Live hören
Jetzt läuft: Ludwig Senfl - Media vita in morte sumus
Portraitfoto von Hugues Dufourt (C) Astrid Karger

Hugues Dufourt éléctrique

Hugues Dufourt ist ein Vordenker der Spektralmusik - und fasziniert von der E-Gitarre. Martin Kaltenecker nimmt Dufourts elektrifizierte Musik in WDR-Aufnahmen mit Yaron Deutsch unter die Lupe.

Der radikalste Umbruch in der Musik des 20. Jahrhunderts sei technologischer Art gewesen, schreibt Hugues Dufourt 1978 in seinem Manifest der Musique spectrale: „Platten und Membranen ersetzen im Instrumentenbau nach und nach die herkömmlichen Saiten und Röhren. Das Schlagzeug und die Membranen der Lautsprecher bilden zusammen einen neuen kohärenten Komplex, der sich weltweit verbreitet“. Diese Organologie ermögliche zugleich eine neue „Poetik der Energie“, da Schlagzeug und Elektrizität den „dynamischen Anteil“ des Klangs hervorkommen lassen. Die E-Gitarre fasziniert den Komponisten also wegen ihrer rauen, beschlagenen Stimme, ihrer Ungenauigkeiten, den instabilen Klangobjekten, die sie erzeugt. In Hommage à Charles Nègre (1986) dient sie ihm in Verbindung mit einem Vibraphon dazu, die grau-bräunlichen Tönungen der Photographien von Nègre wiederzugeben – „vor allem kein Glanz, kein Schimmern, sondern eine Art chiaroscuro der permanenten Ungewissheit“. In L’ïle sonnante (1990) verbindet Dufourt seine beiden Embleme der Modernität – Schlagzeug und E-Gitarre – hingegen, um eine apokalyptische Klanglandschaft zu entfalten, eingeläutet von traumatischen Glockenklängen.

Ist die E-Gitarre „konzertfähig“? Was geschieht mit dem oft präpotent-maskulinen Sich-Aufspielen dieses Instrumentes, wie es nicht selten in der Pop-Musik gepflegt wird, wenn es mit einem Kammerorchester interagiert? Diese Frage stellt sich Dufourt in L’Enclume du rêve („Amboss des Traums“), einem im Mai 2023 uraufgeführten Kompositionsauftrag des WDR und des Festival Wien Modern. Er lässt sich von Skulpturen Eduardo Chillidas inspirieren, der in den 1950er Jahren das Eisen verwendete: „Falten, krümmen, glühendes Eisen schmieden“ sind die neuen Gesten der Modernität. Die Werke Chillidas bilden nichts ab, sie bezeugen für Dufourt „die Kraft des Erscheinens selbst“. Und wieder geht es in seiner Musik um die Bereiche zwischen Klang und Atem, um fallende Gesten, um Klangfarben, „die dem Rost, der Patina der Zeit und falben Tönungen“ entsprechen.

Hugues Dufourt éléctrique

WDR 3 Studio Neue Musik 17.09.2023 57:08 Min. Verfügbar bis 14.09.2024 WDR 3 Von Martin Kaltenecker


Hugues Dufourt
Hommage à Charles Nègre (1986)
Ensemble Nikel
Leitung: Mariano Chiacchiarini

L’ïle sonnante (1990)
Yaron Deutsch, E-Gitarre
Brian Archinal, Schlagzeug

L’Enclume du rêve (2023)
Yaron Deutsch, E-Gitarre
WDR Sinfonieorchester
Leitung: Sylvain Cambreling 

La Cité des Saules (1997)
Ensemble Nikel
Leitung Mariano Chiacchiarini 

Moderation: Martin Kaltenecker
Redaktion: Patrick Hahn