Live hören
Robert Schumann - Quartett Es-Dur, op. 47

Brinkmann, Ginsberg und ich in Bochum

Ein Portraitbild von Lütfiye Güzel auf der Hinterbank eines Autos.

Brinkmann, Ginsberg und ich in Bochum

Heute esse ich zu Mittag in der Mensa der Ruhr-Universität Bochum. Einem meiner Lieblingsorte im Ruhrgebiet, mit dem wohl schönsten Ausblick der Stadt. Ich lasse meinen Blick weit schweifen über das Ruhrtal, während ich in aller Ruhe meine Spaghetti Bolognese genieße.

Ich laufe gerne über den Campus, den viele wegen seiner Betonarchitektur für einen hässlichen und trostlosen Ort halten. Der Brutalismus-Baustil der 70er Jahre ist für mich kein Synonym für "hässlich". Wirklich nicht. Mit der U35 bin ich unterwegs Richtung Bochumer Innenstadt, mein Ziel: Die Universitätsstraße.

Ein Foto der brutalistischen Architektur der Ruhruniversität Bochum.

Der brutalistische Baustil der Ruhr-Universität Bochum.

Hier gibt es einen Ort an dem ich alte Bekannte, Leidensgenossen und Freunde wiedersehen kann, wann immer mir danach ist. Ein kurzes existenzielles Gespräch mit Albert Camus, ein melancholischer Gedankenaustausch mit Fernando Pessoa, ein Brinkmann-Blick auf Rom, Jörg Fauser und kein Liebesgedicht, dazu ein Wiedersehen mit meinen Beatniks. Allen Ginsberg und die besten Köpfe seiner Generation.

Irgendwie so, wie es früher einmal war

Alle Bücher sind da – ohne dass man sie erst bestellen müsste. Hier an diesem Ort, diesem legendären Buchladen in Bochum ist es irgendwie so, wie es früher einmal war. 1968, 1979, 1986, 1997. Ihr guten alten Zeiten, hier habt ihr euch also versteckt.

Die Regale sind übervoll, Büchertürme bis an die Decke und allen Regeln der Statik zum Trotz, stürzt nichts ein, bricht nichts zusammen. Im Gegenteil: Eine eigene Ordnung scheint dem ganzen Zugrunde zu liegen. Der Herrscher des Chaos, der Wolfgang, die Haare wirr, die Klamotten lässig, der Verstand scharf. Mit einer schlafwandlerischen Sicherheit und nur einem gezielten Griff findet er genau das, was ich suche.

Es geht um Bücher und sonst gar nichts

An diesem Ort geht es um Bücher, Bücher und nochmals Bücher. Bücher aus Papier, Bücher über Papier, dicke Bücher, schmale Bändchen, Atlanten, Taschenbücher, politische Bücher, Gedichtbände, alte Bücher, junge Bücher, Hardcover, Softcover, Bücher mit Eselsohren, Bücher bei denen die besten Stellen vom Vorbesitzer rot unterstrichen wurden, Bücher mit Geschichte und Geschichten, Bücher, Bücher und sonst gar nichts.

Na ja, vielleicht noch um Gespräche über Bücher, falls gewünscht. Kaum vorstellbar, dass es einmal Zeiten gab, in denen es in Nahezu allen Buchhandlungen um Bücher ging, statt um kitschige Geschenkartikel und Bestsellerlisten. Wirklich brutal.

Zeitlupe: Brinkmann, Ginsberg und ich in Bochum

WDR 3 Mosaik | 24.04.2018 | 02:37 Min.

Download

Stand: 25.04.2018, 10:31