Die sieben Leben der Marina Abramović: Der Körper als Kunstwerk

2014 Marina Abramovic bei einer Austellungseröffnung in Malaga

Die sieben Leben der Marina Abramović: Der Körper als Kunstwerk

Von Nina Hellenkemper

Ikone, Grenzgängerin, Radikale: Die serbische Performancekünstlerin Marina Abramović fürchtet in ihren spektakulären Kunstaktionen weder Schmerz noch den Tod. Auch Lady Gaga zählt zu ihren Schülerinnen.

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Die sieben Leben der Marina Abramović: Der Körper als Kunstwerk

WDR 3 Kulturfeature | 21.04.2018 | 53:55 Min.

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1982 Künstlerehepaar Marina und Ulay Abramovic bei der Performance mit dem Titel "Durch das Nachtmeer".

Sie geißelte sich mit Peitschen, Feuer, Eis oder legte Besuchern eine geladene Pistole zur freien Verfügung vor. Was Marina Abramovic’ Arbeit bis heute prägt, ist die maximale Spannung, die sie zwischen sich und dem Publikum erzeugt.

2017 Marina Abramovic bei der Retrospektive der performance "The artist is in the house"  im Louisiana Museum in Kopenhagen

Als erste lebende Künstlerin holte sie 750 000 Besucher ins Museum of Modern Art. Nach dem großen Erfolg ihrer Ausstellung "The Artist Is Present" 2010 gründete sie das "Marina Abramović Institute", in dem Künstler aus aller Welt die Abramović Methode erlernen können – die Erforschung der eigenen Präsenz.

Ausstrahlung am 21. April 2018, Wiederholung am 22. April 2018
Ein Feature von Nina Hellenkemper
Produktion WDR/NDR/rbb 2014
Redaktion: Leslie Rosin

Freies Schwimmen. Marina Abramović in Bonn

Von Thomas Köster

Küsse für Vulkane, Ohrfeigen unter Liebenden und tagelanges Stillsitzen im Museum: Marina Abramović ist eine Art Mutter der Performancekunst. Jetzt widmet ihr die Bundeskunsthalle eine große Retrospektive. Großartig.

Marina Abramovic in der Bundeskunsthalle, Bonn 2018

Um ihr das Schwimmen beizubringen, warf ihr Vater Marina Abramović mit sechs Jahren vom Boot aus ins offene Meer. Dann ruderte er zurück, ohne sich umzublicken, um am Ufer zu warten. Abramović erzählt die Anekdote gern, wenn sie von ihrem lieblosen Elternhaus und der Kindheit im ehemaligen Jugoslawien spricht. Oder um zu erklären, wie sie wurde, was sie ist: "Das Erlebnis hat mich für mein ganzes Leben geprägt."

Um ihr das Schwimmen beizubringen, warf ihr Vater Marina Abramović mit sechs Jahren vom Boot aus ins offene Meer. Dann ruderte er zurück, ohne sich umzublicken, um am Ufer zu warten. Abramović erzählt die Anekdote gern, wenn sie von ihrem lieblosen Elternhaus und der Kindheit im ehemaligen Jugoslawien spricht. Oder um zu erklären, wie sie wurde, was sie ist: "Das Erlebnis hat mich für mein ganzes Leben geprägt."

Tatsächlich hat Abramović Zeit ihres Schaffens vor allem versucht, sich freizuschwimmen, reinzuwaschen, von körperlichen und seelischen Zwängen, hin zu neuen Ufern und zu puren Energien, teils mit unerträglicher Härte und Grausamkeit gegen sich selbst. Wer die Bundeskunsthalle betritt, kann das ein wenig nachvollziehen.

"The Cleaner" ist die Bonner Ausstellung überschrieben, die Installationen, Filme, Objekte, Fotografien, Gemälde und Zeichnungen aus rund 50 Jahren versammelt. Angefangen von den Gemälden aus ihrer Zeit an der Belgrader Kunstakademie über ihre Aktionen mit dem deutschen Künstler Ulay bis hin zu den Performances und Videoinstallationen der späten Jahre.

Auch Aufbauten berühmter Performances sind zu sehen. Dazu gehören auch die drei schwebenden Räume von "The House with the Ocean View", die 2002 in der Sean Kelly Gallery in New York stattfand. Zwölf Tage lang konnte das Publikum Abramović beim Schlafen, Meditieren, Duschen oder beim Toilettengang zusehen – getrennt durch Leitern mit Messersprossen. Der Versuch einer Läuterung sei dies gewesen, sagt Abramović: ein "Zustand von Hilflosigkeit", der "einen Energiedialog zwischen der Performerin und den Zuschauern" erfordert habe.

Mit zwölf Jahren bekommt Abramović ein eigenes Atelier als Liebesersatz. Und Malunterricht von einem Partisanenfreund ihres Vaters, der seinerseits ein Held des Tito-Kommunismus war. In ihrer Kindheit ist sie von Lastwagen fasziniert, von denen sie 1963 zwei zusammenkrachen lässt. Und damit jenen Moment fixiert, in dem Energie sich entlädt.

An ihrem gemeinsamen Geburtstag, dem 30. November 1975, lernt Abramović in Amsterdam den deutschen Künstler Frank Uwe Laysiepen alias Ulay kennen, mit dem sie zusammenzieht. In der Folge entstehen gemeinsame Performances, bei denen sich die Künstler anschreien, Ohrfeigen geben oder Verbindungen eingehen, die auf absolutem Vertrauen basieren.

Erst leben und arbeiten beide in Amsterdam, dann geben sie ihren festen Wohnsitz für ein nomadisches Leben im Kleintransporter auf. Anfang der 1980er Jahre leben sie neun Monate lang beim Stamm der Pintupi in Australien, erproben Hypnose und meditieren in Indien. In dieser Zeit üben sie sich darin, sich tagelang still gegenüberzusitzen - was sie bei den Performances umsetzen und was Abramović später mit Besuchern macht.

Auf der Documenta 7 in Kassel wird "Nightsea Crossing" präsentiert. Dabei spielen Talismane aus alchemisch aufgeladenem Material wie Gold und Bergkristall oder Kleidung in kräftigen Farben eine Rolle, die aus der vedischen Skala übernommen sind. Auch hiervon sind in der Bundeskunsthalle Zeugnisse zu sehen.

Spektakulär ist vor allem ihre Performance "The Lovers": Nach einer schwierigen Genehmigungsphase gehen sich Abramović und Ulay 90 Tage lang auf der Chinesischen Mauer entgegen. Das Wiedersehen allerdings markiert das Ende einer zwölfjährigen Beziehung und Zusammenarbeit, in der sich Abramović als der stärkere Part erwies.

"Wir waren nicht mehr in der Lage zu performen und bauten daher zwei Vasen in der Größe unserer Körper", schreibt Abramović. "Die eine reflektierte, die andere absorbierte das Licht. Wir betitelten das Werk 'The Sun and the Moon'". Auch dieses gemeinsame Zeugnis einer verblassten Liebe, die in einen vor Gericht ausgefochtenen Streit um Urheberschaften samt später Versöhnung mündete, ist in der Bonner Bundeskunsthalle zu sehen.

2000 stirbt Abramovićs Vater – "voller Enttäuschung über die politischen Veränderungen im ehemaligen Jugoslawien", wie sich die Künstlerin erinnert. Wie stark sie ihm trotz allem zugetan war, reflektiert die Videoarbeit "The Hero", auf dem sie die weiße Fahne des Friedens flattern lässt. Im Hintergrund läuft "Hej Sloveni", die jugoslawische Nationalhymne aus Zeiten Titos (hier eine Aufbausituation).

"Mein Vater fand meine Mutter und brachte sie auf seinem Schimmel in ein Krankenhaus", notiert Abramović. "Später rettete ihm meine Mutter das Leben, als sie ihn bewusstlos zwischen anderen verwundeten Soldaten entdeckte." In einer Vitrine ist dieses gemeinsame Leben in der Bundeskunsthalle ausgebreitet. Der vielleicht anrührendste Raum, der auch am meisten erklärt.

Einen wichtigen Teil von "The Cleaner" bilden sogenannte Re-Performances, mit denen Abramović seit den 2000er Jahren arbeitet und die das Erlebnis der Originale möglichst authentisch und emotional ungefiltert nachvollziehbar machen sollen (hier eine Probensituation).

Dazu gehört auch die Performance "Imponderabilia", bei der sich Abramović und Ulay 1977 in der Galleria Communale d’Arte Moderna in Bologna 90 Minuten lang nackt und unbeweglich in einer schmalen Nische gegenüberstanden. Die Besucher mussten sich seitlich durch die Körper hindurchzwängen und an ihnen reiben. In Bonn kann man allerdings auch einen anderen Durchgang wählen.

Überhaupt: Das Publikum. Bei Abramović spielt es seit jeher eine zentrale, künstlerisch lebenswichtige – und hin und wieder sogar lebensbedrohliche – Rolle. Bei "Rhythm 0" dufte sich das Publikum mit 72 Gegenständen am Körper der Künstlerin austoben. Mit Parfüm und Federn, aber auch mit Messer und Revolver.

Manchmal ist der Zuschauereinsatz aber auch lebensrettend. Bei "Rhythms 5" (1974) wäre Abramović beinahe in einem brennenden Stern erstickt und wurde bewusstlos von zwei Zuschauern herausgezogen. Und bei "Lips of Thomas" (1975) schritt das Publikum ein, um Abramović an weiteren Selbstverstümmelungen zu hindern. Die Künstlerin hatte den Schmerz, den sie sich mit einer Peitsche und Rasierklingen zugeführt hatte, schon gar nicht mehr gespürt.

In der Bundeskunsthalle verzichtet man aufs Lebensbedrohliche. Dafür darf der Zuschauer einige der Objekte aus dem Spätwerk selbst benutzen. Die Fächer dieser "Privat Archaeology" (1997-2017) mit Objekten, Buchauszügen und Artefakten etwa kann man öffnen. "Hier reflektiere ich über die Quellen meiner Arbeit", sagt Abramović.

"Wir leben in einer schwierigen Phase, in der Zeit immer wertvoller wird, da wir immer weniger Zeit haben. Deshalb möchte ich dem Publikum die Möglichkeit geben, Zeit, Raum, Helligkeit und Leere zu erfahren und darüber zu reflektieren. Ich hoffe, dass die Teilnehmer dabei eine Verbindung zu sich selbst und zur Gegenwart herstellen". Auch durch das Zählen von Reiskörnern ("Counting the Rice", 2015).

Die "Shoes for Departure – Transitory" (1991) illustrieren Abramovićs Hang für kristalline Steine, die für die Künstlerin immer auch den Übergang zwischen den Welten symbolisieren. Abramovićs Gebrauchsanweisung: "Ziehen Sie die Schuhe barfuß an. Halten sie die Augen geschlossen. Bleiben sie reglos. Gehen Sie los."

Mit geschlossenen Augen soll man auch den Steinen begegnen, die an einer Museumswand hängen und in die sich Kopf und Körper – genauer: Hirn, Herz und Geschlecht – schmiegen lassen. Dass dabei Energien fließen, ist nicht symbolisch gemeint – was Abramović bisweilen den Vorwurf eingebracht hat, von einer ernsthaften Künstlerin zur Esoterikerin mutiert zu sein ("Black Dragon. Transitory Objects for Human Use", 1990-1994).

Derlei Kritik aber perlt von Abramović ab wie das Wasser vom Körper einer ans Ufer schreitenden Schwimmerin – zumindest äußerlich. Wie bei den "Energy Clothes", die man nach einem unerträglich kalten Wasserbad anziehen muss. Die letzte Lebensphase der Künstlerin soll der Liebe und der Versöhnung dienen. Beim Gang durch die Ausstellung wird deutlich, was für ein langer Weg das war.

"Die Bedeutung von Marina Abramovic ist so immens, dass eine große Retrospektive in Europa längst überfällig war", betont denn auch Bundeskunsthallen-Intendant Rein Wolfs. "The Cleaner" sei mehr als eine einfache Ausstellung, sie sei "ein immersives Gesamterlebnis größter kunsthistorischer Tragweite". Dem kann man nur zustimmen.

"Marina Abramović. The Cleaner" ist noch bis zum 12. August in der Bundeskunsthalle Bonn zu sehen, bevor sie nach Florenz zum Palazzo Strozzi weiterreist. Den opulenten Katalog sollte man auf jeden Fall auch mit nach Hause nehmen.

Stand: 22.03.2018, 14:45