Esther Kinsky: Hain. Geländeroman

Cover Esther Kinsky: Hain

Esther Kinsky: Hain. Geländeroman

Eine Frau trauert um ihren Mann. Auf einer einsamen Reise durch Italien sucht sie nach Trostmomenten. Auf ihrer Fahrt durch die alten Städte und Kulturlandschaften sieht sie, wie sehr sich Italien seit ihren Kindheitsferien verändert hat.

Das Feature steht nach der Sendung befristet zum Download zur Verfügung.

Einige Zeit lebt sie in einem Haus in Olevano Romano. Das liegt nahe an Rom im Osten, das alte Dorf oben am Hang, weit oben der alte Friedhof. Im 19. Jahrhundert sind die Maler hierher gekommen. Deshalb gehört das älteste Grab von 1892 auf dem Friedhof einem Deutschen aus Berlin. Wenn die Nacht dunkel ist, leuchten oben am Friedhof die Lämpchen.

Beschreibung:Blick über die Dächer der Altstadt vom Monte Celeste auf die Malerlandschaft, Olevano Romano, Latium

Sie ist im Januar angekommen. Zwei Monate vorher hat sie den Mann beerdigt, mit dem sie gelebt hat. Seinetwegen hat sie in Ferrara Halt gemacht, das hatten sie sich beide noch für eine gemeinsame Reise vorgenommen, die nicht mehr stattfand. "Der Garten der Finzi-Contini im Schnee oder gefrierenden Nebel" heißt es knapp, als sie dort ankommt. Den Garten, der Giorgio Bassanis berühmtem Roman und Vittorio de Sicas Film den Titel gibt, betritt man vom Corso Ercole I d’Este. Die Straße trägt den Namen des Fürsten, der seine Herzogtümer im 15. Jahrhundert wirtschaftlich und kulturell erblühen ließ. Von dort etwas entfernt drücken sich auf der Piazza di Travaglio frierende Afrikaner in den Bars herum, während Chinesen ihre Textilien ausbreiten.

Seit ihrer Kindheit hat sich Italien sehr verändert. Mittlerweile ist alles asphaltiert, die Bachläufe begraben. Im Gemüseladen in Olevano telefonieren die arabischen Männer bei ihrer Arbeit. Der Marktplatz trägt den Namen Aldo Moro. Hier verkaufen Afrikaner Socken. Mittags durchsuchen sie die Papierkörbe nach Essbarem. Kunden sieht man kaum.

Esther Kinsky, 15.03.2018

Esther Kinsky schickt ihre Heldin in "Hain" auf eine "italienische" Reise. Die Ich-Erzählerin versucht, durch die langsame Erkundung von Natur- und Stadtlandschaften kurze Trostmomente in ihrer Trauer zu finden.  Erinnerungen an Augenblicke in ihrer Kindheit, an die italienischen Ferien mit dem Vater, verbinden sich mit einer beiläufigen Suche nach den Spuren eines alten Europa: In Ferrara mit seinen berühmten Renaissancebauten, auf dem alten Friedhof von Olevano oder in Palestrina, wo der berühmte Komponist geboren wurde und etruskische Gräber zu bestaunen sind. Für "Hain" erhielt Esther Kinsky 2018 den Preis der Leipziger Buchmesse.

Esther Kinsky. Hain. Geländeroman. Suhrkamp Verlag Berlin 2018, 287 Seiten, 24,00 Euro

Ausstrahlung: Lesezeichen vom 12. bis zum 16. November 2018, Lesung am 17. November 2018
Gelesen von Marietta Bürger
Redaktion: Imke Wallefeld
Produktion: WDR 2018

Stand: 26.10.2018, 15:42