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Louis Begley: Wie wir jetzt leben

Louis Begley: Wie wir jetzt leben

Louis Begley beobachtet die Nachrichten besorgter denn je. Die aktuellen Wortgefechte zwischen Donald Trump und Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un erinnern ihn an die Situation vor Ausbruch der Kuba-Krise. Seine Befürchtungen beschreibt Louis Begley in seinem letzten "Brief aus Amerika" an WDR 3.

Louis Begley

11.10.2017: Wie wir jetzt leben - Teil 6

Morgens beim Aufstehen sehe ich mir die Nachrichten auf meinem iPhone besorgter denn je an. Noch ist nichts ist passiert, während ich schlief, aber dass es zu einem bewaffneten Konflikt mit Nordkorea kommt, ist nicht mehr unwahrscheinlich. Bombastische Verbalinjurien, Drohungen und Imponiergehabe sind Donald J. Trumps zweite Natur, und offenbar gilt das Gleiche für Kim Jong-un. Trumps Drohung, Nordkorea zu zerstören und Kims Drohung, Japan im Meer zu versenken und die USA in Schutt und Asche zu legen, sowie andere Kostproben ihrer Eloquenz mögen nur leeres Gerede sein. Wir wissen aber, dass Trump sich leicht und oft verschätzt. Gibt es irgendeinen Grund anzunehmen, dass Kim weniger unberechenbar ist, abgesehen von den Versicherungen einiger Experten, dass er nicht Selbstmord begehen möchte? Ist er nicht der Kerl, der vor drei Jahren seinen Mentor und Onkel, weil dieser das Verbrechen begangen habe, "nur widerwillig von seinem Platz aufzustehen und nur halbherzig Beifall zu klatschen",  durch Salven aus Flugabwehr-Maschinengewehren hinrichten ließ, und auch dafür sorgte, dass Callgirls seinem Halbbruder ein Nervengift ins Gesicht schmierten und ihn damit umbrachten?

Ähnliche Gefahren während der Kubakrise

Ich kann nicht umhin, an einen anderen Zeitpunkt akut drohender Gefahr zu denken, an die Kubakrise. In wenigen Wochen ist ihr fünfundfünfzigster Jahrestag. Zwischen dem 22. und dem 28. Oktober 1962 kamen die USA und die Sowjetunion einem Atomkrieg gefährlich nahe. Ausgelöst wurde die Krise, als Luftaufnahmen zeigten, dass die UdSSR auf Kuba, nur etwa 140 Kilometer von der Küste Floridas entfernt, Mittelstreckenraketen stationiert hatte. Präsident John F. Kennedy bestand auf dem Abtransport der Raketen und verhängte eine Seeblockade über Kuba.

Vertrauen auf den Präsidenten

JFK war ein mittelmäßiger Präsident, dessen Aura verstärkt wurde durch seinen und Jackie Kennedys Charme sowie durch seinen Märtyrertod in Dallas. Die Kubakrise hatte er sich selbst zuzuschreiben, sie war eine Folge der Invasion in der Schweinebucht, eines törichten Abenteuers, das er nicht verhindert hatte. Ihm verdanken wir auch unsere Verwicklung in den katastrophalen Vietnamkrieg. JFKs Intelligenz mag zweitrangig gewesen sein, aber sein Temperament und sein unerschütterlicher Mut waren erstrangig. Sein Gegner in der Kubakrise war Nikita Chruschtschow, der Ministerpräsident der UdSSR, ein gewitzter, erfahrener Politiker, der den jungen JFK beim Wiener Gipfeltreffen, ihrer ersten Begegnung im Juni 1961, ausgetrickst hatte, was beide Männer nicht vergaßen. Aber diesmal erreichte Kennedy sein Ziel mittels einer Kombination aus Geduld, Zähigkeit und Mut, gegen die Empfehlung seiner kriegslustigen Ratgeber und ohne dass ein Schuss fiel: Chruschtschow zog die Raketen aus Kuba zurück, und JFK versprach, die US würden nicht in ihr Nachbarland einmarschieren. Es war eine beängstigende Zeit, aber wir alle, meine Familie, meine Freunde und ich, vertrauten auf unseren jungen Präsidenten und seine Fähigkeit, den richtigen Kurs zu steuern.

Halten die Generäle Trump im Zaum?

Die Zeiten haben sich geändert. Nachdem wir Präsident Trumps Verhalten während seiner ersten neun Monate im Weißen Haus beobachtet haben, können wir nur noch hoffen, dass die drei klugen Generäle Jim Mattis, H.R. McMaster und John Kelly, die zum Glück Trumps Kindermädchen spielen, ihren inkompetenten und unbedachten Oberbefehlshaber zügeln können, damit er uns nicht in eine Katastrophe führt. Dass irgendjemand vorgibt, er wisse, wer Mr. Kim zügeln kann, ist mir bis jetzt nicht zu Ohren gekommen.

Die Bilanz - Ein Desaster

Von Ihnen verabschiede ich mich nun für dies Jahr und vielleicht für immer und wünsche Ihnen ein sicheres und glückliches Jahr 2018; ich grüble derweil über den Schaden nach, den der Präsident und seine Administration meinem Land jeden Tag zufügen. Ich sehe in allen Bereichen Niedertracht und Amtsmissbrauch, Verachtung für die Wissenschaften, einen brutalen Krieg gegen die Einkommensschwachen, Gebrechlichen und Kranken, gegen die Umwelt, gegen Frauen, denen nicht nur Schwangerschaftsabbrüche, sondern auch Zugang zu Kontrazeption und Rat bei der Familienplanung verweigert werden sollen, und gegen alle, die bei der Arbeit einem hohen Risiko für Verletzung und Ausbeutung ausgesetzt sind. Ob Präsident Trump selbst tatsächlich rassistisch oder antisemitisch eingestellt ist, fällt kaum ins Gewicht. Ich glaube, er ist es nicht. Jedoch fällt ins Gewicht, dass er in Proklamationen und Tweets, die vielleicht nur ein giftiger Bewusstseinsstrom sind, vielleicht aber auch gründliches politisches Kalkül verraten, seine kenntnisarme republikanische Basis immer weiter mit den Reizworten Rassismus und Antisemitismus ködert. Ich fürchte, dass Präsident Trumps Vulgarität und der endlose Strom seiner zum Teil höchst befremdlichen, oft wiederholten, an Irrsinn grenzenden Lügen schlimme Auswirkungen auf die Psyche der Nation haben und das amerikanische Verständnis für die Verpflichtungen trüben, die das höchste Amt im Land mit sich bringt. Unerhört und abscheulich ist die Missachtung, die der Präsident für einst fest im politischen Leben Amerikas verankerte ethische Normen an den Tag legt. Er hat den Kongress, die Gerichte, Demokraten, Republikaner, die Medien, das Justizministerium, Hollywood, das Militär, die Geheimdienste, den Papst und jetzt auch noch Berufssportler niederträchtig attackiert; er hat sich geweigert, seine Steuererklärung offenzulegen; er hat die Verbindung zu seinen Firmen nicht abgebrochen; er hat Personen zu Ministern ernannt, die ihre Macht dazu nutzen, die Aufgabe ihrer Ministerien zu unterlaufen.

Trump hat nur Trump-Kult im Sinn

Die demokratische Partei ist aus dem Gleichgewicht und versucht unsicher manövrierend, ihre Ziele neu zu bestimmen. Es wäre ein Wunder, wenn sie 2018 die Mehrheit im Repräsentantenhaus zurückholte. Den Senat zu gewinnen erscheint unmöglich, wenn man bedenkt, wie viele demokratische Senatoren sich im Kampf um die Wiederwahl gegen härteste Konkurrenten durchsetzen müssen. Die Justiz war und ist ein Bollwerk gegen Trumps rechtswidrige Initiativen, aber er wird viele offene Stellen in den Gerichten neu besetzen können, vielleicht mit solchen Juristen wie einem kürzlich ernannten Kandidaten, der gesagt hat, Transgender-Kinder seien "Teufelswerk".  Auch die Mainstream-Medien haben sich bis jetzt nicht davon abhalten lassen, Trump und seine Administration unerbittlich zur Rechenschaft zu ziehen. Aber allmählich werden Journalisten und Leitartikler es leid, immer negativ zu sein. Vor kurzem haben einige Zeitungen hoffnungsvolle Zeichen für eine "Zusammenarbeit der beiden Parteien" gesehen und Trumps Abmachung mit Chuck Schumer und Nancy Pelosi, demokratischen Parteiführern im Kongress, gerühmt. Diese Journalisten betrügen sich selbst. Trump hat nur den Trump-Kult im Sinn und keine anderen Prinzipien und keine Ideologie neben ihm. Zu einer Abmachung ist er bereit, wenn sie ihn nichts kostet und ihm Grund zum Prahlen liefert. Morgen ist auch noch ein Tag. Noch ein Trump-Tag für Trump.

Louis Begley, geboren am 6. Oktober 1933 als Ludwik Begleiter, ist ein amerikanischer Schriftsteller mit polnisch-jüdischen Wurzeln. Das Kriegsende erlebte er in Krakau, zwei Jahre später emigrierte seine Familie in die Vereinigten Staaten. Nach der Ankunft in New York nahm die Familie den Namen Begley an. 1991 trat er dann mit dem autobiografisch geprägten Roman "Lügen in Zeiten des Krieges" (Wartime Lies) literarisch in Erscheinung. Von seinen bisher veröffentlichten Werken wurden vor allem die Romane um den pensionierten Rechtsanwalt Schmidt populär. Louis Begley ist der große Gesellschaftsromanzier der US-amerikanischen Gegenwartsliteratur. Mit dem sozialen Röntgenblick, trainiert durch seine jahrelange Anwaltstätigkeit, mustert er die Vereinigen Staaten von heute. Die Washington Post nannte Begley "einen Meister im Sezieren des amerikanischen Charakters".

30.08.2017: Wie wir jetzt leben - Teil 5

In diesen Zeiten werfe ich jeden Morgen gleich nach dem Aufwachen schnell einen Blick auf mein iPhone. Hat Trump, von Verbündeten verlassen,  aus Angst vor Machtverlust und Blamagen unser Militär mobilisiert und den Angriff auf Nordkorea, Venzuela oder Pakistan befohlen? Als unser Präsident nach Assads Giftgasangriff auf das eigene Volk den syrischen Luftwaffenstützpunkt bombardieren ließ, bescherte ihm diese Vergeltungsmaßnahme eine Atempause und einigen Beifall. Könnte er den Trick in größerem Ausmaß wiederholen? Werden ihn die drei erfahrenen Generäle stoppen?

Wenn ich auf meinem Phone gelesen habe, dass wir  noch nicht im Krieg sind, arbeite ich mich durch die New York Times, und meine Sorge richtet sich auf die Demokratische Partei. Bernie Sanders hat die richtigen Ideen. Aber wo sind die einsatzfähigen jungen Parteiführer, an die er den Stab weitergeben kann? Dann mache ich mir Sorgen, dass ich zu viel Zeit mit Sorgen über Trump vertue. Und ich mache mir Sorgen, Millionen Amerikaner könnten wie ich dem Sirenensang von Ruhe und Frieden  lauschen und versucht sein,  an Trump nicht mehr zu denken, so dass wir mitschuld sind an einer skandalösen neuen Normalität, in der von diesem grässlichen Präsidenten angerichtete Schäden mit einem Achselzucken quittiert werden. Trump unterbindet eine wissenschaftliche Studie über die Gesundheitsrisiken des Montaintop removal, des Gipfelabsprengens, diese katastrophale Ausweitung des Tagebaus?  Und wenn schon.- Welche neuen Nachrichten gibt es sonst noch?

Sagaponack in den Hamptons

Eingesponnen in Sagaponack, meinem Paradies, denke ich über meine Nachbarn nach. Sagaponack liegt in den Hamptons, am Ostende des Bezirks Suffolk,  zu dem rund zwei Drittel von Long Island gehören. Es ist der zweitgrößte Bezirk im Staat New York mit 1,5 Millionen Einwohnern. Etwa 68% davon sind  Weiße, ohne Hispanos und Latinos, diese machen 20 % der Bevölkerung aus, und 7 % sind  Schwarze oder Afro-Amerikaner. Wahrscheinlich leben in Wirklichkeit mehr Hispanos dort; illegale Einwohner wurden nicht mitgezählt. Suffolk mit seinem fruchtbaren Boden und Überfluss an sauberem Wasser ist das landwirtschaftliche Kraftwerk von New York State.
Geldquellen für den Bezirk sind außerdem der kommerzielle Fischfang, der Tourismus und die Versorgung der Reichen, mit deren Häusern die Hamptons gesprenkelt sind. Reich ist auch der Bezirk selbst; das Durchschnittseinkommen pro Haushalt betrug $88. 663 in den Jahren 2011-2015, und nur 7,8 % der Bevölkerung lebten in diesen Jahren an der Armutsgrenze. Die Vergleichszahlen für West Virginia, den Staat, in dem Trump einen erdrutschartigen Sieg verbuchen konnte: ein durchschnittliches Jahreseinkommen pro Haushalt von $41.751 und 17,9 % an der Armutsgrenze; in den USA insgesamt beträgt das durchschnittliche Jahreseinkommen $55.516, und 13,5 % sind Arme. Suffolk ist auffällig, weil es der einzige  große Bezirk im Staat New York ist, in dem 2016  350.750 für Trump stimmten und nur 303.951 für Clinton. Dass Trump die Wahl gewann, war keine Überraschung.  Suffolk wählt seit Jahrzehnten überwiegend republikanisch. Aber dass Trumps Sieg so hoch war -- er  hatte etwa 14 Prozent mehr Stimmen als Hilary Clinton --, überrascht mich. 1992 erzielte Bill Clinton 49% der Stimmen im Bezirk Suffolk, (Bush 38 % und Ross Perot 15,75) und beendete damit die  zehnjährige Herrschaft der Republikaner über das Weiße Haus. 2004 gelang es Kerry, Georg W. Bush zu schlagen, er erzielte 49,5%, Bush 48,5% der Stimmen. Die Stimmenverteilung 2008 war fast die gleiche wie 2016, nur dass 346.370 Stimmen auf Barack Obama und 306.815 auf John McCain entfielen.

„Wir-machen-Amerika -wieder -groß“

Aber an der Wahl von 2016 war nichts normal, so wenig wie an der Methode, mit der ein so einzigartig und auffallend ungeeigneter Kandidat sich am Ende ins Weiße Haus manövrierte. Trump zog von Anfang an die Rassismuskarte gegen Schwarze, indem er die Lüge verbreitete, dass Obama nicht in Amerika geboren sei. Er schloss sich damit einer republikanischen Tradition an, die auf Nixons Southern Strategy (Südstaatenstrategie, um die dort ansässigen traditionell konservativen demokratischen Wähler für die Republikaner zu gewinnen) zurückging: Ronald Reagan (1980: „Ich glaube an die Rechte der Einzelstaaten“ und 1984: „Der Süden wird wieder hochkommen“), George H. Bush (Willie Horton Werbespot) und George W. Bush (der in der Kampagne um die Kandidatur das Gerücht streute, dass John Mc Cain mit einer schwarzen Frau ein Kind gezeugt habe) nutzten diese Strategie. Aber Trump übertraf seine Vorgänger mit dem Schreckgespenst, dass illegale Einwanderer massenhaft über die mexikanische Grenze fluten würden; mehr noch, er stellte sämtliche Hispano/Latino- Einwanderer als eine Bedrohung dar und machte sie, ohne Rücksicht auf ihren rechtlichen Status, zum Ziel seines alle Fremden ausschließenden „wir-machen-Amerika -wieder -groß“ Slogans und schürte damit das glimmende Feuer der Frustrationen in der unteren Mittelschicht und der Arbeiterklasse: Wo sind unsere guten Jobs geblieben? Nach Übersee abgewandert . Eingefrorene Löhne?  Bedankt euch bei „denen“,- den Immigranten, den Illegalen. Gemetzel in den Städten? Die Mörder und Frauenschänder? Schwarze und Latinos. Kein Wunder, dass ihr euer eigenes Land nicht mehr wiedererkennt.

In Sagaponack stehen uns gegenüber auf der anderen Straßenseite zwei Häuser direkt nebeneinander, die unverkennbar Eigentum von blue collar Bonackern sind, so nennt man hier zur Arbeiterklasse gehörende Abkömmlinge alteingesessener Fischer- und Farmerfamilien; In der Einfahrt parken ihre typischen Pickups; auf der Veranda ist Angelgerät verstaut. Vor der Wahl waren  „Trump-Pence“- und „Betreten verboten“- Schilder an die Bäume vor dem Häusern genagelt. Die „Betreten verboten“ Schilder sind immer noch da. Jeden Morgen gehen meine französische Bulldogge Grisha und ich (nachdem ich die Nachrichten auf meinem iPhone gelesen habe), an diesen Häusern vorbei, und Grisha erleichtert sich unweigerlich gleich neben dem Briefkasten am zweiten Bonacker-Haus. Guter Hund, sage ich, und da ich ein guter New Yorker bin, sammle ich den Haufen mit meinem biologisch abbaubaren Beutel auf. Halb und halb erwarte ich, dass der Bonacker mir eine Ladung aus seiner Doppelflinte Kaliber 12 in den Kopf jagt. Aber nichts passiert. Vielleicht lacht er so heftig über den alten Knacker, der seinem Hund hinterher putzt, dass er nicht zielen kann. Zweifellos ist mein Bonacker ein netter Mensch, so nett wie die Leute, die in Charlottesville die Konföderation verteidigten. Dass er für Trump gestimmt hat, ergab sich eben so, erstens, weil er dazu neigt, die Republikaner zu wählen, zweitens, weil er es nicht besser wusste, und drittens, weil er diese vielen Latinos und Hispanos einfach nicht ausstehen kann. Er weiß, dass Trump gegen die hart durchgreifen wird. Nicht so wie die Tussi Hilary. Nein, an den Kerlen passt ihm gar nichts, nicht, wie die aussehen, wie die reden, und schon gar nicht, wie sie und ihre Frauen jede Dreckarbeit annehmen. Oder wie sie sich in der ganzen Gegend breit machen und hausen wie die Schweine, fünf Familien in einem Quartier!

Ein schmutziges kleines Geheimnis verbirgt sich dahinter: Diese Kerle, die nicht mal ordentliches Englisch sprechen können, arbeiten zu hart und zu gut. Dafür sind sich mein Bonacker Nachbar und seine Freunde womöglich zu schade, oder sie wissen gar nicht mehr, wie das geht.

19.07.2017: Wie wir jetzt leben - Teil 4

Hier draußen in Sagaponack an der South Fork des östlichen Long Island ist alles gut. Dogwoodbäume und Hortensien stehen in voller Blüte. Der Strand ist nach den Winterstürmen ungewöhnlich breit. Wenn man abends nach sechs Uhr dort entlanggeht, findet man ihn leer bis auf Leute, die wie Anka und ich ihren Hund ausführen. Vor ein paar Tagen trieb ungefähr um diese Abendstunde in Rufweite von unserem Weg ein vielleicht zehn Meter langer toter Pottwal in den Wellen. Ein paar von uns wateten ins Wasser, um ihn zu fotografieren.  Am nächsten Morgen war unser Wal nicht mehr da.  Die Ebbe hatte ihn ins offene Meer geschwemmt.

Destruktiv - auch wenn er nicht da ist

Es war angenehm, Donald J. Trump außer Landes zu wissen, selbst wenn er sich von Wladimir Putin zum Narren machen ließ. Destruktion treibt er natürlich auch, wenn er nicht da ist, und seine Lakaien helfen mit. Nur ein Beispiel: Der von Trump ernannte Leiter der Umweltschutzbehörde hat vor kurzem Vorschriften der Obama-Regierung außer Kraft gesetzt, die der Verschmutzung unserer nationalen Wasserstraßen entgegenwirkten, er hat eine Klimaschutzbestimmung aufgeschoben, die den Methanausstoß bei der Öl- und Gasförderung verringern sollte, und das Verbot von Pestiziden rückgängig gemacht, die vermutlich das Nervensystem von Kindern schädigen. Das sind nur ein paar seiner Aktionen.

Wenn der Senat dem Gesetzentwurf zur Kürzung von Medicaid (der Versicherung, die etwa 72 Millionen Patienten mit niedrigem Einkommen schützt), zustimmt, haben Amerikaner mit Behinderungen, die auf Medicaid angewiesen sind, schweres Leiden zu erwarten. Wahrscheinlich werden dann ungefähr 23 Millionen Amerikaner ihre Krankenversicherung verlieren.

Er ist vulgär, gehässig, rachsüchtig, grausam, ahnungslos

Ich mache kein Hehl aus meiner Meinung. Ich habe  Donald Trumps Kandidatur, seinen Wahlsieg im November und die fünf Monate seiner Amtszeit ständig mit Entsetzen und Abscheu betrachtet. Fast jedes Mal, wenn er den Mund aufmacht oder einen Tweet ins Netz stellt,  bestätigt er die immer gleichen Charakterzüge bis zum Überdruss: Er ist vulgär, gehässig, rachsüchtig, grausam, ahnungslos, er hat weder Achtung vor der amerikanischen Verfassung, dem Kongress oder der Justiz, noch vor dem hohen Amt, in das er gewählt wurde.

Leute meinesgleichen würden gern sehen, dass Trump vor dem Ende seiner vierjährigen Amtszeit aufhört, egal, ob freiwillig aus Frust und Jähzorn, ob aus Angst vor einem Amtsenthebungsverfahren wie Nixon, oder weil er tatsächlich wegen Amtsmissbrauchs angeklagt oder gemäß der Verfassung wegen Unfähigkeit aus seinem Amt entlassen wird. Viele ernstzunehmende Kommentatoren, unter anderem Frank Rich, den ich ohne Einschränkung bewundere, halten einen derartigen Ausgang für möglich.

Absetzung? Unwahrscheinlich.

Ich bin anderer Meinung und glaube nach wie vor, dass solche Szenarios höchst unwahrscheinlich sind, es sei denn, der Sonderermittler Robert S. Mueller, der mögliche geheime Absprachen zwischen Trumps Wahlkampfteam und russischen Funktionären und im Zusammenhang damit eine mögliche Behinderung der Justiz untersucht, oder einer der beiden Geheimdienstausschüsse des Kongresses zum Thema finden Beweise, dass Trump in Person an der geheimen Absprache mit Russland beteiligt war oder sie eindeutig gebilligt hat. Derartige Beweise werden sehr schwer aufzutreiben sein, es sei denn, jemand aus dem Kreis seiner engsten Vertrauten bricht unter Druck zusammen. Das wird weder Jared Kushner, noch Ivanka, noch Donald Trump Jr. sein. Aber vielleicht Paul Manafort? Nicht ausgeschlossen.

Parallelwelten

Warum ich dieser Meinung bin? Erstens haben die Republikaner im Kongress bewiesen, dass sie keine Patrioten sind. Sie stellen das Wohl des Landes nicht über ihre politischen Ziele, das sind im wesentlichen Steuersenkungen für Unternehmen und reiche Amerikaner und Abbau von Regulierungen, die der Profitmaximierung von Konzernen im Wege stehen. Mit Trump im Weißen Haus haben sie Carte blanche, das wissen sie. Zweitens lebt der harte Kern der Trump-Anhänger in derselben Parallelwelt wie er, abgeschottet von den Skandalen, Fehlschlägen und Gefahren, von denen die wichtigsten Medien berichten und die wir anderen sehen. Solange Trump seine Lügen und Prahlereien als Tweets verbreitet, die dann von rechtsextremen Webseiten übernommen werden und in Radio- und Fernsehtalkshows wie in einer Echokammer widerhallen, so lange wird Trumps Basis ihn nicht im Stich lassen.

Klagelieder nützen nichts

Demokraten und andere Progressive und Liberale sollten sich nicht mit Träumen von Trumps Absetzung aufhalten, sondern sich darum kümmern, dass sie 2018 die Kontrolle über eines oder beide Häuser des Kongresses von den Republikanern zurückgewinnen und dafür sorgen, dass Trump 2020 nicht wiedergewählt wird. Eine zweite Amtsperiode Trumps zu verhindern, ist durchaus möglich, vorausgesetzt, die Demokratische Partei gibt sich einen kollektiven Ruck und besinnt sich auf konstruktive Arbeit. Klagelieder und Anti-Trump Tiraden nützen gar nichts.

Die Zustimmungsrate für Trump ist auf einem historischen Tiefstand. Er gewann die Wahl knapp, mit 56 % der Stimmen des Wahlmännerkollegiums; nur 306 von 538 stimmten für ihn, das heißt, er steht an 46. Stelle der 58 amerikanischen Präsidentschaftswahlen.  Er gewann im Electoral College, weil Clinton in Michigan, Wisconsin und Pennsylvania verlor, drei blauen Staaten, in denen Obama 2012 gesiegt hatte und in denen sie insgesamt lediglich 77.744 Stimmen weniger als Trump erreichte. Aber für sie stimmten im Ganzen knapp 3 Millionen mehr Wähler als für Trump. Nur vier andere amerikanische Präsidenten konnten ins Weiße Haus einziehen, obwohl sie weniger Wählerstimmen als ihre Gegenkandidaten hatten: Benjamin Harrison (1888), Rutherford B. Hayes (1875), John Quincy Adams (1827) und George W. Bush (2002).

Besinnung auf die Ideale der Demokraten

Es gibt ein einfaches Rezept, einen Sieg der Demokraten sicherzustellen: eine höhere Wahlbeteiligung – man muss Demokraten und Wähler, die für demokratische Kandidaten stimmen, an die Wahlurnen bringen. Das heißt vor allem: junge Leute (in den USA gehen ältere Leute  zur Wahl, junge eher nicht), Afro-Amerikaner und Hispano-Amerikaner überzeugen, dass sie wählen.

Zweitens sollte man sich auf einen Kandidaten und ein Parteiprogramm festlegen, die auf die Ideale der Demokratischen Partei zurückgreifen: soziale Gerechtigkeit, Gesundheitsfürsorge für alle – eine verstärkte und verbesserte Form von Obamacare, Medicaid und Medicare (Krankenversicherung für die Alten). Mindestlöhne, die einen fairen Lebensstandard ermöglichen. Besseren und erschwinglichen Zugang zu weiterführenden Schulen und Universitäten. Wiederaufnahme der vollen Unterstützung für die Social Security (das System der Rentenversicherung , das seit dem New Deal Altersversorgung bietet). Schutz vor Diskriminierung jeglicher Form. Zugang zu Geburtenkontrolle und Schwangerschaftsabbruch. Eine gerechte Reform der Einwanderungsgesetze, die illegalen Einwanderern, wenn sie ein unbescholtenes Leben in den USA geführt haben, den Weg zu Daueraufenthalt und Einbürgerung ebnet. Eine erneuerte Verpflichtung auf die Bürgerrechte samt Wahlrecht und Umweltschutz.

Starke neue Champions gesucht

Aber vielleicht zäume ich das Pferd beim Schwanz auf. Die Demokraten müssen  starke neue Champions ins Rennen führen, von denen einer der Präsidentschaftskandidat der Partei wird. Jahrelang haben die Clintons, Bill und Hillary, die Partei mit ihrem erdrückendem Gewicht blockiert, sie verhinderten, dass jüngere Männer und Frauen sich profilieren und zu bekannten Figuren im Land werden. Es ist Zeit, dass eine solche Gruppe Jüngerer hervortritt. Und es ist Zeit, dass bewundernswerte, aber nicht wählbare Persönlichkeiten, etwa Bernie Sanders, Elizabeth Warren und Joe Biden, sich zurückziehen und klar machen, dass sie 2020 nicht kandidieren werden.

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07.06.2017: Wie wir jetzt leben - Teil 3

In unserem letzten Gespräch habe ich gesagt, der von Präsident Trump als Vergeltungsschlag befohlene Raketenangriff auf den syrischen Luftwaffenstützpunkt, nachdem die syrische Luftwaffe bei der Bombardierung Khan Scheikhouns das Giftgas Sarin eingesetzt hatte, sei eine geschickte Manipulation der öffentlichen Meinung gewesen, die auf diese Weise von den früheren Kontakten zwischen russischen Regierungsvertretern und Trumps Mitarbeiterstab abgelenkt worden sei.

Angst vor Enthüllungen über Russland-Connection?

Inzwischen jedoch haben die Aktionen des Präsidenten – eine merkwürdige Mischung aus Dummheit, Frechheit und womöglich auch Panik – die Russland-Connection ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Mehr noch: Der Präsident hat sich Blößen gegeben, die ihm eine Klage wegen Behinderung der Justiz eintragen können: Er feuerte den FBI-Chef James B. Comey, und am Tag danach ließ er den russischen Außenminister Sergey Lawrow bei einem Treffen wissen, er sei Russlands wegen unter großen Druck geraten, den er dadurch losgeworden sei, dass er den "Spinner" Comey gefeuert habe.

Eine Verstärkung der Klagegründe kann sich ergeben, wenn Comey aussagt, dass der Präsident ihn bei drei verschiedenen Gelegenheiten aufforderte, die FBI-Ermittlungen gegen General Michael T. Flynn einzustellen. Flynn war der kurzzeitige Nationale Sicherheitsberater, der gefeuert wurde, als die Medien berichteten, dass er den Vizepräsidenten Michael Pence in der Frage der Kontakte mit russischen Regierungsvertretern belogen hatte. Warum der Präsident so besorgt um Flynn war, ist eine interessante Frage. Aus Herzensgüte? Aus Angst vor dem, was Flynn unter Druck womöglich enthüllt?

Sonderermittler eingesetzt

Jetzt bekommt Trump die Quittung für seine Fehlgriffe. Das Justizministerium hat Robert S. Mueller III, einen ehemaligen FBI-Chef, zum Sonderermittler mit weitreichendem Mandat zur Untersuchung der möglichen Verbindungen zwischen Trumps Wahlkampf und Moskau bestellt. Mueller wird wegen seiner unbestreitbaren Unabhängigkeit und seiner Fähigkeiten als Strafverfolger von allen Parteien hochgeachtet. Auf seine Ernennung hin hat der Geheimdienstausschuss des Senats verlangt, dass Trumps politischer Apparat alle auf Russland bezogenen Dokumente, E-Mails und Telefonaufzeichnungen seit Beginn seines Wahlkampfes im Juni 2015 aushändigt.

Und Jared Kushner, Trumps Schwiegersohn und, wie es heißt, sein neben Ivanka engster Berater, wird im Zuge der Russland-Ermittlung als "Person von besonderem Interesse" vom FBI überprüft. Sein Anwalt hat erklärt, dass Kushner kooperieren wird. Kushners Lage wird erschwert durch die Meldungen, dass er letzten Dezember einen schweren Fehler beging, indem er den Russischen Botschafter Sergey I. Kislayak aufforderte, in seiner Botschaft einen inoffiziellen direkten Kommunikationskanal zu Trumps Übergangsteam (in der Zeit zwischen Wahl und Amtsantritt) einzurichten, und diesen sowie andere Kontakte mit Vertretern Moskaus den für seine Sicherheitsprüfung zuständigen Beamten verschwieg.

Trump in Europa - Angenehme Ruhe in den USA

Wird Präsident Trump seines Amtes enthoben? Das halte ich nach wie vor für höchst unwahrscheinlich.

Die gute Nachricht ist, dass Präsident Trump Nordkorea nicht angegriffen und dass Kim Jong-un keinen Angriff auf Südkorea gestartet hat. Noch nicht. Während viele meinen, Trump habe sich in Europa zum Narren gemacht, war es doch angenehm, ihn aus dem Weg – aus dem Land – zu haben.

Trump als miserabelster Präsidenten in der Geschichte

Nur Tage nach seiner Rückkehr gab er jedoch bekannt, dass wir aus dem Pariser Klimaschutzabkommen aussteigen, diesem Vertrag, in  dem sich unter Federführung von Präsident Obama 195 Staaten, auch die USA, zu Maßnahmen verpflichteten, die weiteren Klimawandel zu verhindern und unseren Planeten vor einer sonst mit Sicherheit eintretenden Katastrophe zu schützen. Der Ausstieg ist ein Schritt, der Trump den Rang des miserabelsten Präsidenten in der Geschichte Amerikas garantieren kann.

Eine Vielzahl der wichtigsten amerikanischen Wirtschaftsführer haben seine beschämende und törichte Handlung verurteilt, und Gouverneure und Bürgermeister im ganzen Land kündigten an, dass sie in ihren Bezirken eine freiwillige Umsetzung des Pariser Abkommens sicherstellen werden.

Kürzungen bei Sozialprogrammen

An der Heimatfront setzt die Trump-Administration weiterhin Bundesrichtlinien außer Kraft, die Umwelt und Verbraucher schützen, sabotiert weiterhin Obamacare, verfolgt illegale Immigranten und macht die Anstrengungen der Obama-Administration rückgängig, die der Masseninhaftierung von Kleinverbrechern einen Riegel vorschieben sollten.

Nur die Inkompetenz der Trump-Administration und die Republikanischen Mehrheiten im Kongress haben uns vor größerem Schaden bewahrt. Die Gesetzesvorlage, die Obamacare abschaffen und ersetzen sollte und die das Repräsentantenhaus schließlich durchbrachte, würde dazu führen, dass in den nächsten zehn Jahren 23 Millionen Menschen ihre Krankenversicherung verlieren, vor allem durch Kürzungen der Medicaid, die die Armen versichert, dass außerdem die Versicherung von Personen mit Vorerkrankungen zweifelhaft wird, und sie würde zulassen, dass Versicherungsgesellschaften die Alten erpressen.

Zum Glück hat der Gesetzesentwurf des Repräsentantenhauses keine Chance, vom Senat gebilligt zu werden, und der Senat kann sich offenbar nicht auf eine Gesetzgebung einigen, die Obamacare ersetzen würde. Trumps kürzlich vorgelegter Haushaltsentwurf enthält Kürzungsvorschläge der Sozialprogramme, die in den nächsten zehn Jahren um 1,7 Billionen Dollar verringert werden sollen. Darunter sind Kürzungen der Gelder für landwirtschaftliche Familienbetriebe, Einsparungen bei den Lebensmittelmarken, mit denen jährlich 44 Millionen Amerikaner unterstützt werden; gekürzt werden Zahlungen der Sozialversicherung für Behinderte, Steuererleichterungen für Familien mit Kindern und Arme, Hilfsprogramme im Kampf gegen die epidemische Opioid-Abhängigkeit und Zuzahlungen zu Miet- und Heizölkosten.

Verachtung der eigenen Wähler

Die Militärausgaben würden in Trumps Haushalt steigen, und die Steuern für die Reichen würden sinken. Der Kongress wird seine eigene Version des Haushaltsplans vorlegen und verabschieden, aber dieser grausame böswillige Vorschlag ist wieder ein Sympton dessen, was Paul Krugman in der New York Times als Trumps Verachtung der Wähler, denen er sein Amt verdankt, bezeichnet hat – der Weißen aus der Arbeiterklasse im Rust Belt, Wisconsin oder Virginia, die in großer Mehrheit auf diese Hilfsprogramme sowie auf Medicaid und Obamacare angewiesen sind.

Gute Nachrichten von der Heimatfront? Die amerikanische Justiz bleibt standhaft. Ein Berufungsgericht hat eine Entscheidung bestätigt, die die Durchführung von Trumps antimuslimischen Einreiseverbot gestoppt hatte. Die Entscheidung eines zweiten Berufungsgerichts in einem identischen Fall wird in Kürze erwartet. Die Presse hat Trumps Verlogenheit und Grausamkeit unerbittlich angeprangert.

Einsamkeit in den Hamptons: "Hiesige" und hiesige Freunde

Anka, unsere kleine Bulldogge Grisha und ich ziehen jetzt den Sommer über in unser Haus an der South Fork von Long Island. Um diese Jahreszeit herrscht in den Hamptons noch Ruhe, so wie vor vierzig Jahren, als wir unsere ersten Sommer hier verbrachten. Der Strand ist der schönste auf der Welt: weiträumig, sandig und leer. Strandläufer zu Hunderten und Aberhunderten laufen am Wasserrand entlang. Man kann kilometerweit wandern und begegnet vielleicht fünfzehn Menschen und natürlich ihren Hunden.

Wir leben gern hier und sind stolz, dass wir mit den weißen "Hiesigen" auf gutem Fuß stehen – mit dem Fischhändler, den Besitzern der Autowerkstatt, des Gemüsestands und des Baumarkts, dem Klempner und dem Mann, der unseren Pool instand hält. Da sie uns seit gut vierzig Jahren Geld abnehmen, lassen sie uns nun denken, dass wir auf unsere Weise auch Hiesige sind. Manche nennen uns beim Vornamen. Unter ihnen sind Bonacker, Nachkommen der ersten Siedler, Fischer und Bauern, Kerle, deren Erkennungszeichen ein Pickup mit einem Labrador auf der Ladefläche ist. Bestimmt haben ein paar von unseren Bonackern Trump gewählt. Unsere anderen hiesigen und wirklichen Freunde sind Kolumbianer: unsere Haushälterin und ihr Bruder, der Handwerker, der alles in Ordnung bringt, was in unserem Haus nicht funktioniert. Vielleicht berichte ich Ihnen demnächst von diesen beiden Gruppen.

Louis Begley, geboren am 6. Oktober 1933 als Ludwik Begleiter, ist ein amerikanischer Schriftsteller mit polnisch-jüdischen Wurzeln. Das Kriegsende erlebte er in Krakau, zwei Jahre später emigrierte seine Familie in die Vereinigten Staaten. Nach der Ankunft in New York nahm die Familie den Namen Begley an. 1991 trat er dann mit dem autobiografisch geprägten Roman "Lügen in Zeiten des Krieges" (Wartime Lies) literarisch in Erscheinung. Von seinen bisher veröffentlichten Werken wurden vor allem die Romane um den pensionierten Rechtsanwalt Schmidt populär. Louis Begley ist der große Gesellschaftsromanzier der US-amerikanischen Gegenwartsliteratur. Mit dem sozialen Röntgenblick, trainiert durch seine jahrelange Anwaltstätigkeit, mustert er die Vereinigen Staaten von heute. Die Washington Post nannte Begley "einen Meister im Sezieren des amerikanischen Charakters".

26. April 2017: Wie wir jetzt leben

In unserem letzten Gespräch habe ich gesagt, dass während meiner wachen Stunden gute Gedanken überwiegen, und das gilt auch jetzt. Zum Beispiel der Gedanke an die Schönheit der Rambleeiner fünfzehn Hektar großen künstlichen, von Menschen angelegten Wildnis samt fließendem Bach, dramatisch aufgetürmten Felsen und rustikalen Brücken. Die Ramble könnte ein Labyrinth sein.  Aber eher gleicht sie Venedig, wie meine Frau Anka mir klarmacht: In Venedig glaubt man, man habe sich verlaufen, findet sich aber am Ende eines langen Irrweges wunderbarerweise immer auf der Piazza San Marco wieder.

Zur Zeit ist die Ramble ein Blütenmeer aus Narzissen, Hyazinthen und Tulpen. In den Bäumen und Büschen wimmelt es von Vögeln; da der Central Park eine Station auf dem Weg der Zugvögel ist, hat man hier im Frühjahr und Herbst gut zweihundertdreißig Arten durchziehender Vögel beobachtet. Etwa vierzig Arten leben ständig im Park, unter anderem die wunderschönen Kardinäle, unsere Lieblingsvögel. Ich gehe mit meiner französischen Bulldogge Grisha durch die Ramble, allein oder mit Anka. Wenn ich mit Grisha allein bin, rede ich ununterbrochen auf ihn ein. Ich erzähle ihm, dass er ein guter Hund ist, dass Menschen sich ein Beispiel an ihm nehmen sollten. Was ich sage, stimmt: Er ist liebevoll, besonders mit kleinen Kindern, und treu. Er stiehlt nicht und richtet keinen Schaden am Eigentum anderer an.  Er fühlt sich wohl bei uns, und ich mag ihn lieber als fast alle Menschen, die ich kenne – ausgenommen meine Familie.

Trotz aller guten Gedanken: Trump ist omnipräsent

Apropos Familie: Gerade hatten Anka und ich Besuch von meinen Pariser Enkelkindern Jacob, vierzehn, und Elisabeth, fast neun. Jacob spielt Cello und ist immer Klassenbester. Seine Schwester spielt Klavier und Klarinette und ist ebenfalls eine ausgezeichnete Schülerin. Beide sehen sehr gut aus und sind sportlich. Ich glaube, sie haben mich gern. Zum Beispiel möchte Jacob, dass ich ihn jeden Abend anrufe. Könnte ich mehr verlangen?

Diese Gedanken sind "fragments I have shored against my ruins" - Stückwerk zum Abstützen meiner Trümmer. Ja, ich horte die guten Gedanken, halte Ankas Hand und sage ihr, dass wir Glück haben. Aber länger als einen flüchtigen Moment können wir die Augen nicht von der Trump-Wochenschau abwenden, die im Hintergrund läuft. Sie verfolgt uns bis in unsere Träume.

Der von Trump befohlene Raketenangriff auf den syrischen Luftwaffenstützpunkt, ein Vergeltungsschlag, nachdem die syrische Luftwaffe bei der Bombardierung Khan Scheikhouns das Giftgas Sarin eingesetzt hatte, lenkte ab von den neuen und belastenden Fakten über Kontakte, die in den Jahren 2015 und 2016 zwischen russischen Regierungsbeamten und Mitgliedern des Trump-Teams gepflegt wurden. Diese Kontakte, sowie Trumps Russland-Connection im Ganzen werden von zwei Geheimdienstausschüssen des Senats und des Repräsentantenhauses und vom FBI untersucht; sie sind das Damoklesschwert, das über der Trump Administration hängt. Trump behauptet, die Bilder der vergasten Kinder hätten ihn so tief verstört, dass er Assad habe bestrafen müssen. Die Medienwirksamkeit war hervorragend. Die Leitartikel tonangebender großer Tageszeitungen brachten über Nacht einen gewissen Respekt für Trump auf, Fernsehkoryphäen und viele Leitartikler gaben ihm recht, ebenso wie etliche führende republikanische und demokratische Politiker, die normalerweise Kritik an Trump üben. Sogar John Kerry und Hilary Clinton stimmten in das Loblied ein. Höchste Anerkennung: Wieder einmal, so wie in seiner Rede vor beiden Häusern des Kongresses, wurde Trump präsidiales Handeln bescheinigt! Dass der Angriff keinerlei Auswirkung auf die Schlagkraft des syrischen Militärs hatte, nichts ändert an Assads Entschlossenheit, im Amt zu bleiben, dass es keinen schlüssigen US-Plan für die nächsten Schritte in Syrien gab und dass die Beziehungen zu Russland auf einem Tiefpunkt standen – das waren lästige Probleme, um die man sich irgendwann später kümmern würde.

Militärschläge als Ablenkungsmanöver

Ich glaube, es macht keinen großen Unterschied, ob die Geschichte, die der Präsident erzählt, wahr oder erfunden ist, ob er sich in Wirklichkeit kaltblütig für eine militärische Aktion entschieden hat - das Mittel der Wahl für Machthaber in Bedrängnis - als Ablenkungsmanöver, damit die politische Klasse und die Öffentlichkeit seine Russland-Connection ebenso aus dem Auge verlieren wie die Rückschläge, die er kürzlich einstecken musste, unter anderem das peinliche Scheitern des Versuchs, Obamacare aufzuheben und zu ersetzen, und die nicht eingelösten vollmundigen Wahlkampfversprechen: Steuerreform, Mauerbau an unserer Südgrenze, Wiederherstellung der Infrastruktur Amerikas. Man kann die beklemmende Tatsache nicht außer Acht lassen, dass der Raketenschlag, egal, ob eine gute oder schlechte Idee, eine großmütige oder machiavellistische Reaktion, jedenfalls ohne Nachdenken über mögliche Konsequenzen angeordnet wurde.

Wird uns der Angriff in den Religionskrieg in Syrien verwickeln? Trump hat inzwischen erklärt: "Wir gehen nicht rein." Beginnen wir stattdessen einen dauernden oder zeitweiligen Luftkrieg gegen Assads Militär? Werden wir jetzt auf Assads Absetzung bestehen, obwohl die amerikanische Regierung noch wenige Tage vor dem Angriff erklärt hat, man strebe nicht an, Assad abzusetzen? Wenn es einen Luftkrieg gegen Assads Militär gibt, wie wollen wir den offensichtlich unumgänglichen Konflikt mit den in Syrien agierenden russischen Streitkräften vermeiden?

Nachhilfeunterricht und Nervenstärke

Von entscheidender und beängstigender Bedeutung für den drohenden Konflikt mit Nordkorea ist es, dass die Aktionen des Präsidenten nicht vorhersehbar sind, dass sie spontan ohne vorherige Erkundung und Planung erfolgen, und dass er sich bei seinen Entscheidungen offenbar von Stimmungen und flüchtigen Anwandlungen leiten lässt. Trump konnte von Glück sagen, dass Präsident Xi Jinping ihm während seines Besuchs in Mar-a-Lago Nachhilfeunterricht zur Geschichte der Beziehungen Nordkoreas mit China gab. Aber hat er genug gelernt? Wird er genug Gelassenheit und Nervenstärke aufbringen, um sich von Kim Jong-uns Wutanfällen und Drohungen nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, so wie John F. Kennedy während der Kubakrise vor fünfundfünfzig Jahren Chruschtschows Drohungen standhielt? Karl Marx war überzeugt, dass die Geschichte sich wiederholt, das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce. Werden Trumps Verteidigungsminister,  sein Sicherheitsberater und der Vorsitzende der Vereinigten Generalstabschefs, allesamt hochgeachtete Generäle, auf die institutionelle Erinnerung unserer Streitkräfte an den Koreakrieg setzen und uns vom Abgrund fernhalten können?

Ein freundlicher Hund wäre dem Präsidenten zu wünschen, mit dem er reden könnte, wenn sie im Gelände des Weißen Hauses herumlaufen. Aber ich denke mir, ein zähnefletschender Pitbull ist der einzige Hund, der ihm passen würde.

15. März 2017: Wie wir jetzt leben

Wenn wir hier in Trumpland im Gespräch sagen: "Reden wir von was anderem, sonst drehen wir durch" , weiß jeder, was damit gemeint ist, nämlich: Reden wir über irgendetwas, nur nicht über den 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten; ersparen wir uns die immer gleiche Liste seiner bombastischen Übertreibungen und schamlosen Lügen, seiner Attacken gegen die Presse und gegen Journalisten, die ihm in die Quere kommen; reden wir nicht davon, wie er Richter beleidigt, sich mit den US Geheimdiensten anlegt, kümmern wir uns nicht um seine groteske Behauptung, Barack Obama habe die Telefone im Trump Tower abhören lassen.

Nichts mehr von der Präsenz und dem dominanten Einfluss des rechtsextremen Irren Steven K. Bannon, der eine Gestalt aus einem Dostojewski-Roman von heute  sein könnte. Kein Wort mehr darüber, dass Trump sich Kabinettsmitglieder, Behördenleiter und Berater ausgesucht hat, die entweder inkompetent oder entschlossen sind, die Aufgaben und Ziele ihrer Ministerien und Behörden ins Gegenteil zu verkehren; dass sein Justizminister eine durch Rassismus befleckte Vergangenheit hat. So viele Militärs wie jetzt gab es in unserer Regierung noch nie - die Schlüsselpositionen des Verteidigungsministers, des Heimatschutzministers, des Beraters für nationale Sicherheit und des Stabschefs des Nationalen Sicherheitsrates wurden mit Generälen besetzt - seien wir dankbar, dass er intelligente und allgemein geachtete Offiziere ausgewählt hat. Beruhigen wir uns beim Kaffee mit einem Freund, dass willkürliche Beschimpfungen befreundeter Staaten und Widerspruch gegen bewährte Positionen der US-Außenpolitik nur eine kurzlebige Bedeutung haben, die sie im Zuge neuer Proklamationen unseres quecksilbrigen, launischen Präsidenten schnell wieder verlieren werden.

Das Schreckgespenst: Russische Eingriffe in den Wahlkampf

Eine mögliche Gefahr für die Republik jedoch und deshalb nicht zu ignorieren ist die fatale Verquickung von russischen Eingriffen in den Wahlkampf von 2016, geheime Treffen und Gespräche zwischen Mitgliedern des Trump-Teams und russischen Funktionären, dazu Trumps  befremdlich schmeichelhafte Äußerungen über Putin und seine widersprüchlichen Aussagen zu seinen eigenen Kontakten mit Putin und dem Land – diese Verquickung ruft das Schreckgespenst einer Absprache Trumps mit Russland auf den Plan. Die russischen Aktivitäten im Internet und die Wahlkampagne aus Fehlinformationen, die hier – wie in Europa und andernorts – geführt wurde, sind Thema einer im New Yorker vom 6. März veröffentlichten meisterhaften Darstellung, die man unbedingt lesen muss.

Auch Trumps gefährlichen Hang zu autoritärer Herrschaft kann man nicht ignorieren. Auf diese Tendenz hat der Historiker Timothy Snyder, der besonders für sein Buch Bloodlands: Europa zwischen Hitler und Stalin bekannt geworden ist, vor kurzem mit einem Pamphlet Über Tyrannei reagiert. Die im Untertitel angekündigten Zwanzig Lektionen für den Widerstand sind zur rechten Zeit erschienene Richtlinien und Verhaltensvorschläge für Bürger im Fall einer Gefährdung der Demokratie.

Werden die Demokraten eine zweite Amtszeit verhindern?

Ein Hoffnungsschimmer, der sich als Irrlicht erweisen könnte, ist der anschwellende Zorn, der landesweit Demokraten und andere Progressive umtreibt. Wenn er weiter wächst und sich auf wirksames politisches Handeln konzentrieren lässt, dann wird es nach der Kongresswahl 2018 mehr oder wenigstens nicht weniger demokratische Senatoren geben als jetzt, und im Repräsentantenhaus werden die Demokraten Sitze gewinnen. Wird sich die Demokratische Partei um einen Präsidentschaftskandidaten sammeln, der fähig ist, bei den Präsidentschaftswahlen im Jahr 2020 eine zweite Amtszeit Trumps zu verhindern? Das ist jetzt noch nicht abzusehen.

Eine andere, von vielen geteilte Hoffnung ist ganz sicher nur eine Illusion: dass Trump als Präsident zurücktreten müsse, weil er vom Repräsentantenhaus wegen "Verrat, Bestechung oder anderer schwerer Verstöße und Vergehen" (zum Beispiel weil er "Zuwendungen" - Bezahlungen - von fremdem Staaten angenommen und damit gegen die emoluments-Klausel  der Verfassung verstoßen habe) unter Amtsanklage gestellt und vom Senat  schuldig gesprochen würde. Er wird auch kaum mit Hilfe des komplexen Verfahrens abgesetzt werden, das, wie im Artikel XXV, Abschnitt 4 der US-Verfassung vorgeschrieben, eine Zweidrittelmehrheit beider Häuser verlangt und angewendet wird, wenn der Präsident seine Amtspflichten nicht erfüllen kann, weil er zum Beispiel geisteskrank ist. Und viele von uns hier in Trumpland glauben, dass der Präsident nicht bei Verstand ist.

Trumps Achillesferse: Mike Pence

Aber wenn Trump zum Rücktritt gezwungen werden könnte, würde im einen wie im anderen Fall der Vizepräsident Mike Pence das Amt übernehmen. Und das ist Trumps Achillesferse. Mike Pence ist bei republikanischen Abgeordneten und Senatoren sehr beliebt, und viele würden lieber ihn als den jetzigen Amtsinhaber im Weißen Haus sehen. Schon einmal hat die Beliebtheit eines Vizepräsidenten – Gerald R. Fords – den Kongress in seinem Entschluss bestärkt, einen Präsidenten - Nixon - aus dem Amt jagen zu lassen. Aber für die Reaktionäre ist Trump der Fahrschein nach Utopia. Sie bauen darauf, dass er weiterhin  Gesetze und Erlasse abschaffen wird, die in der Amtszeit Obamas zum  Ärger umweltverschmutzender Industrien und Finanzinstitute eingeführt wurden, und dass er Obamacare und Medicare aushöhlt. Außerdem hat er sich verpflichtet, Steuern für Konzerne und die sehr Reichen zu senken und die verhasste Erbschaftssteuer ganz zu streichen. Diese gute Arbeit würde Mike Pence mit Freude weiterführen und vielleicht Trump noch übertrumpfen, wenn es um das Recht auf Abtreibung geht, aber der Spatz in der Hand ist sicherer als eine Taube auf dem Dach, und Trump ist der Spatz der Republikaner. Sie würden den Amtsinhaber so lange nicht absetzen, bis selbst ein Blinder sehen könnte, dass Tatenlosigkeit dem politischen Selbstmord gleichkäme.

Alle Politiker können lernen, Babys zu streicheln

Dass Trump sich bessern wird, ist auch nur eine Illusion, ein Trugbild, dem er mit seiner Rede vor den beiden Kammern des Kongresses einen Augenblick lang Farbe gab. Wurde sie zu Recht als versöhnlich und "präsidial" gerühmt“? Nein und nochmal nein! Jeder Idiot kann eine "versöhnliche" und "präsidiale" Rede vom Teleprompter ablesen, und ungefähr alle Politiker können lernen, Babys zu küssen. Trump wird sich nicht weiterentwickeln. Er findet sich ganz offensichtlich gut, so wie er ist. Sein Es ist entfesselt, und kein Über-Ich wird seine Gelüste und Aggressionen zügeln.

Genug davon. Genau genommen überwiegen in meinen wachen Stunden gute Gedanken. Ich denke an meine Liebe, vor allem zu meiner Frau Anka, zu unseren Kindern und Enkeln und unserer französischen Bulldogge, die wir nach unserem Freund Gregor von Rezzori Grisha genannt haben. Diese guten Gedanken behaupten sich gegen die düsteren, die Sorgen um mein Land, die Grübeleien über mein Alter (ich wanke meinem vierundachtzigsten Geburtstag entgegen), die Trauer um den Verlust oder den Verfall meiner engsten Freunde. Vier sind im letzten Jahr gestorben, einer scheint sich nicht von einem Oberschenkelbruch erholen zu können und leidet unter einer Demenz, ein anderer wurde von wiederholten Krebsoperationen schrecklich entstellt und muss sich durch eine Sonde Nahrung zuführen, und wieder ein anderer ist erblindet. Krankenzimmer jagen mir immer Schauder ein, aber ich besuche meine hinfälligen Freunde und bin erstaunt, dass sie weiterleben wollen.

Die Reihe #briefeausamerika läuft mittwochs in WDR 3 Kultur am Mittag.

Stand: 30.08.2017, 10:05