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Entfremdet - Mit Karl Marx am Rande des Nervenzusammenbruchs

Karl Marx auf einem politischen Plakat, Russland um 1920

Entfremdet - Mit Karl Marx am Rande des Nervenzusammenbruchs

Von Martin Hubert

Das Tempo nimmt zu und der arbeitende Mensch muss sich stets neuen Anforderungen stellen. Unsicherheit, Selbstausbeutung, Stresserkrankungen entfremden ihn von sich selbst und von seiner Arbeit. Gestern wie heute. Aber müssen wir uns überhaupt in der Erwerbsarbeit verwirklichen?

Das Feature steht nach der Sendung befristet zum kostenlosen Download zur Verfügung.

Entfremdet - Mit Karl Marx am Rande des Nervenzusammenbruchs

WDR 3 Kulturfeature | 05.05.2018 | 50:35 Min.

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Karl Marxs mit seiner Ehefrau Jenny und den Töchtern Laura und Eleanor und Friedrich Engels, 1870

Lange galt der am 5.5.1818 geborene Ökonom und Gesellschaftstheoretiker Karl Marx als "toter Hund". Aber seit der Finanzkrise von 2007 wird seine Kapitalismusanalyse wieder ernst genommen. Das gilt auch für seine zweite große Theorie, nach der der Mensch im Kapitalismus ein entfremdetes Wesen sei. Er verfüge weder über das Produkt seiner Arbeit, noch kontrolliere er den Arbeitsprozess, und mit seinen Kollegen dürfe er auch nicht frei kooperieren. Was der Arbeitende tue, bleibe ihm daher fremd, und als Gattungswesen könne er seine menschlichen Anlagen nicht ausbilden. Marx selbst hatte höchste Ansprüche an sich und sein Leben, stieß aber ständig an Grenzen. Politisch verfolgt, arm, häufig krank, lebte er manchmal am Rande des Nervenzusammenbruchs.

Werkhalle Krupp Essen um 1900

Das Feature folgt den Lebensspuren von Karl Marx und fragt, ob sich der Mensch überhaupt in seiner Erwerbsarbeit voll und ganz verwirklichen muss? Vieles spricht dafür, dass Marx mit seiner Entfremdungstheorie einen so hohen Maßstab für nicht-entfremdete Arbeit formuliert hat, dass wir uns dabei heute im global gewordenen Konkurrenzkapitalismus permanent verausgaben und dem Ideal der Selbstverwirklichung nachjagen. Unzweifelhaft ist die Arbeitswelt heute humaner als im 19. Jahrhundert - Teamarbeit, Mitbestimmung und flexible Arbeitszeiten wurden eingeführt. Trotzdem klagen viele Menschen darüber, dass sie unter ihrer Arbeit leiden, sich teilweise im global gewordenen Kapitalismus abgehängt, sogar entwurzelt fühlen. Eine politische Entfremdung, die dem neuen Populismus von rechts in die Hände spielt.

Buch:
Franz Schultheis, Berthold Vogel, Michael Gemperle (Hg.): Ein halbes Leben. Biografische Zeugnisse aus einer Arbeitswelt im Umbruch. UVK Verlagsgesellschaft Konstanz 2010, 760 Seiten, 39,90 Euro, erhältlich beim Herbert von Halem Verlag

Ausstrahlung am 05. Mai 2018, Wiederholung am 6. Mai 2018
Redaktion: Dorothea Runge
Produktion: WDR 2018

Stand: 04.04.2018, 11:41