Alles nur Theater - Bühnen als gesellschaftliches Experiment  

Szene aus dem Stück “Die Borderline Prozession“ am Theater Dortmund.

Alles nur Theater - Bühnen als gesellschaftliches Experiment  

Die Ablösung von Frank Castorf als Intendant der Berliner Volksbühne hat die Diskussion über die Zukunft des Theaters neu entfacht. Denn der Kurator Chris Dercon wird seine Nachfolge antreten: ein Indiz dafür, dass die außergewöhnliche deutsche Theaterlandschaft gefährdet ist? Oder "Alles nur Theater"?

Gebäude Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin

Volksbühne Berlin

Frank Castorf hat sich als Regisseur und Theaterleiter in den letzten Jahrzehnten an der Berliner Volksbühne einen legendären Ruf erworben. Dass ihm nun der Belgier Chris Dercon folgt, der zuletzt Direktor der Tate Gallery of Modern Art in London war, entfachte einen Sturm der Entrüstung. "Opfern wir ein Glanzlicht des deutschen Theaters der Eventkultur?"
gefragt. Dabei wird gerne übersehen, dass sich an deutschen Bühnen längst in vielerlei Hinsicht ein Wandel vollzogen hat. Der vielgepriesene Frank Castorf fesselt seit langem sein Publikum mit endlos langen Romanbearbeitungen an die Theatersessel und verzichtet eher auf die Inszenierung von eigens für die Bühne geschriebenen Stücken. An vielen Orten wird das "postdramatische" Theater gefeiert, Künstlergruppen entwickeln ihre Bühnenprojekte selbst in einem kollektiven Prozess und nutzen dokumentarisches Material in ihren Aufführungen. Oft wird gar nicht mehr auf einer Bühne gespielt, sondern im Museum, in einer Industriehalle oder sogar im öffentlichen Raum. "Alles nur Theater" heißt unser Programmschwerpunkt auf WDR 3, in dem wir nach der Zukunft unserer Bühnen fragen und neue Arbeitsansätze vorstellen. Wir blicken aber auch zurück und porträtieren mit dem 92-jährigen Peter Brook einen der großen Avantgardisten des Theaters im 20. Jahrhundert. Und wir schauen auf einen amerikanischen Pionier multimedialer Theaterinszenierungen, den "unglaublichen Mr. Hardman".

TheaterRäume - Bühnen als Ort des Wandels - 20. Mai 2017

Blick auf leere Theaterbühne mit Stuhl

Die Guckkastenbühne

Seit der Museumsmann Chris Dercon als Nachfolger des Berliner Volksbühnen-Intendanten Frank Castorf feststeht, geht die Angst um: Verschwindet mit Dercon die Idee von festen Ensemble-Schauspielern, von Repertoire und auch von deutscher Leitkultur?

Dabei ist der Wandel längst im Gange. Thomas Oberender von den Berliner Festspielen träumt vom immersiven Theater im Kunstmuseum, der internationale Regiestar Milo Rau setzt den klassischen Bühnenraum höchstens als Zitat ein und findet, der Repertoire-Betrieb verhindere Austausch. Die junge Choreografin Verena Billinger zeigt mit Sebastian Schulz Tänzer in der Kunsthalle Düsseldorf und der 70-jährige Regisseur Johan Simons hat vielen Stadttheaterbühnen in Zürich und München die Zentralsperspektive genommen. Jetzt leitet er zum letzten Mal die Ruhrtriennale, die mit ehemaligen Industrieräumen glänzt. Auch in Dortmund hatte das Schauspiel erst dann wieder Erfolg, als es in einer Lagerhalle am Stadtrand spielte.

Müssen wir also die alten Häuser abreißen, um Platz für Bühnen des gesellschaftlichen Wandels zu schaffen?

Kunstprojekt: Truck Tracks Ruhr

Truck Tracks Ruhr (2016) mit Publikum im LKW

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Ausstrahlung am 20.Mai 2017, Wiederholung am 21. Mai 2017
Autor: Tobi Müller
Redaktion: Leslie Rosin
Produktion: WDR 2017

TheaterRäume - Bühnen als Ort des Wandels

WDR 3 Kulturfeature | 20.05.2017 | 53:56 Min.

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Der unglaubliche Mr. Hardman - Ein Pionier und sein Antenna Theater - 27. Mai 2017

Ob Janet Cardiff, Ligna oder Rimini Protokoll, audio- und visuelle Medien in Installationen oder im performativen Theater sind heute im Mainstream angekommen. In Deutschland so gut wie unbekannt ist aber der Pionier auf diesem Feld: der Amerikaner Chris Hardman.

Bus von Innen, bunte Ledersessel mit Blickrichtung nach außen

Magic Bus Tour, Antenna Theater, San Francisco

1982 saß Chris Hardman, bildender Künstler und Theatermacher, in einem Flugzeug auf dem Weg nach Europa. Um sich die Zeit zu vertreiben, hatte er einen Walkman dabei. Die Technik war damals vollkommen neu. Während das Flugzeug in die Wolken durchstartete, lauschte Hardman mit seinen Kopfhörern Wagners Walkürenritt. Dabei stellte er fest, wie sein Gehirn die Musik und das startende Flugzeug synchronisierte. Das war der Beginn von Hardmans "Walkmanologies", einer Art interaktivem Radiotheater.

Daraus entstanden bis heute über 30 verblüffende und irritierende Theaterinszenierungen und Installationen, in denen die Zuschauer virtuelle wie reale Räume betreten können, sich die Rollen von Schauspielern und Publikum auflösen und die Beobachter zu Darstellern ihrer eigenen Inszenierungen werden. Als quasi kommerzielles Nebenprodukt dieser Theaterexperimente entstand die "Mutter aller Audiotouren", die Alcatraz Cellhouse Tour.

Besucher der Alcatraz Cellhouse Tour.

Alcatraz Cellhouse Tour

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Der unglaubliche Mr. Hardman

WDR 3 Kulturfeature | 27.05.2017 | 53:33 Min.

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Ausstrahlung am 27. Mai 2017, Wiederholung am 28. Mai 2017
Autorin: Martina Groß
Redaktion: Leslie Rosin
Produktion: WDR 2017

Der Sturm - Theater als Reise zum Menschen - 3. Juni 2017

Poträt von Peter Brook

Peter Brook

Wer bin ich? Woher komme ich? Was ist das Leben? Fragen, mit denen sich die Theateravantgarde der 60er und 70er Jahre auseinandersetzte und die sie zum Zentrum ihrer Arbeit machte. Für sie war das Theater eine Reise zum Menschen.
Ausgehend von einer performativen Ausdeutung von Shakespeares "Der Sturm" betrachtet die Autorin die Theateransätze der Regisseure Peter Brook und Jerzy Grotowski.

Poträt von Jerzy Grotowski (1997)

Jerzy Grotowski

Sie reflektiert deren Utopien und Visionen, deren Aufbegehren gegen den "Kunsttempel Theater". Vor dem Hintergrund von Studentenrevolte, asiatischen Kriegen und Atombombenangst setzten sie sich ein für ein "menschliches Theater".
Das Feature steht nach der Sendung befristet zum Nachhören zur Verfügung.

Ausstrahlung am 03. Juni 2017, Wiederholung am 04. Juni 2017
Autorin: Evelyn Dörr
Redaktion: Dorothea Runge
Produktion: rbb 2016

Der Sturm - Theater als Reise zum Menschen

WDR 3 Kulturfeature | 03.06.2017 | 53:59 Min.

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Stand: 15.05.2017, 08:41