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WDR 3 Zeitlupe: Eifel

Ein Portrait von Gerrit Wustmann.

WDR 3 Zeitlupe: Eifel

Von Gerrit Wustmann

Ist das hier schon Provinz? frage ich mich. Ich stehe in einem kleinen Tal bei Kall. Vor mir ein Wasserfall, Holzstege, eine Mauerruine, die mal ein Kloster war. Kein Handyempfang. Wozu auch?

Die Hunde rennen im Wettlauf eine Anhöhe hoch. Meine Füße schmerzen, und das ist gut. Sie zu spüren, meine ich. In der Stadt spürt man sie ja nie, weil man nie geht, sondern mit der Bahn fährt. Man kann schnell vergessen, dass man Füße hat. In der Eifel kommt man nicht weit, so ohne Füße. Und bis zu dem kleinen Gasthaus sind es noch gut zwei Stunden und soundsoviele Kilometer.

Ist das hier schon Provinz? "Hinterland" nennt es ein Dichterkollege, der hier wohnt, irgendwo. Jeden seiner Texte beginnt er mit seinem Garten. Man kann ganz besoffen werden von so viel Natur und Ruhe. Auch jetzt, wo es keine Blätter gibt, kein Grün im Wald. Auch Vögel höre ich kaum. Unlängst fegte Friederike hier durch. Hat Bäume umgeknickt und einen schlammigen Boden hinterlassen, aus dem sie sich schmatzend lösen. Die Füße, meine ich.

Die winterliche Ruhe zieht ihn in die Eifel

Winter in der Eifel

Winter in der Eifel

Ich rauche hier nur eine Zigarette alle neunzig Minuten, sonst komme ich nicht voran. Sechs oder sieben Stunden gehe ich auf Pfaden, die im Sommer überlaufen sind von Städtern, die in die Natur drängen und ihr den Frieden nehmen. Zugegeben, ich bin ja auch so einer. Die Ruhe ist der eigentliche Grund, warum es mich im Winter hierher zieht.

An so einem Tag begegnet man nicht vielen Menschen. Und die wenigen muss man nicht nach dem Weg fragen, sie kennen ihn selbst nicht. Lassen sich treiben. Die Älteren reden gern: Wie dieser einsame Wanderer. Um die siebzig ist er bestimmt, und wirkt fitter als ich mich fühle. Selbst die Hunde müssen ihren Pfoten gelegentlich eine Pause gönnen. Der Alte: Er redet und redet. Von seiner Frau und davon, dass es ihm hier besser gefällt als in der Stadt. Er wisse ja, wie es da ist: Berlin, Hamburg, Köln. Da habe er gewohnt. Das sei aber lange her. Siebziger, sagt er.

Er merkt, dass es mich weiterzieht. Er lächelt. "Gehen Sie nur", sagt er. "Aber langsam. Sie brauchen hier keine Eile. In Eile verpasst man nur alles."

Waldlichtung im Winter

Waldlichtung im Winter

Und dann gehen meine Füße, und seine Füße gehen, in unterschiedliche Richtungen, und aus flüchtiger Nähe wird wieder Distanz, und die Hunde rennen voraus und zwingen mich, innezuhalten, denn jeder Grashalm erzählt ihren Nasen eine spannende Geschichte.

Der Geruch der Kindheit

Ist das hier schon Provinz? In dem Gasthaus riecht es wie bei meiner Großmutter aus Hessen. Sie ist schon lange tot, aber dieser Geruch: Ja, auch Kindheit hat etwas Provinzielles. Man braucht keinen Heimatfimmel, um das zu mögen: Wie die alte Dame einen Kaffee bringt. Ihn abstellt. Und wieder geht. Die Ruhe. Der Tag. Die Dämmerung. Der Wind, der nun oben durch den Wald heult und an all den kleinen zeitlosen Krippen ruckelt, die jemand dort aufgestellt hat.

Jesus, Maria, Stroh, Tiere, ein Dach und so weiter... Alle paar Meter steht eine am Rand des Pfades, frei von Laub, als würde jeder Spaziergänger kurz innehalten, ein paar Blätter wegwischen… Und dass sie tatsächlich stehen bleiben: Das ist eines dieser kleinen Wunder, die es nur in der Provinz gibt. Ist das hier schon Provinz? frage ich mich...

Zeitlupe: Eifel

WDR 3 Mosaik | 10.04.2018 | 03:53 Min.

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Stand: 11.04.2018, 15:16