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Buchcover: "Die Stadt der Lebenden" von Nicola Lagioia

"Die Stadt der Lebenden" von Nicola Lagioia

Stand: 23.06.2023, 15:22 Uhr

Eine Reflexion über das Böse, wie sie nur die Literatur anstellen kann: Der italienische Bestsellerautor Nicola Lagioia schreibt über einen schockierenden Mordfall in Rom und erfindet damit das "True-Crime"-Genre neu. Eine Rezension von Corinne Orlowski.

Nicola Lagioia: Die Stadt der Lebenden
Aus dem Italienischen von Verena von Koskull. (Originaltitel: „La Città dei Vivi“)
btb Verlag, Penguin Random House Gruppe, 512 Seiten, 25 Euro

"Die Stadt der Lebenden" von Nicola Lagioia

Lesestoff – neue Bücher 26.06.2023 05:41 Min. Verfügbar bis 25.06.2024 WDR Online Von Corinne Orlowski


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"Das ist der erste Mord, der viral ging"

Am besten, man erspart einem die Details. Nur so viel: dieser Mordfall ist ungeheuerlich, auch, weil es augenscheinlich kein Motiv gab. Keine Kränkung, keine Rache, kein Zorn. Und gerade weil diese Bluttat von Rom so ungewöhnlich war, sprach ganz Italien darüber. Eine Zeitung titelte: "Das ist der erste Mord, der viral ging".

"In solch kopflosen Momenten suchten die Römer den Himmel getreu einem antiken Brauch gern nach einem Zeichen ab. Doch im Jahr 2016 drohte auch das nach faulem Zauber zu klingen. Am Freitag, den 4. März, ereignete sich der Mord. Tags darauf versank Rom im Regen."

Strudel des Bösen

Die Täter, Manuel Foffo und Marco Prato, sind junge Männer aus gutem Hause. Jeder für sich wäre vermutlich nie zu so einer Tat im Stande gewesen. Aber zu zweit geraten sie in einen Strudel des Bösen. Manipulieren sich gegenseitig. Dabei kennen sie sich kaum. Erst das zweite Mal sind sie zusammen, berauschen sich mit Alkohol und Kokain bis ins Delirium, haben Sex und kommen dann auf die Idee, den 23-jährigen Luca Varani mit Hammerschlägen und Messerstichen zu Tode zu quälen. Die Tat lässt den italienischen Bestsellerautor Nicola Lagioia nicht mehr los.

"Als die Meldung in den Nachrichten kam, hatte ich wie hypnotisiert vor dem Fernseher gesessen. Obwohl die Einzelheiten noch diffus waren, hatte ich sofort das Gefühl, etwas Vertrautes darin wahrzunehmen."

Gattungsmix aus Reportage, Roman, Autofiktion und Analyse

Lagioia soll zunächst als Reporter berichten. Später aber nimmt er sich mehr Raum, um die Geschichte zu rekonstruieren, in fünf Teilen, auf über 500 Seiten. Es kommt einem Truman Capotes "Kaltblütig" in den Sinn – der begründete damals ein neues Genre, den Tatsachenroman. Atemberaubend erzählt Capote, wie Menschen zu Mördern werden. Und im Grunde tut das Lagioia auch. Aber er dreht es noch weiter. Er lässt Zeitungen sprechen, Polizeiakten, WhatsApp-Chats, ohne das Erzählen zu unterbrechen. Er gibt Gespräche wieder, die er mit Polizisten, Angehörigen und Freunden geführt hat. Und er setzt sich persönlich damit in Beziehung. Er formt einen Gattungsmix aus Reportage, Roman, Autofiktion und Analyse und gibt dem derzeit so beliebten True-Crime-Genre damit eine selten intellektuelle Tiefgründigkeit.

"Ich versuchte dahinterzukommen, doch es war, als würde man nach Sonnenuntergang in einen Brunnen starren, und vielleicht lag es daran, dass man im Dunkeln die absurdesten Dinge zu sehen glaubt. Böses gebiert Böses, es nutzt gewisse rhetorische Formen als Übertragungswege, und so bezirzt uns das Böse, streut uns Sand in die Augen, verwendet Splitter von Wirklichkeit, um uns von Dingen zu überzeugen, die nicht wahr sind."

Städte der Lebenden und Städte der Toten

Lagioia will versuchen, das Unfassbare zu begreifen. Seine These: Die Täter waren keine Monster und die Tat konnte so nur im chaotischen Rom geschehen. Die ewige Stadt wird zu einer Stadt der Toten, die für Touristen ausgeschlachtet wird, für Römer kaum noch lebenswert.

"Es gibt die Städte der Lebenden, bevölkert von Toten. Und dann gibt es die Städte der Toten, die einzigen, wo das Leben noch einen Sinn hat."

Ah, deswegen der Titel. Lagioia verknüpft den Mord direkt mit dem ambivalenten Charakter Roms. Auf dem Cover heißt es: "Wer Rom verstehen wolle, müsse dieses Buch lesen." Doch das ist Etikettenschwindel: Man erwartet eigentlich ein atmosphärisches Buch über ein düsteres Rom, dem der Mord eher als Aufhänger dient. Aber es ist genau umgekehrt. Die Tat und die Reaktionen stehen teilweise unerträglich lang im Fokus. Zwischendurch stimmt Lagioia einen gesellschaftskritischen Ton à la Pasolini an, schimpft etwas undifferenziert über die Konsumgesellschaft und den Kulturverfall.

"Der Grund, weshalb vollkommen normale junge Männer, denen es Material an nichts fehlte, wie echt Verzweifelte zu leben schienen – wegen der Drogen, die sie konsumierten, wegen der Unfähigkeit, ihre eigene Identität in den Fokus zu bekommen, wegen der übersteigerten Sorge, wie andere über sie urteilten – das ließ ihn völlig fassungslos zurück."

Warum das Böse so fasziniert

Die Erklärungsversuche für das Unfassbare machen das Buch dann aber doch so spektakulär. Da sieht man auch über leichte Unebenheiten in der Übersetzung hinweg. Auf dem Cover müsste eigentlich stehen: Wer in unserem medialen Zeitalter verstehen will, warum das Böse so fasziniert, müsse dieses Buch lesen. Aber Achtung: Es ist ansteckend. Je länger man in seiner Nähe ist, desto stärker laufe man Gefahr, nach seinen Plänen zu handeln.