Der Weltenfalter Erwin Hapke, Teil 2: Die Schwester

Der Weltenfalter Erwin Hapke, Teil 2: Die Schwester

Von Thomas Köster

35 Jahre faltete Erwin Hapke in seinem Elternhaus bei Unna Figuren aus Papier und Blech, tagaus, tagein, und hielt damit die Zeit an. Aber wer war Erwin Hapke, als die Uhr noch tickte? In seiner Jugend, seiner Kindheit? Wir begeben uns auf Spurensuche.

Erwin Hapke, Papierfaltkunst (Ausstellungsansicht)

"Auf dem Hof, im Garten, im Bunker spielen", notiert Erwin Hapke in winzig kleiner Schrift in seinen Bleistifterinnerungen. Dann Flucht und Vertreibung und die neue Heimat im umgebauten Schulhaus in Fröndenberg bei Unna. Erwin Hapke hat eine bewegte Kindheit und Jugend. Das Haus ist voller Spuren.

"Auf dem Hof, im Garten, im Bunker spielen", notiert Erwin Hapke in winzig kleiner Schrift in seinen Bleistifterinnerungen. Dann Flucht und Vertreibung und die neue Heimat im umgebauten Schulhaus in Fröndenberg bei Unna. Erwin Hapke hat eine bewegte Kindheit und Jugend. Das Haus ist voller Spuren.

Geboren wird Erwin Hapke im ostpreußischen Ulrichsdorf im Kreis Gumbringen, rund 100 Kilometer vom heutigen Kaliningrad entfernt. Es scheint eine glückliche Kindheit gewesen zu sein, auf einem Hof, den sich Hapke auf der Grundlage von Zeichnungen des Vaters in seinem Elternhaus zurückerfaltet hat.

1944 flieht die Mutter mit Erwin und drei jüngeren Geschwistern vor der Roten Armee. Der Vater ist da noch an der Front, der erst siebenjährige Erwin muss auf die Geschwister aufpassen - was er auf sehr einschüchternde Art und Weise tut. Bevor sie in Fröndenberg landen, kommen sie bei Verwandten im Schwarzwald unter, werden als "Russen" beschimpft. Die Koffer von der Flucht sind noch alle da. Und teils mit Faltübungen gefüllt.

Nach ihrer Odyssee findet die Familie in Fröndenberg eine neue Heimat. 1965 kauft der Vater das Haus, das jetzt Hapkes "Museum" ist. In Fröndenberg geht Hapke auch zur Schule. Friedrich Westermann ist einer seiner Mitschüler. Er hat uns ausgebleichte Schwarzweißbilder aus den frühen 1950er Jahren mitgebracht.

Ein Außenseiter sei Erwin gewesen, sagt Westermann. Einer, der meistens alleine in der Schulbank saß und in den Pausen alleine war. Aber von allen in der Klasse respektiert. Wo er sich wohl auf diesem Bild versteckt?

Jürgen Wojan ist der Cousin von Erwin Hapke. Als kleines Kind ging er bei Hapkes ein und aus. Er besorgte dem Abiturienten Erwin Wasserproben für seine Untersuchungen aus dem Wald. Das Zimmer, das sich Erwin als Labor eingerichtet hat, ist "Sperrgebiet", wie er sagt: "Da durfte niemand rein, da hat sich jeder dran gehalten". Dabei teilt Hapke sich das Zimmer mit zwei Brüdern.

Als Hapke nach dem Verlust seines Jobs beim Max-Planck-Institut für Zellbiologie in Wilhelmshaven nach Fröndenberg zurückkehrt, um sich eine Welt zu erfalten, sind die vergötterten Eltern bis zu ihrem Tod seine einzigen Bezugspersonen. Das Haus ist auch so eine Art Tempel im Gedenken an sie.

Halt, ganz stimmt das nicht: Es gibt ja noch Erni Burchardt aus dem Nachbardorf, die Schwester. Sie ist es, die dem Bruder einmal in der Woche das Nötigste zum Überleben bringt. Und sie findet den Bruder im April 2016 tot im Haus. Hier steht sie mit WDR 3-Autor Christian Möller vorm Bienenhaus des Vaters im Garten. "Tiere hatten hier immer einen Schutzraum", sagt sie.

Das gilt nicht nur für Bienen. Das gilt auch für die Insekten und die Spinnen, mit denen Hapke zusammenwohnte. Ihr Spinnwebbaldachin hat Erwin Hapkes Schlafstätte zu Lebzeiten zu einem Himmelbett werden lassen. Inzwischen ist der Baldachin zerstört.

Aber vor der Zeit als Weltenfalter hatte Erwin Hapke als promovierter Biologe erst einmal ein ganz normales Leben am Max-Planck-Institut für Zellbiologie in Wilhelmshaven. War er auch da der Außenseiter? Was hat ihn zu dem gemacht, was er später wurde? Wir suchen Antworten in Teil 3. Im Podcast und in der Fotostrecke.

Stand: 04.10.2019, 18:26 Uhr