Buchcover: "Es ist zu kühl für diese Jahreszeit" von Anita Harag

"Es ist zu kühl für diese Jahreszeit" von Anita Harag

Stand: 07.08.2022, 20:12 Uhr

Die ungarische Autorin Anita Harag erzählt in ihrem Debüt feinsinnig von den Ängsten und Sehnsüchten junger Frauen. Eine Rezension von Andreas Wirthensohn.

Anita Harag: Es ist zu kühl für diese Jahreszeit
Aus dem Ungarischen von Timea Tankó.
Schöffling & Co., Frankfurt a. M., 2022
192 Seiten, 22 Euro.

"Es ist zu kühl für diese Jahreszeit" von Anita Harag

Lesestoff – neue Bücher 09.08.2022 05:35 Min. Verfügbar bis 09.08.2023 WDR Online Von Andreas Wirthensohn


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Das Elend eines Lebens, welches nur noch im Alkohol einen Sinn hatte

Wer "Sterben" gelesen hat, den Auftaktband zu Karl Ove Knausgårds voluminösem autobiographischem Zyklus, dem dürfte vor allem eines in Erinnerung geblieben sein: die fast 200 Seiten lange, quälend detaillierte Beschreibung, wie der Sohn die völlig vermüllte Wohnung des verstorbenen Vaters ausräumt. Eines fremd gewordenen Vaters, der sein Leben dem Suff gewidmet hatte. Dass das literarische auch kürzer geht und trotzdem Eindruck hinterlässt, beweist Anita Harag. Sie braucht genau 17 Seiten, um uns das Elend eines Lebens ahnen zu lassen, das irgendwann nur noch im Alkohol einen Sinn gefunden hat:

"Das ganze Haus ist eine Ruine. Die Eingangstür lässt sich schwer öffnen, die Schlüssel klemmen in allen drei Schlössern, man kann sie kaum umdrehen, ich habe immer Angst, sie abzubrechen. Ich kann nicht verstehen, warum sich István hier so verschanzt hat, was er wohl dachte, was man aus dieser Bruchbude mitnehmen könnte. Wohnzimmer, Küche, Bad, die Toilette ist hinten auf dem Hof. Ich hasse es, dorthin zu gehen, es stinkt und von den Wänden hängen braune Spinnen mit großem Hinterleib. Ádám gefällt es, er findet es gut, dass man sich zurückziehen kann, er nimmt den Handbesen mit und fegt die Spinnen von der Wand. Er stellt sich hinter mich, gemeinsam betrachten wir das kaputte Dach. Außer dem zerbrochenen Waschbecken und der unversehrten Wanne gibt es hier nichts. Was zur Hölle, sagt er und macht einen Schritt nach vorn, mitten in den Schutt. Er geht näher an das Loch, blickt hindurch. Wie es aussieht, wird es ein schöner Tag, das Wetter ist klar, sagt er. Ich lache nicht."

Die Tochter und ihr Mann kommen seit drei Wochen jedes Wochenende hierher, um auszuräumen. Anfangs blieben sie über Nacht, aber inzwischen fahren sie abends wieder zurück nach Hause, nach Budapest. Vor drei Jahren hat die Ich-Erzählerin den inzwischen verstorbenen Vater zum letzten Mal gesehen, und was wir im Laufe der Ausräumaktion eher beiläufig über die Familiengeschichte erfahren, lässt vermuten, dass die Kindheit der Tochter nicht unbedingt die glücklichste war. Und das Verhältnis zum Vater nicht das Beste.

Schmerz, Verlust, Sehnsüchte – das ist es, was diese Familienkonstellationen prägt

Anita Harag hat einmal davon gesprochen, sie liebe die Form der Kurzgeschichte vor allem deshalb, weil sie hier ständig neue Perspektiven und Strukturen ausprobieren könne und wirkliche literarische Freiheit verspüre. Vor allem aber ist sie eine Meisterin des andeutenden Erzählens. Ihre Protagonistinnen, durchweg junge Frauen oder Mädchen, berichten oft nur wie hingetupft von ihren seelischen Befindlichkeiten, und diese Befindlichkeiten spielen sich überwiegend im Rahmen familiärer Beziehungen ab: Mutter-Tochter-Beziehungen, nachdem der Vater schon gestorben ist, Enkelinnen, die zu den Großeltern ein engeres Verhältnis als zu den Eltern haben, und eine junge Frau, die aufgrund der Familienanamnese alle möglichen Krebsvorsorgeuntersuchungen vornimmt. Schmerz, Verlust, Sehnsüchte – das ist es, was diese Familienkonstellationen prägt, man lebt aus Pragmatismus zusammen oder weil es eben Familie ist. Mit Liebe und Nähe aber ist es meist nicht allzu weit her, wie eine andere Erzählung mit dem Titel "Fünfundzwanzig Meter" zeigt.

"Ich mag Vater nicht, wenn er betrunken ist. Ich sage ihm dann, dass ich ihn gerade nicht mag, er solle mich bloß nicht ansprechen, er rieche aus dem Mund. Ich mag ihn oft nicht, auch Mutter mag ihn in solchen Momenten nicht, was noch schlimmer ist, ich muss ihn schließlich mögen, weil er mein Vater ist, da vergeht das Nichtmögen schnell."

Die Traurigkeit fließt nach innen

Doch die Traurigkeit der Erzählerinnen fließt nach innen, wie es an einer Stelle heißt, sie wirkt gezähmt, kontrolliert, unsentimental.

Dazu passt der wunderbar lakonische Ton dieses unaufgeregten Erzählens, dessen Dramen sich in den Zwischenräumen, den Zwischentönen, unter der Erzähloberfläche abspielen. Wie in der Geschichte mit dem schönen Titel "Jeden Donnerstag, von Oktober bis November":

"Vater ist erst vor einem Jahr gestorben, wir sprechen leise über ihn, als würde er im kleinen Zimmer schlafen und wir wollten ihn nicht wecken. Wenn ich von ihm spreche, dann ganz vorsichtig, als wären wir alle, Mutter, ich, mein Bruder, zerbrechlich, als könnten wir von manchen Wörtern einen Riss bekommen und als könnte dieser Riss sich weiter ausdehnen."

Anita Harags Debüt ist ein toll übersetztes Buch, dessen Geschichten nie spektakulär sind, aber stets eine enorme untergründige Spannung entfalten. Das verleiht ihnen etwas fast Unheimliches und eröffnet im Unscheinbaren urplötzlich schwindelnde Blicke in die Abgründe junger Frauenseelen.