Jarett Kobek: Abwegige Meinungen

Jarett Kobek

Jarett Kobek: Abwegige Meinungen

Jarett Kobek sieht den Wendepunkt in der neueren Geschichte Amerikas im Überhandnehmen der Säkularisierung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Es fehle ein christliches Korrektiv. Beliebt macht er sich damit nicht, aber in seinem "Brief aus Amerika" versucht er, seine Sicht zu erläutern.

18. Oktober 2017

Weil ich an einer verkappten Persönlichkeitsstörung leide, versuche ich seit kurzem, eine sehr abwegige Meinung zu vertreten. Meinen Zuhörern hat es die Sprache verschlagen, und gesellige Abende, die eigentlich sehr nett waren, habe ich stark verdüstert. Wenn ich jemand wäre, der gesellschaftliche Peinlichkeiten genießt, wäre dies ein großes Vergnügen. Wenn ich es nicht todernst meinte, wäre es wie Trollen.

Verlust des christlichens Ethos'

Und was ist meine Meinung? Nachdem ich Trumps Präsidentschaft fast neun Monate lang miterlebt habe, bin ich mehr und mehr überzeugt, dass der historische Moment in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die Zeit, da die Säkularisierung im amerikanischen Leben überhand nahm, zu einer furchtbaren Katastrophe geführt hat. Der Verlust des christlichen Ethos hat das Land aus den Ankern gerissen und droht, die Welt zu zerstören.

Wenn ich das sage, ist die erste Reaktion ein lautstarker Protest gegen meine Idee, dass Amerika keine christliche Nation mehr sei. Wie kann ein Mensch, der noch bei Verstand ist, behaupten, dass Trumps Sieg etwas anderes ist als die Überlegenheit des Wählerblocks der christlichen Weißen?

Trump-Anhänger als Inbegriff der Säkularisierung

Das Problem mit dieser Überzeugung ist, dass sie voraussetzt, dass alle die Weißen, die sich Christen nennen, auch tatsächlich Christen sind. Diese Annahme beruht auf der anderen Annahme, dass es keinen Unterschied zwischen der Oberfläche eines Dinges und seiner Substanz gibt. (Diese zweite Annahme ist übrigens der Schlüssel zum Verständnis des Landes).

Mein Einwand gegen den Protest: Ich glaube nicht, dass die Weißen, die sich Christen nennen, irgendetwas mit Christlichkeit zu tun haben. Trump-Anhänger sind der Inbegriff der Säkularisierung.
Denken wir uns das ungefähr so: Vor hundert Jahren hätten die weißen Christen in Amerika ihre Zeit mit Beten, Kirchgängen und guten Werken verbracht. Damals waren sie Teil eines kulturellen Ethos, das die individualistische Gier des Neoliberalismus nicht für den einzigen Lebensinhalt hielt.

Individualistische Gier - Die Duck Dynasty

Heute, in einer Zeit schwindender wirtschaftlicher Prosperität, machen sich ihre Nachkommen jede Sekunde Sorgen um ihren sozio-ökonomischen Status, füllen sich ab mit verschreibungspflichtigen Opiaten und schauen Folgen von Duck Dynasty (Entendynastie), einer Reality Doku-Soap, die uns weismacht, dass Jesus uns alle so dumm und so reich wie möglich sehen möchte.

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich mache mir nicht vor, dass das weiße Christentum in den Vereinigten Staaten eine erfreuliche Geschichte hatte. Im Namen des Christentums wurden hier Missbrauch und Unterdrückung jeder nur denkbaren Art, nicht zuletzt Sklaverei und Völkermord, begangen und gerechtfertigt.

Aber zwischen einem Ethos und seiner Umsetzung in die Praxis besteht ein Unterschied, und mir scheint, dass der vollständige Verlust christlicher Tugenden zur Wahl Trumps geführt hat. Bisher war es immer noch so, dass weiße Christen wenigstens so taten, als würden sie an Freundschaft, Brüderlichkeit und Liebe glauben. Jetzt spucken sie Frauen an, die in Abtreibungskliniken gehen.

Hundeleine für die Reichen und Mächtigen

Leuten, die dann immer noch bereit sind, mir zuzuhören, zeige ich gewöhnlich an diesem Punkt den schlimmsten Aspekt der Abschaffung des christlichen Ethos: Das Christentum hatte eine sehr spezifische Funktion: Es war eine Hundeleine um den Hals der Reichen und Mächtigen.

Trump selbst ist ein ausgezeichnetes Beispiel dafür: Noch vor vierzig Jahren hätte man mit gutem Grund erwarten können, dass der Mann ein anständiges, rechtschaffenes Leben führt und vor allem, dass er ein großzügiger Philanthrop ist. Aber die Zeiten haben sich geändert. Jetzt ist jede Pussy "up for grabs".

Trump und die Alt Right = Punk?

Wenn ich die Leute mit meiner Meinung endgültig verschreckt habe und trotzdem noch jemand im Zimmer geblieben ist, habe ich zum Schluss noch eine Ansicht zu bieten. Angela Nagles Kill all Normies ist eines besten Bücher dieses Jahres. Auf der Titelseite steht, es sei ein Buch über die Alt Right, die Alternative Rechte, aber am interessantesten ist das Buch da, wo Nagle Trumps Aufstieg in einen Kontext stellt. Sie vermutet, dass der Kandidat und seine Anhänger Strategien und Taktiken übernommen haben, die im zwanzigsten Jahrhundert von Künstlern und gesellschaftlichen Avantgardisten entwickelt wurden.

Mit anderen Worten: Wenn die Alt Right auf Frequenzen sendet, die viel Ähnlichkeit mit Punk haben, liegt das daran, dass Punk-Strategien niemals politisch links waren. Sie waren neutral, konnten leicht von der Rechten übernommen werden. Trump schockierte und bahnte sich damit seinen Weg zur Präsidentschaft. So wie die Punk Band The Sex Pistols mit "God Save the Queen" auf Platz 1 der britischen Charts vordrang.

Taktik der Rechten übernehmen

Was kommt jetzt? Das ist die Frage, die Amerika quält. Trump ist ein historischer Moment. Seine Präsidentschaft wird irgendwann zum Ende kommen und dann? Was wird die totale Verschmelzung von Berühmtheit und Politik in Zukunft bringen? Ein Zurück gibt es nicht. Dies ist das Chaos, das über uns hereingebrochen ist.

Wie auch immer, hier meine zweite Meinung: Wenn Trumps Aufstieg beweist, dass Taktiken neutral sind, dann könnte das richtige Verfahren in diesem Chaos sein, einige der alten Taktiken der Rechten zu stehlen. Vielleicht ist das politisch rechtsgerichtete Verfahren ein christliches Ethos in neuem Rahmen, eines, das von jahrhundertelanger Dogmatik und Dummheit befreit ist, eines, das sich seiner ursprünglichen Radikalität wieder annähert.
Etwas Anrüchigeres als Vergebung kann man sich 2017 kaum vorstellen.

"Ich hasse dieses Internet" heißt der Roman-Erstling des amerikanischen Autors Jarett Kobek. Der Autor mit dem türkischen Nachnamen studierte an der University of New York und tummelte sich in der IT/Technik-Branche. Seine schonungslose Abrechnung mit den sogenannten sozialen Medien, wie Twitter, Facebook und Co. beinhaltet also einiges an Insiderwissen. Kobek zeigt literarisch und in Geschichten erzählend, wie solche Unternehmen funktionieren, Geld verdienen und dabei Existenzen vernichten. Das Netz ist für ihn "intellektueller Feudalismus auf der Basis von technischen Neuerungen, die als Kultur getarnt daherkommen". Kobek nennt sein Buch im Untertitel süffisant "Ein nützlicher Roman".

20. September 2017

Um meinen Roman I Hate the Internet in Umlauf zu bringen, musste ich einen Verlag namens We Heard You Like Books gründen. Darüber habe ich in zahllosen Interviews Auskunft gegeben, also versuche ich, hier nicht noch einmal zu erzählen, was ich schon an tausend anderen Stellen gesagt habe. Nur einen Punkt will ich doch wieder betonen, nämlich dass ich damals glaubte, nur wenn ich auch Bücher anderer Autoren in diesem Verlag herausbrächte, könne ich  Ich hasse dieses Internet legitimieren und den peinlichen Geruch nach Selbstverlag vermeiden.

Autor und Verleger

Dass Autoren Verleger sind und andere Autoren verlegen, hat in Kalifornien Tradition.   Lawrence Ferlinghetti, der City Lights gegründet hat, ist das ehrwürdigste Beispiel dafür. Den Verlag hat er seit 1955. Ein anderes Beispiel ist Dave Eggers.

Mit dem zweiten Titel, der in We Heard You Like Books erschien, True Homosexual Experiences, hatte ich die wahrscheinlich lässigste Erfahrung.  Das Buch ist eine von William E. Jones verfasste Biographie über einen Mann namens Boyd McDonald, der das erste Schwulenmagazin gegründet hat. Es ist brillant und schmutzig und hat sich gut verkauft. Andere Bücher waren eher enttäuschend. In den Monaten, in denen sich Trumps Wahl abzeichnete, habe ich zwei Autoren publiziert, und ihre Bücher sind untergegangen in einer Welle des totalen Desinteresses an allem, was nichts mit der nationalen Kernschmelze zu tun hatte.

Girls Gone Old

Das jüngste Buch, das ich im Verlag herausgebracht habe, ist vor ungefähr drei Wochen erschienen, Girls Gone Old, Essays von Fiona Helmsley. Für mein Gefühl ist Fiona die beste von den Autorinnen in Amerika, die niemand liest. Sie schreibt durchweg brillante Essays über Armut, Sex, Drogen, Mutterschaft.

Warum Fiona nicht zu den Autorinnen gehört, die zur Zeit in aller Munde sind, kann ich mir nicht erklären. (Sie hat ihre eigenen Theorien dazu.) Also beschloss ich, ein Buch mit ihren Arbeiten  herauszubringen.

Dass jetzt endgültig Schluss ist mit meiner Naivität, dass mich nichts mehr überraschen oder schockieren kann, bilde ich mir schon reichlich lange ein. Vor Kurzem hat mich jemand als den „zynischsten Autor in Los Angeles“ beschrieben. Aber ich glaube, das stimmt nicht. Beinahe jeden Tag überrascht mich irgendwas und ich stelle wieder fest, wie arglos im Denken ich bin.

Männer lesen keine Bücher von Frauen

Die Publikation von Fionas Buch hat mich gelehrt, alte Lektionen neu zu lernen. Wie unglaublich naiv ich immer noch sein kann, wurde mir zuerst an der geschlechterspezifischen Reaktion auf  Fionas Buch klar. Wenn man sich die Goodreads-Webseite für das Buch anschaut, sieht man eine Menge Einträge von Frauen, die ihr Interesse bekunden oder das Buch gelesen habe, aber nur drei Männer haben sich gemeldet. Einer davon hat das Buch rezensiert,  aber dem hatte ich persönlich ein Exemplar geschickt.

Als ich sah, was passierte, habe ich die dänische Autorin Dorthe Nors nach dem Phänomen gefragt.  Sie schickte mir eine wunderbare Mail mit einer präzisen, überzeugenden Analyse des Problems : Die meisten Verleger wüssten, dass männliche Autoren von allen Geschlechtern gekauft werden, weibliche aber überwiegend von Frauen. Kurz zusammengefasst sagte sie: „So ist die Welt, in der wir leben. Was hast du denn erwartet?

Die Antwort lautet wohl etwas anders. Die besten Bücher, die ich in diesem Jahr gelesen habe,  sind alle von Frauen geschrieben. Fionas Buch natürlich, aber auch Elizabeth Ellens Person/A, Iphgenia Baals Merced Es Benz, Anelise Chens So Many Olympic Exertions , und Chris Kraus’ After Kathy Acker. Dass Männer keine Bücher von Frauen lesen, wäre mir nie eingefallen. Immer noch Naivität.

Zusammengestaucht vom rechten Flügel

Das heißt nicht, dass Autorinnen nicht die Aufmerksamkeit von Männern wecken können. Nur, dass es womöglich nicht die richtige Sorte Beachtung ist. Wir haben Fiona ein live Video-Interview mit  Salon.com besorgt, in dem sie sich ungefähr zwanzig Minuten lang über alles mögliche ausließ, unter anderem zum Thema der männlichen Fragilität im Zusammenhang mit den Vorfällen in Charlottesville.  Das Internetmagazin Salon.com hat diese zwei Minuten aus dem Interview herausgeschnitten und als einen eigenen Artikel auf seiner Webseite veröffentlicht. Eine Zeitlang stand er auf Rang 1 der shared stories, der geteilten Geschichten.

Aber die Aufmerksamkeit kam aus der ganz falschen Richtung, vom rechten Flügel und von der Alternativen Rechten. Blogs, Webseiten, sogar eine Radiosendung in einem von Glenn Beck betriebenen Netzwerk. Für deutsche Hörer ist Glenn Beck am besten als Amerikas widerwärtigster TV-Demagoge des Jahres 2011 zu beschreiben.  Und er hatte eine Menge Konkurrenten.

Eine Autorin meines Verlages wurde zusammengestaucht aus einem Grund, der nichts mit dem Buch zu tun hatte. Alles in allem haben sich meist Männer aufgeregt. Tausende redeten über Fiona. Endlich hatten wir den Code geknackt. Verkaufsfördernd war das nicht.

26. Juli 2017

Ich bin dabei, die Veröffentlichung eines neuen Romans vorzubereiten, der Mitte August in den USA erscheinen wird.

Veröffentlichung eines neuen Romans

Der letzte Monat vor einer Buchpublikation läuft für den Autor immer ziemlich gleich ab – als eine Mischung aus Antizipation und Kleinigkeiten,  die mit der Werbung zu tun haben. Die E-Mail Inbox des  Autors wird bombardiert mit Bitten und Fragen, ob Rezensionen erscheinen, ob es Interviews geben wird, ob  Vorausexemplare an die richtigen Leute geschickt wurden. Dieser Ablauf ist beim ersten Mal sehr interessant und mit jedem neuen Buch weniger aufregend.

Leute, die viel schlauer sind als ich, haben behauptet, dass am Ende jedes Buch den Platz findet, an den es gehört und dass daran noch so viel Werbung und Planung nichts ändern. Dafür spricht einiges, aber andererseits gibt es auch keinen guten Grund, die normalen Mechanismen zu umgehen. Man ist besorgt, dass es dem Buch schaden könnte, wenn man nicht genug tut. Also gibt man die Interviews. Die Rezensionsexemplare werden verschickt. E-Mails werden weiterhin mit irrem Tempo  ausgetauscht.

Ich hasse dieses Internet

Ich habe nur eine einzige Ausnahme von diesem Verfahren erlebt: die Publikation meines vorigen Romans Ich hasse dieses Internet, der aus mehreren Gründen am Ende von einem Verlag veröffentlicht wurde, dessen Mitgründer ich war. Ich war buchstäblich für alle Teile der Vorbereitung zuständig, einschließlich Werbung und Veröffentlichung. Alles lag in meiner Verantwortung, sodass der Vorlauf bis zur Publikation für mich praktisch eine einzige sechs Monate anhaltende Panikattacke war, die sich in eine vieljährige, endlose Geschichte verwandelte, als das Buch auf dem Markt angekommen war. Der Roman ist immer noch Thema für E-Mails und Interviews.

Das neue Buch wird von Viking verlegt, der zur Verlagsgruppe Penguin RandomHouse gehört, und weil ich diesmal nicht die Kontrolle übernehmen muss, genieße ich mehr oder weniger das ganze Verfahren.  Es ist eine Erleichterung. Alles verläuft so mild und so sanft. Beinahe menschlich.

Als Ich hasse dieses Internet erschien, glaubte ich, das Buch würde gut ankommen, aber das war nur eine Vermutung. Eigentlich hatte ich keine Ahnung.

Wie diese Wahl die Psyche der Nation verändert

Das neue Buch wird wohl vom institutionellen Gewicht der Verlagsgruppe profitieren, das heißt, mindestens passable Verkaufszahlen abwerfen. Das war immer der Hintergrund für meinen Entschluss, mich an einen größeren Verlag zu binden. Die Schwerarbeit wollte ich den Großen überlassen.

Aber weil ich in einem Land lebe, das durch die Wahl seines Präsidenten völlig aus den Fugen ist, kommt mir sogar dies sehr ungewiss vor.

In meinen vorigen Briefen habe ich Sie gewarnt, dass niemand, der seit letztem November nicht mehr in Amerika gewesen ist, sich ein Bild davon machen kann, wie diese Wahl die Psyche der Nation verändert. Die Nachrichten hier  sind nur noch Meditationen über den Präsidenten. Der mentale Eigenraum  der Intelligenz hierzulande – die, realistisch gesprochen, einen großen Teil der Leser aller 2017 erschienen Romane ausmacht – ist vollständig kolonisiert worden. Alles ist Trump. Den ganzen Tag lang, alle Tage. Eine endlose laute Kakophonie, die kaum etwas mit einer substanziellen Debatte über Politik zu tun hat. Es geht fast nur noch um Twitter und E-Mail.

Hat es  überhaut noch Sinn, einen Roman zu schreiben?

Natürlich gibt es wichtigere Aspekte der Präsidentschaft Trumps als ihre mögliche Auswirkung auf die Publikation meines Romans.  Aber dies ist nicht der Sommer der Liebe, und ich bin ichbesessen, mehr als alles andere, und außerdem steckt hinter all diesem Händeringen eine sehr interessante Frage.

Die Frage: Wie arbeiten Leute, die für die Öffentlichkeit produzieren, wenn so gut wie jeder, der im öffentlichen Leben steht, zu erkennen gibt, dass er durch und durch unseriös ist? Hat es  überhaut noch Sinn, einen Roman zu schreiben, wenn  er bestenfalls als modischer Schnörkel auf Instagram genutzt wird?

Als es um die Präsentation meines neuen Romans ging, nahm ich mir vor, nichts gegen den Werbetext zu sagen, den Viking auf den Schutzumschlag setzte. Es ist mein erstes gebundenes Buch in Amerika, und ich glaube zwar zu wissen, wie man ein Taschenbuch verkauft, aber mir fiel ein, dass ich mich mit den Käufern von gebundenen Ausgaben nicht auskenne. Also beschrieb der Verlag das Buch nach seinem Geschmack. Es wurde eine sehr präzise Inhaltsangabe, aber eine, die ich so nicht geschrieben hätte. Sie betont den menschlichen Zug der Geschichte.

Unsere wunderbar kurze Zukunft

Jetzt kommt mir der Gedanke, dass genau dies die Antwort auf die Frage ist, wie man im Trump-Regime einen Roman verkauft. Es gehört zum Einmaleins des Marketings, gegen den Strom zu schwimmen. Wenn das gesamte politische Leben in Amerika um Trump kreist, dann mag es die richtige Verkaufsstrategie sein, das Buch als eine Art intelligenten Eskapismus anzubieten. Politik ohne unmittelbare Aktualität, aber  präsent in der sehr persönlichen Sicht der Romanfiguren.

Ich habe das Gefühl,  dass zur Zeit das ganze Land verzweifelt nach einem glaubwürdigen Ausweg aus dem politische Gerede sucht. Deshalb  könnte es funktionieren. Vielleicht verkauft sich das Buch gut. Vielleicht auch nicht.

Gewiss ist mir nur eines: das Gefühl, dass der Titel wirklich wahr ist: The Future won’t be long. - Unsere wunderbar kurze Zukunft.

14. Juni 2017

Die Dinge, die man vergisst, sind am Ende die schlimmsten. Nehmen Sie zum Beispiel den letzten amerikanisch-britischen Anlauf zu einem misslichen Auslandsabenteuer, in dem der damalige Präsident George W. Bush und der damalige Premierminister Tony Blair beschlossen, die Kreuzzüge wieder aufleben zu lassen und in den Irak einzufallen. Die Folge war der Tod unzähliger irakischer Zivilisten, zehntausender britischer und amerikanischer Soldaten und ein geopolitisches Klima, das uns bis heute belastet.

Der prägende Vorfall des beginnenden Jahrhunderts

Alles, was Sie über ISIS und das Klima im Nahen Osten hören? Das ist das Erbe des Irak-Krieges. Die Briten schafften irgendwie den Ausstieg, aber die Amerikaner sind immer noch da. Es ist der längste Krieg in unserer Geschichte. Er wird nie enden. Es ist ein verschwiegener Krieg geworden, etwas, worüber man nicht spricht. Eine Unannehmlichkeit, die sich höflicher Konversation entzieht. Amerikanische Reflexionen über diesen Krieg als ein historisches Ereignis und ein fortdauerndes Problem sind seit Jahren immer leiser geworden, aber erst die Wahl Trumps hat das Irak-Abenteuer vollends aus dem nationalen Bewusstsein gelöscht. Das ist merkwürdig. Wenn in fünfzig Jahren Historiker über den Krieg im Irak schreiben – falls es dann noch Historiker gibt, was ich für sehr fraglich halte –, werden sie ihn zum prägenden Vorfall des beginnenden 21. Jahrhunderts erklären und als das Prisma bezeichnen, durch das alle folgenden Ereignisse betrachtet werden müssen.

Der 8. Juni 2017 - ein denkwürdiger Tag

Ich schreibe dies am Abend des 8. Juni, eines Tages, der in der englischsprachigen Welt mit Sicherheit als einer der seltsameren Momente erinnert werden wird. Am Morgen hat James Comey, der ehemalige FBI-Chef vor dem Geheimdienstausschuss des Senats ausgesagt über seine Interaktionen mit Präsident Trump, eine Kette von Vorfällen, die damit endete, dass Trump Comey feuerte. Das Schauspiel war unglaublich.

Es ist auch der Tag, an dem Theresa May, die Premierministerin des Vereinigten Königreiches, die Ergebnisse der vorgezogenen Wahl erfährt, die sie vor sechs Wochen ausgerufen hat. May hoffte, Nutzen aus der in den Umfragen deutlichen  Dominanz der Konservativen zu ziehen und im Unterhaus eine Zweidrittelmehrheit ihrer Partei zu erreichen. Vermutlich wollte sie ihre Machtbasis für die Brexitverhandlungen stärken. Aber im Lauf des Tages wurde klar, dass Mays Entscheidung ein Desaster war. Die Wahl endete mit einem hung parliament, einer Hängepartie, das heißt keine Partei kann allein regieren. Mays Partei hat weniger Sitze als vor der Wahl und ist gezwungen, eine Koalition einzugehen. Über die beiden Ereignisse kann und wird man eine Million Kommentare abgeben. Über ihre besonderen Einzelheiten, ihre bizarre Gestalt, ihre politischen Konsequenzen.

Chaos über den Epizentren der englischsprachigen Welt

Aber da beide am selben Tag geschahen, ist es schwer, diesem Nebeneinander  keine tiefere Bedeutung zu unterstellen. Zumindest bestätigen sie das Gefühl, dass zunehmend Chaos über die Epizentren der englischsprachigen Welt hereinbricht.

Täuschen wir uns nicht. Dies ist ein Problem, das offenbar allein Großbritannien und Amerika betrifft. Üble Wahlausgänge gab es hier und da auf der Welt , aber die Franzosen haben Le Pen vermieden, und Kanada wählte Trudeau. Natürlich kann man Länder wie Brasilien oder Venezuela in den Fokus nehmen und dort politische Instabilität entdecken. Aber was so ein richtiges Weltuntergangsgefühl angeht, da sind Washington und London im Moment nicht zu toppen. Brexit, Trump, parlamentarische Hängepartie.

Was passiert, wenn es in Atommächten zur Kernschmelze kommt?

Rückkehr auf vertrautes Gebiet

Ich arbeite an einem neuen Roman über den Nahen Osten. Das ist für mich so etwas wie die Rückkehr auf vertrautes Gebiet – meine erste erfolgreiche Publikation war die Erzählung ATTA, über Mohamed Atta, den Anführer der Flugzeugentführer vom 11. September. Aber das Buch war so angelegt, dass es kein Nachdenken über den Krieg im Irak forderte. Und es ist vor sieben Jahren entstanden, das heißt, in einer persönlich und politisch unschuldigeren Zeit.

Im Inneren der Dinge liegt eine Verdorbenheit

Jetzt, da ich das Thema wieder aufnehme, kann ich das Gefühl nicht loswerden, dass die politische Instabilität in Amerika und Großbritannien eine indirekte Auswirkung  dieses Krieges ist. Ich habe keinen handfesten Beweis dafür, nur ein Bauchgefühl, aber dass die für diesen Krieg Verantwortlichen nicht bereit sind, seine Schrecken und seine ökonomischen Folgen zuzugeben, weckt Pathos, glaube ich. Im Inneren der Dinge liegt eine Verdorbenheit, die an die Oberfläche drängt.

Ich habe viele Freunde, die Beifall klatschen, wenn ein ehemaliger FBI-Direktor gegen den amtierenden Präsidenten aussagt, Freunde, denen die Vorstellung von einem Parlament ohne aktionsfähige Mehrheit gefällt, die den Brexit mögen oder alle möglichen anderen Wegweiser auf der Straße zum Akzelerationismus. Aber mir machen diese Argumente Mühe, vor allem, weil ich ganz wie der große japanische Romancier Kenzaburo Oe "ein Anarchist mit einer Schwäche für Demokratie" bin.

Außerdem denke ich an die realen Folgen dieser Ereignisse. Die Zerrüttung des Staates kann ich aus einem einfachen Grund nicht gutheißen: Die Gesichter im Fernsehen zahlen niemals den Preis für das Chaos, das sie auslösen. Wirklich darunter leiden Menschen einer Gruppe, die weitaus verborgener ist als der Krieg im Irak oder die Tragödie, die darauf folgte. Die Menschen, die wirklich leiden, sind die am wenigsten Geliebten unter uns.
Die Armen.

3. Mai 2017

Vor ein paar Monaten wurde ich aufgefordert, an einem Interview im britischen Nachrichtensender Channel 4 News teilzunehmen. Das war eine seltsame Einladung –trotz anderslautender Gerüchte bin ich in erster Linie ein Romancier und kein Meinungsmacher.

Ich sollte über Fake News sprechen. Nach der Einladung hatte ich eine Email an den Sender geschrieben und klargemacht, was von mir zu erwarten wäre: Ich würde sagen, dass ich alle News für Fake News halte und dass die intensive Nach-Wahl- Entrüstung über Fake News nur einer von unendlich vielen rhetorischen Winkelzügen der US Liberalen oder gemäßigten Linken war, die möglichst vermeiden wollten, die bittere Wahrheit zuzugeben, dass Trump die Wahl gewonnen hatte. Dass das, was Channel 4 zu bieten habe, am Ende auch Fake News seien, würde ich sagen.

Alle News sind Fake-News 

Zu meiner Überraschung war der Sender anscheinend ganz froh über meine Antwort. Als der Zeitpunkt meines Auftritts näher rückte, wurde klarer, dass das Ganze ein Desaster werden würde. Der andere Gast, der das Gegenteil meiner Ansicht vertrat, war ein ehemaliger Angestellter der Washington Post, einer Einrichtung, die im Wahljahr 2016 reichlich Zeit mit dem Fabrizieren von Fake News für Leute wie mich verbracht hatte. Vor meinem Interview würde etwas über russische Fake-News-Fabriken gesendet werden. Nicht gerade ein förderlicher Kontext für mein Argument. Bevor ich weiter rede, muss ich eines klären: Das Neue ist eine Falschmeldung. Alle News sind Fake News. Das liegt in der Natur der Sache.

In Amerika verschwindet der Journalismus

Eine Neuigkeit ist der erste Eindruck von Ereignissen, die im Werden sind, ein Eindruck, präsentiert von Leuten, die keine Ahnung haben, was geschieht. Sie kann in keiner Weise richtig sein. Sie ist immer falsch. Journalismus ist etwas anderes als Neuigkeiten. Den Unterschied können wir kenntlich machen, wenn wir uns vorstellen, dass die Arbeit des Journalismus eine kontinuierliche, über längere Zeit fortgesetzte Berichterstattung ist – genau da, was jetzt in Amerika verschwindet.

Clown im Guns N' Roses T-Shirt

Wie auch immer, ich trat im Channnel 4 auf. Ich wusste, ich würde als idiotischer Romanschreiber aus Kalifornien vorgestellt werden, als einer, der eigentlich nichts in einer im ganzen Land ausgestrahlten Sendung zu suchen hatte.  Meine Reaktion: Ich zog mich an wie ein Clown. Trug ein Guns N’ Roses T-Shirt und einen lächerlichen Hut.

Der Auftritt war, je abhängig von Standpunkt des Betrachters, entweder ein Desaster oder das Komischste, was ich je gemacht habe. Es endete damit, dass ich mich drei Minuten lang mit dem Gastgeber stritt ihm dabei irgendwann erzählte, er sei irrelevant. Auswirkung auf die Verkaufszahlen meiner Bücher hatte dies nicht.

Mitfühlende Reaktionen von Freunden

Als die Sache vorbei war, schrieben mir Freunde, denen am Fernsehen liegt, mitfühlende Mails. Sie waren sicher, dass ich ein Flopp gewesen war. Alle anderen fanden den Auftritt irre komisch. Die einzige Reaktion von jemandem, den ich nicht kannte, kam von einem Mann aus Leeds. Er schrieb mir, mein Hut habe ihn geärgert.

Nicht lange danach spielte die ganze Idee der Fake News im Bewusstsein der gemäßigten Linken Amerikas keine Rolle mehr. Aus welchem Grund?

Vereinnahmung der Fake News durch die Rechte

Donald Trump und seine Mitspieler in den konservativen Medien begannen, den Begriff zu vereinnahmen. Wann immer jemand etwas Negatives über Trump schrieb, stempelte der Präsident den Bericht prompt als „Fake News“ ab. Damit entwertete  er die Idee des Begriffs. Denn auf bizarre Weise hatte er ja Recht.  News sind immer Fake News. Hat man diese Vorstellung einmal festgeklopft, kann man sie unmöglich wieder loswerden. Mittlerweile reden nur noch weit Rechtsstehende über Fake News. Und mit Vergnügen. Fake News ist alles.

Das rasante Tempo, mit dem diese bei der amerikanischen gemäßigten Linken auftauchenden rhetorischen Ideen von der Rechten benutzt werden, ist etwas ganz Neues. Früher brauchte dieser Transfer Jahrzehnte. Jetzt braucht er Wochen. Die sogenannten Küstenstaaten-Eliten, die früher unangefochten bestimmen konnten, in welcher Weise die Medien amerikanische Erfahrungen konstruierten und verpackten, haben die Kontrolle verloren, und die neuen Erfindungen können mühelos vereinnahmt werden.

Erfundene Skandale in beiden Lagern

Spiegelbildlich wird das deutlich an der Art, wie die gemäßigte Linke in den USA auf die Vorstellung fixiert ist, dass Trumps Wahlkampf von geheimen Absprachen mit Russland profitiert hat. Ich möchte allen reinen Wein einschenken, die an diesen Unfug glauben: Es ist nichts damit. Nicht einmal Rauch ohne Feuer. Kein Rauch und kein Feuer.

Wer immer sich noch an das letzte Jahr erinnern kann, müsste den Umriss dieser Idee wiedererkennen. Sie stammt direkt aus dem republikanischen Drehbuch. Die Clinton- und Obama-Regierungen wurden von erfundenen Skandalen heimgesucht. Die letzten Jahre der Präsidentschaft Obamas litten unter dem 2012 erfolgten Angriff auf die amerikanische Botschaft in Benghasi. Es gab Republikaner, die im Ernst glaubten, entweder Obama oder Hilary Clinton, damals Außenministerin, hätten ein Amtsvergehen begangen. Niemand konnte jemals beschreiben, was sie überhaupt getan hatten, aber alle wussten, dass sie es getan hatten. Genau wie die Absprache mit Russland.

Worte werden unbrauchbar gemacht

Das ist also die Welt, in der ich dieser Tage lebe, eine Welt, in der die beiden Seiten des amerikanischen politischen Lebens über Nacht die Rollen getauscht haben. Für jemanden, der versucht zu schreiben, ist sie eine konstante Bedrohung. Wie kann ich in einem historischen Moment, da Worte und was sie beschreiben, unbrauchbar gemacht werden, mit einer Arbeit weiterkommen, die so von der Sprache abhängig ist? Ich habe keine Ahnung.

Aber fürs Protokoll, ich meine immer noch, dass News Fake News sind.

22. März 2017

Vorige Woche bin ich in Europa herumgereist – erst war ich in Deutschland zur Litcologne und dann in Belgrad, wo ich entdeckte, dass ich als literarische Berühmtheit ein Schnäppchen bin – und wie immer war das Reisen lehrreich.

Zum letzten Mal hatte ich mich im Herbst 2016, in den Wochen vor und nach der Präsidentschaftswahl, längere Zeit außerhalb von Amerika aufgehalten. Jeder Europäer, auf den ich traf, wollte mit mir über Donald Trump reden. Fast jeder, mit dem ich sprach, schien überzeugt, dass der Star einer Fernseh-Reality-Show Wahlsieger werden müsse oder wenigstens ein Chance auf Sieg habe.

Das war ganz anders als zu Hause, wo ich in meinem Freundeskreis einer von nur drei Leuten war, die meinten, Trump werde unser neuer Präsident werden. Sagte man vor der Wahl, man traue ihm den Sieg zu, war es, als spucke man dem Papst ins Gesicht, ein so gravierender Verstoß gegen alle gesellschaftlichen Spielregeln, dass man sich sofort schwer verdächtig machte.

Trump-Sieg führte das Land ins emotionale Chaos

Das war der amerikanische Liberalismus in den Obama-Jahren – Verdienst einer Küstenstaaten-Elite, die immer auf der Suche nach dem Sand ist, in den sie ihren Kopf stecken kann. Eine sehr gute Strategie, falls man politisch vernichtet werden will; führt prompt in den Wahnsinn, wenn eine unangenehme Möglichkeit zur Realität wird.

Als ich dann Ende November nach Amerika zurückkam, war es für mich wie die Schlussszene in Planet der Affen, als Charlton Heston nur an den Trümmern der Freiheitsstatue erkennt, dass er sich auf der Erde befindet. Der geographische Ort war derselbe, aber alles sonst verändert, und den Moment des totalen Umschwungs hatte ich verpasst, weil ich mich jenseits der Landesgrenzen herumgetrieben hatte.

Ich sah nur noch das Nachspiel: ein Land im emotionalen Chaos. Meine Freunde waren außer sich vor Kummer. Selbst die Trump-Anhänger, die ich kannte, waren durch den Sieg verwirrt. Den Hauptgewinn hatten sie, aber was genau war damit gewonnen?

Die Wahl war eine Abstimmung über eine Illusion

Die folgenden Monate brachten keine rechte Klarheit. Das Land schleppte sich strauchelnd weiter. Fragen kamen auf, darunter die eher ermüdende, ob Schriftsteller und Künstler mit ihren Werken politischen Widerstand leisten könnten. Das erinnerte mich an den Vergleich, mit dem Kurt Vonnegut die Wirkungskraft der amerikanischen Kunst während des Vietnamkriegs beschrieben hatte: "Sie war so stark wie eine Bananencremetorte von knapp einem Meter Durchmesser, die man von einer drei Meter hohen Leiter fallen lässt."

Die Wahl war in vielerlei Hinsicht eine Abstimmung über eine Illusion, die der Kapitalismus seiner Kreativen Klasse gern nahelegt, die Vorstellung nämlich, dass Leute, die Poster malen und Romane schreiben, einen gewissen Einfluss auf die Welt haben könnten. Was natürlich nicht stimmt. Die Welt  wird von Banken und Vorstandsetagen aus regiert. Künstler sind – mit Glück – Hofnarren der Machthaber.

Ungetrübtes Vergnügen: Mächtige lächerlich machen

Damit will ich nicht sagen, dass man sich nicht trotzdem die Mühe machen sollte. Solange wir im Kopf behalten, dass wir irrelevant sind, bleibt uns immerhin wenigstens noch ein ungetrübtes Vergnügen: Wir können die Mächtigen lächerlich machen. Die Frage ist nur: wie?

Im August wird in Amerika ein neuer Roman von mir herausgebracht. Ein Buch über New York in den 1980er und 1990er Jahren. Trump kommt nicht darin vor, aber ich hatte mit dem Gedanken gespielt, ihn als Typ einzufügen und hatte sogar schon eine Nische für ihn gefunden: Ich wollte ihn in den VIP Room eines inzwischen eingegangenen Clubs namens Limelight stecken, der eine wöchentliche Freakshow im Programm hatte. Menschen gingen auf die Bühne und entwürdigten sich für eine winzige Spur Ruhm und Glück. Einer der berühmtesten Mitwirkenden war ein Mann, der seinen eigenen Urin trank.

Ich hatte mir ausgedacht,  dass Trump in den Kulissen mit einer Handvoll Kokain-Junkies aus dem Club abhängen und über den Urintrinker lachen sollte.

Massenmedien übertrumpfen schöpferische Impulse

Das wäre ein unübertreffliches definitives Bild unseres neuen Präsidenten, dachte ich mir – der Mann ist im VIP Room und sieht feixend zu, wie jemand den eigenen Harn trinkt. Ein weiterer Freak bei der Freakshow. Diese meine Grenzüberschreitung  gefiel mir, ich war stolzgeschwellt über meinen fantastischen Verstoß gegen gute Sitten und Geschmack.

Und dann redeten alle von einem Geheimdossier, das einen russischen Erpressungsplan aufgedeckt habe. Angeblich hatten die Russen Trump gefilmt, als er Prostituierte dabei beobachtete, wie sie auf ein Bett urinierten. Mein fantastisches, Grenzen sprengendes Bild war von den Massenmedien, den uncoolsten Leuten auf dem Planeten, überrollt worden.

Ich habe aufgegeben. Trump kommt im Roman nicht vor.       

Und ich reise hier in Europa herum und frage mich, wie die Fantasie mit einer historischen Periode Schritt halten kann, in der die Nachrichten schöpferische Impulse übertrumpfen. Vielleicht kann sie es nicht.

Vielleicht liegt die Kreativität in den letzten Zügen.

Stand: 26.07.2017, 12:46