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Meilensteine der Moderne (5) Friedrich Cerhas "Spiegel" - 20.02.2022

Stand: 09.12.2021, 13:27 Uhr

Als György Ligeti 1960 zu Gast bei Friedrich Cerha war, fiel sein Blick auf einige Notenblätter, an denen sein Freund damals gerade arbeitete und auf die Ligeti entgeistert reagierte: "Was ist das? Du komponierst ja mein Stück!"

Die Anekdote, die Cerha immer wieder gern erzählte, zeigt, dass kompositorische Ideen manchmal förmlich in der in der Luft zu liegen scheinen, dass sie von mehr als einem Komponisten „erfunden“ werden können. In seiner „sonoristischen" Komposition verfolgt Cerha ganz ähnliche Ziele wie György Ligeti oder Giacinto Scelsi in jener Zeit. Unabhängig voneinander fanden sie zu verblüffend ähnlichen Resultaten, zu einer statischen "Musik der inneren Komplexitäten", wie es Ligeti formulierte.

"Spiegel" so heißt der Zyklus in sieben Teilen für Orchester, den Friedrich Cerha damals konzipierte und bis 1971 Stück für Stück ausarbeitete. Das abendfüllende Opus, das auch szenisch – als Bühnenwerk für Bewegungsgruppen, Licht und Objekte – aufführbar ist, geht aus "von einzelnen Schlägen, ausgefransten Tonklumpen und Wellen von Tonbewegungen", die "einander vielfältig überlagernde Klangschichten" ergeben. Spiegelungen in zeitlicher wie räumlicher Hinsicht – von Verläufen und Klangfeldern – spielen dabei eine zentrale Rolle.

Georg Friedrich Haas, einer der Schüler von Cerha, beschrieb den Zyklus voller Bewunderung so: "Die Sprache dieser Musik war radikal neu, als das Werk komponiert wurde. Dieses neue Material ist aber nicht aus einem akademischen Wunsch entstanden, auf experimentellem Weg bis jetzt unerforschte Klangmaterialien zu erproben. Dieses Neue ist – wie alles Wesentliche in der Musikgeschichte – das Ergebnis eines ungebändigten Expressionismus."

Die Sendung steht am folgenden Montag für 7Tage zum Nachhören bereit.

Friedrich Cerha
Spiegel I-VII (1960-71) Zyklus für Orchester

Moderation: Michael Struck-Schloen
Redaktion: Harry Vogt