Live hören
NDR Radiophilharmonie
00.03 - 06.00 Uhr Das ARD Nachtkonzert

"Terra Alta. Die Erpressung" von Javier Cercas

Stand: 03.08.2022, 09:45 Uhr

"Die Erpressung" führt mitten hinein in die aufgeladene Atmosphäre der katalanischen Unabhängigkeitsbestrebungen. Der spanische Erfolgsschriftsteller Javier Cercas hat einen hochaktuellen Politthriller geschrieben. Eine Rezension von Holger Heimann

Javier Cercas: Die Erpressung
Aus dem Spanischen von Susanne Lange
S. Fischer Verlag, 432 Seiten, 25 Euro

Buchcover: "Terra Alta. Die Erpressung" von Javier Cercas

Buchcover: "Terra Alta. Die Erpressung" von Javier Cercas

Alle Romane sind Detektivgeschichten

Der spanische Schriftsteller Javier Cercas gilt als Chronist der dunklen Vergangenheit seines Landes. Jetzt publiziert er Kriminalromane. Als radikalen Bruch mit seinem bisherigen Schreiben sieht er das jedoch nicht.

"Ich habe schon immer Kriminalromane geschrieben. Borges, einer meiner Lehrmeister, sagte: Alle Romane sind Detektivgeschichten. Das sehe ich auch so. Alle Romane, die ich mag – beginnend mit dem 'Don Quichotte' –, sind Thriller, in dem Sinne, dass es stets ein Rätsel gibt, das jemand entschlüsseln will. Und das ist die Essenz des Thrillers."

Der Titel der Trilogie "Terra Alta" verweist auf eine abgelegene Region in Katalonien. Hierhin hat sich der unkonventionelle Polizist Melchor Marin zurückgezogen, der in allen drei Bänden, die auch unabhängig voneinander gelesen werden können, ermittelt. Marin ist Cercas in mancherlei Hinsicht sehr nah.

"Flaubert hat gesagt: Madame Bovary – das bin ich. Ich könnte sagen Melchor Marin – das bin ich, aber nur hinsichtlich seiner schlechten Eigenschaften. Seine guten Teile gehören nur ihm. Er ist ein sehr widersprüchlicher Charakter. Jemand sagte, er ist ein guter-schlechter Polizist. Ich stimme dem zu. So wie Don Quichotte klar und verrückt zur selben Zeit war. Er ist voller Zorn, aber er hat auch Courage und Charisma. Er ist sehr attraktiv für mich."

"Terra Alta. Die Erpressung" von Javier Cercas

Lesestoff – neue Bücher 08.08.2022 05:51 Min. Verfügbar bis 08.08.2023 WDR Online Von Holger Heimann


Download

Cercas ist der prononcierteste Kritiker des katalanischen Separatismus

Den Zorn kennt Javier Cercas. Er ist einer der prominentesten und prononciertesten Kritiker des katalanischen Separatismus. Für sein öffentliches Engagement zahlte er einen hohen Preis. 2017 fegte ein Shitstorm über ihn hinweg. Man spürt immer noch die emotionale Spannung, wenn Cercas sich an die Zeit erinnert. Vor allem der zweite Teil der Terra-Alta-Reihe, der unter dem Titel "Die Erpressung" jetzt in deutscher Übersetzung vorliegt, ist auch eine Auseinandersetzung mit den politischen Zuständen in Katalonien. Seinem Kommissar Melchor Marin hat Cercas den eigenen Furor gegen selbstsüchtige Politiker mitgegeben.

"Diese Romane sind aus dem Zorn heraus geboren und aus all meinen schlechten Gefühlen. Man kann 'Die Erpressung' als politisches Buch lesen. Es ist voller Zorn gegen die katalanischen Eliten, die für dieses Desaster verantwortlich waren und viele Menschen betrogen haben. Diese Bücher haben mir erlaubt, meine schlechten Teile – Zorn, Hass, Rachegelüste – loszuwerden. Literatur ist der beste Ort dafür."

Der neue Fall führt nach Barcelona

Der neue Fall, für den Melchor Marin nach Barcelona zurückkehrt, führt ins Zentrum politischer Macht. Die chamäleonhafte Bürgermeisterin von Barcelona – dem realen Stadtoberhaupt nicht unähnlich – wird mit einem Sexvideo erpresst und nicht nur zu Geldzahlungen, sondern bald auch zum Rücktritt aufgefordert. Ins Visier des Kommissars geraten einflussreiche Männer und einstmals nahe Vertraute der Bürgermeisterin. Mit zuweilen ungewöhnlichen Recherchemethoden deckt der Polizist Korruption und Zynismus innerhalb der politischen Kaste auf.

"Als die Demokratie kam, hat der katalanische Nationalismus die Kleptokratie einer bestimmten Klientel etabliert. Das heißt, die Regionalregierung bestahl die Bürger und teilte die Beute unter der Regierungspartei und ihren Familien auf, allen voran der Präsidentenfamilie. Was das restliche Land angeht, so haben sie sich die eine Hälfte durch Gefälligkeiten, Pfründe und sentimentale Erpressung gekauft, eben das alte Lied: alles fürs Vaterland und dergleichen Mist."

Cercas hat einen Politthriller geschrieben

Cercas hat einen Politthriller geschrieben, der mühelos genretypische Spannungselemente mit der aufgeladenen politischen Atmosphäre der katalanischen Unabhängigkeitsbestrebungen verbindet. Wo das Gesetz an seine Grenzen stößt, nimmt Melchor Marin, der zuletzt mit seiner eigenen, schmerzhaften Familiengeschichte konfrontiert wird, die Dinge selbst in die Hand.

"In der Literatur kann man auf anderen Wegen kämpfen, die in der Wirklichkeit nicht akzeptabel sind. Im Mittelpunkt dieser Romane steht der Dialog zwischen Recht und Gerechtigkeit: Kann man das Recht in die eigenen Hände nehmen?"

Diese Frage beantwortet der Roman nicht. Die Offenheit gehört zu den Qualitäten des Buches, das sich bei näherer Betrachtung einfügt in das literarische Gesamtwerk von Javier Cercas, mit dem er seinem Land einen Spiegel vorhält.