Brothers: "Fly on the wings of love" (2000)

Sprechen Sie mal jemanden in Dänemark auf die Olsen Brothers an: Die sind Nationalhelden dort! Denn nach fast 40 Jahren ohne Sieg lassen sie ihr Land wieder beim ESC gewinnen! Im Jahr 2000 sind Jørgen und Niels schon lange auf den Bühnen unterwegs. In den 60ern spielen sie in einer Band, in den 70ern im Musical "Hair". Und dann kommt ihr Karriere-Höhepunkt – mit "Fly on the wings of love". In den Wettbüros hat sie keiner auf dem Schirm – da glaubt man eher, dass "Wadde hadde dudde da" von Stefan Raab vorne liegen könnte. Und Russland zählt auch zu den Favoriten. Aber dann kommt die Punktevergabe in der riesigen Eishockey-Halle von Stockholm. Und die Olsen Brothers gewinnen. Russland protestiert – und fordert, die Olsen Brothers zu disqualifizieren! Beim Auftritt sei ein Effektgerät eingesetzt worden. Die ESC-Organisatoren sehen darin kein Problem. Russland landet auf Platz 2 – die Olsen Brothers gewinnen.

Texas Lightning: "No no never" (2006)

Beim deutschen Vorentscheid hat sich Texas Lightning unter anderem gegen Thomas Anders und Vicky Leandros durchgesetzt: mit dem Country-Popsong "No no never". Der Song klingt gut gelaunt, hat aber einen traurigen Hintergrund: Sängerin Jane Comerford schreibt das Lied für ihre Nichte, nachdem deren Vater gestorben ist. Es soll dem Mädchen Zuversicht geben und ihr zeigen: Ich bin immer für Dich da. Beim Finale trägt Jane ein rosafarbenes Kleid und sieht ein bisschen aus wie eine Bardame im Western. Olli Dittrich sitzt mit Cowboyhut am Schlagzeug. Die Band landet auf Platz 14. Platz eins ist eine ziemliche Überraschung: Es sind die Horror-Rocker Lordi aus Finnland mit "Hard Rock Hallelujah". Jane gibt später zu: Vor denen hatte sie Angst – und ist ein bisschen erleichtert, als sie hört: Lordi sind in einem anderen Hotel untergebracht. Und heute? Jane Comerford singt, unterrichtet und tritt immer mal im Fernsehen auf. Oliver Dittrich war gerade erst wieder als "Dittsche" im WDR zu sehen.

Lena: "Satellite" (2010)

Mit ihr hat Deutschland das erste Mal seit 28 Jahren den ESC wieder mit einem Sieg verlassen: Lena Meyer-Landrut. Die damals völlig unbekannte 19-jährige Hannoveranerin gewinnt zunächst den Vorentscheid "Unser Star für Oslo". Stefan Raab hat die Idee für diese Casting-Show geliefert und Lena wurde über mehrere Shows hinweg als Finalteilnehmerin von den Zuschauern gewählt. "Satellite" stammt aus der Feder der US-Amerikanerin Julie Frost und des Dänen John Gordon, der unter anderem für das Musiklabel EMI arbeitet. Die wiederum geben das Lied an Universal Music weiter, die die Komposition als Bewerbung für den Final-Song der Casting-Show an Stefan Raab einreicht. Mit diesem Siegertitel gewinnt Lena den Grand-Prix mit aller Bravour. Seitdem ist Lena als Musikerin hierzulande nicht mehr wegzudenken.

The Common Linnets: "Calm after the storm" (2014)

Der Druck ist so groß! 39 quälende Jahre haben die Niederlande beim ESC nicht mehr gewonnen. Dann wird bekanntgegeben: The Common Linnets sollen es 2014 probieren, mit "Calm after the storm". "Langweilig!", "Es fehlt der Refrain", "Die fliegen schon im Halbfinale raus": Das sind die netteren Kommentare in den Niederlanden. Aber dann gehören sie zu den Favoriten in Kopenhagen. In den Wettbüros wird Geld auf sie gesetzt. Der Auftritt hat auch wirklich was Magisches. Ilse de Lange in einem weißen Kleid. Waylon ganz in Schwarz mit Hut und Lederhose. Beide spielen Gitarre, singen, gucken sich intensiv dabei an. Aber Conchita Wurst wird ebenfalls vom Publikum geliebt und gewinnt knapp. "Calm after the storm" wird trotzdem kommerziell der erfolgreichste Song des ESC 2014. Kurz danach trennen sich Waylon und Ilse wegen "künstlerischer Differenzen". Heute ist Waylon erfolgreicher Musiker und glücklicher Papa. Ilse de Lange singt, schauspielert und tanzt bei "Let's Dance". Und: Happy End für die Niederlande! 2019 gewinnen sie endlich mal wieder den ESC – nach 44 Jahren ohne Sieg.

Conchita Wurst: "Rise like a phoenix" (2014)

Sie ist die erste Frau mit Bart, die am ESC teilnimmt: Die österreichische Kandidatin Conchita Wurst singt sich mit "Rise Like A Phoenix" auf den ersten Platz. Vorab hat man sich in Österreich darüber aufgeregt, dass Conchita ohne Vorentscheid zum Finale 2014 fährt. Im Vorjahr hat sie den Sieg um einen Platz im Vorentscheid verpasst, aber einen bleibenden Eindruck hinterlassen, so dass der ORF schon 2013 bekannt gibt, dass Conchita nach Kopenhagen fahren wird, um Österreich zu vertreten. Die Kunstfigur Conchita Wurst alias Thomas Neuwirth kommt bei ihrem Auftritt einer Diva gleich: Mit hautengem Glamour-Kleid, Gala-Frisur und High Heels erhält die Drag Queen mit 290 Punkten den bisher vierthöchsten Sieg in der Geschichte des Wettbewerbs. Es ist aber nicht nur ein Erfolg für die Queen of Austria, sondern ein Sieg im Kampf für mehr Toleranz und gegen Diskriminierung. Heute tritt Thomas Neuwirth als zwei getrennte Kunstfiguren auf: Conchita und WURST.

Michael Schulte: "You let me walk alone" (2018)

Platz 27, Platz 26, Platz 25 … im Jahr 2018 rechnen wir aus: Wenn das so weitergeht, kommt Deutschland erst in 20 Jahren wieder in die Top fünf beim ESC. Es läuft wirklich schlecht. Aber dann kommt er: Michael Schulte mit "You let me walk alone". Die Bühne ist leer. Michael Schulte braucht kein aufwendiges Kostüm, keine Pyrotechnik, keine Choreographie – er trägt Jeans und ein T-Shirt, steht einfach da und singt. Das Lied ist der Star. Michael ist noch ein Teenager, da stirbt sein Vater – sein großer Held, sein Vorbild. Ihm widmet er dieses Lied und klagt an: Ich musste allein weitermachen. Schon beim Vorentscheid hört man überall Taschentücher, es gibt viele feuchte Augen im Publikum, beim ESC-Finale in Lissabon auch. Michael wird Vierter. Zuhause in Buxtehude warten 2000 Menschen auf ihn, als er heimkommt. Ein Vierteljahr später wird Michael Schulte selbst Vater. Und im März 2021 direkt noch mal. Im Interview sagt er: "Durch diesen Song ist mein Vater immer ganz nah bei mir. Ich hoffe, dass ich für meine Kinder ein genauso guter Vater sein kann."

Stand: 02.05.2021, 12:00 Uhr