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Das tote Kind von Xanten und der Mord an der Witwe Stern – Zwei antisemitische Kriminalfälle

Blick auf die Scheune der Familie Küppers, in der das Kind ermordet wurde

Das tote Kind von Xanten und der Mord an der Witwe Stern – Zwei antisemitische Kriminalfälle

Von Daniel Cil Brecher

In Xanten soll ein jüdischer Metzger einen Jungen rituell getötet haben. In Eberstadt hat ein NSDAP-Ortsgruppenleiter die jüdische Witwe Susanna Stern erschossen. Beide Kriminalfälle zeugen von einem tief sitzenden Antisemitismus und wirken bis heute nach.

Das Feature steht nach der Sendung befristet zum Download zur Verfügung.

Das tote Kind von Xanten und der Mord an der Witwe Stern

WDR 3 Kulturfeature 06.04.2019 53:59 Min. WDR 3

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Rekonstruktion am Tatort

Rekonstruktion des Tatorts des Mordes

Im Juni 1891 wird in Xanten in einer Scheune die Leiche eines 5-Jährigen Jungen entdeckt. Viele Xantener Bürger behaupten, der Jude und Metzger Adolf Buschhoff habe das Kind rituell geschlachtet, um das Blut für die Zubereitung von Matzen zu gebrauchen. Der angebliche Ritualmord und der Prozess entwickeln sich zu einem landesweiten Medienereignis und zu einem der bekanntesten Fälle von Antisemitismus im deutschen Kaiserreich.

Susanna Stern, ca. 1910

Susanna Stern, ca. 1910

Im November 1938 wird im badischen Eberstadt die 81-Jährige Jüdin Susanna Stern durch zwei Schüsse getötet. Täter ist der 26 Jahre alte NSDAP-Ortsgruppenleiter Heinrich Frey. Er hat die Witwe erschossen, weil sie "frech und höhnisch" war. Staatsanwaltschaft und Polizei wissen nicht, wie sie vorgehen müssen. Sollen sie den Fall wie ein konventionelles Tötungsdelikt behandeln oder bereits nach jener neuen Politik der "Sonderbehandlung" von Juden?

Grabstätte Johann Hegmann in Xanten

Grabstätte des toten Jungen in Xanten

Die minutiöse Rekonstruktion der Fälle gibt detaillierten Einblick in die Untersuchungen, die Motive der Beteiligten und die politischen Verhältnisse der Zeit. Das Feature dokumentiert die tief sitzenden antijüdischen Traditionen der deutschen Gesellschaft, aber auch die Bemühungen Einzelner, sich mit diesem Erbe kritisch auseinanderzusetzen.

Buchtipp:
Willi Fährmann: Es geschah im Nachbarhaus. Geschichte eines Verdachts. Arena Verlag Würzburg 1988, 176 Seiten, 6 Euro

Über den Autor

Porträt Daniel Cil Brecher

Daniel Cil Brecher

Daniel Cil Brecher wurde 1951 in Tel Aviv geboren und hat sich als Historiker auf jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts und die Geschichte Israels spezialisiert. Er war unter anderem Direktor des Leo-Baeck-Instituts in Jerusalem und unterrichtete an den Universitäten in Haifa und Jerusalem. Seit 2001 macht er Filme, Ausstellungen und Radiofeatures zu internationalen zeitgeschichtlichen Fragen. Brecher lebt in Amsterdam.

Über das Feature "Das tote Kind von Xanten und der Mord an der Witwe Stern" schreibt er:

Legenden und phantastische Vorstellungen über die Macht und Machenschaften von Juden sind immer noch virulent. Trotz der vielen Lehren, die wir aus dem schrecklichsten aller Menschheitsverbrechen gezogen haben, stecken bestimmte Vorstellungen weiterhin in den Köpfen Vieler und bieten so Manchem eine Rechtfertigung für Hass und Gewalt.

Das Besondere, das Antisemitismus von anderen Formen des Rassismus unterscheidet, kommt in der Rekonstruktion der beiden Kriminalfälle klar zum Ausdruck. Juden werden als gefährlich angesehen, als Feinde, die es auf Nichtjuden abgesehen haben. Gewalt gegen Juden wird zu Notwehr erklärt, wie etwa die im Feature rekonstruierten Pogrome von 1891 in Xanten am Niederrhein und der Mord von 1938 im Odenwald. Die Nationalsozialisten schließlich machten sich auf zum "Präventivkrieg" gegen das Judentum und töteten sechs Millionen nichtsahnende, unschuldige Bürger Europas.

Mit der minutiösen Rekonstruktion zweier historischer Kriminalfälle lege ich die Mechanismen frei und zeige, dass es sich beim Antisemitismus um eine tödliche Ideologie handelt, die tiefe Wurzeln in der Kultur Europas hat und offenbar nicht so leicht zu überwinden ist.

Buchveröffentlichungen: 

  • Das Sonderrecht für die Juden im NS-Staat (mit J. Walk). UTB Uni-Taschenbücher Verlag Heidelberg 1996
  • Fremd in Zion. Aufzeichnungen eines Unzuverlässigen. Deutsche Verlagsanstalt München 2005
  • A Stranger in the Land. Jewish Identity beyond Nationalism. Other Press New York 2007
  • Der David. Der Westen und sein Traum von Israel. PapyRossa Verlag Köln 2011

Ausstrahlung am 6. April 2019, Wiederholung am 7. April 2019
Von Daniel Cil Brecher
Redaktion: Dorothea Runge
Produktion: WDR 2019

Stand: 08.03.2019, 10:00