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Buchcover: "Der rote Diamant" von Thomas Hürlimann

"Der rote Diamant" von Thomas Hürlimann

Stand: 04.08.2022, 14:17 Uhr

In der Klosterschule der Abtei Maria im Schnee ist der Alltag karg und das Reglement streng. Doch die Suche nach einem versteckten Roten Diamanten verändert das Leben der Zöglinge weit über ihre Schulzeit hinaus. Eine Rezension von Jutta Duhm-Heitzmann

Thomas Hürlimann: Der Rote Diamant
S. Fischer, 318 Seiten, 24 Euro

Die Suche nach dem Roten Diamanten

Mutter Mimi und Sohn Arthi wollen es ja nicht zugeben, doch sie sind ein bisschen eingeschüchtert: über ihnen erhebt sich das riesige Kloster Maria im Schnee.

"Erbaut für alle Ewigkeit. Ein Gebirge, doch mit Hunderten von Fenstern, viele beleuchtet. (...) In der Mitte, gerahmt von den beiden Türmen, empfing die Kathedrale mit drei Toren die Pilger. Gesang tönte heraus, von einer Orgel begleitet, doch wie von fern, aus dem Innern des Himmels."

Die Klosterschule aber, in die der elfjährige Arthi für die nächsten Jahre eingeliefert wird, ist das genaue Gegenteil: statt Himmel eine Minihölle aus rigorosen Regeln, kalten Räumen, kargen Mahlzeiten, knallharten Machtkämpfen und einem Lehrerkollegium wie aus dem Panoptikum. Allen voran Pater Frieder, der selbsternannte Schulleiter, einstiger Metzger und Vielleicht-sogar-Mörder, der ein eisernes Regiment der Unterdrückung und Bespitzelung führt. Schon äußerlich ein Alptraum:

"Unter dem schwarzen Kuttensaum sahen in abgelatschten Sandalen nackte weiße Riesenzehen hervor. Die Nägel hatten Trauerränder, auf den Gliedern sprossen schwarze Haarbüschel, und kaum zu glauben - da gab es Lücken. Einige Zehen fehlten."

Die Suche wird zum satiresatten Abenteuer

Das Schulziel ist eindeutig: die – natürlich nur männlichen – Klosterzöglinge sollen zu "Vasen" werden, hohl und leer, die Inhalte beliebig füllbar, wenn auch streng nach den Kriterien eines benediktinermönchischen Lebens und eines stockkonservativen Katholizismus. Doch keine Sorge: wer nun fürchtet, sich beim Lesen auf schmerzerfüllte, anklagende Erinnerungen an repressive Pädagogik und eine verlorene Kindheit einstellen zu müssen, irrt, glücklicherweise: Thomas Hürlimanns Roman "Der Rote Diamant" ist durch und durch komisch, mit einem ernsten Hintergrund, sicher, aber derartig grotesk zugespitzt, dass die Lektüre zum satiresatten Abenteuer wird. Es gibt nämlich auch noch die Suche nach einem verschollenen Diamanten:

"Rot soll er sein. Ein roter Kristall. Und strahlen soll er, sogar im Dunkeln, wie ein Stern. Früher war er im Besitz der Habsburger, aber beim Zusammenbruch der Monarchie ging er verloren. (...) Angeblich wird er hier im Kloster aufbewahrt."

Wie aber in diesem riesigen Labyrinth aus dicken Gemäuern, unbekannten Räumen, und verstaubten Winkeln ein Objekt so groß wie eine Bohne finden? Die Besessenheit Arthis und einiger Mitverschwörer vom Roten Diamanten zieht sich über die Schulzeit hin. Da verändert sich zwar einiges, denn nach 1963, dem Jahr von Arthis Einschulung, folgt die Zeit der revolutionären Ideen, der aufrüttelnden heimlichen Lektüren und einer neuen Musik, stellvertretend dafür Bob Dylans "The Times They are a-Changin", das durch die kahlen Klostergänge schallt. Doch trotz all dem

"herrschte im Stift der machtbewusste Präfekt, drehte sich der Ewige Tag, noch galt die alte Ordnung, noch standen wir im sonntäglichen Pontifikalamt stramm im Karree, ein Jünglingsbataillon in schwarzen Kutten, vorn die Kleinsten, hinten die Größten, Blick nach vorn, zum Altar."

"Der Rote Diamant" von Thomas Hürlimann

Lesestoff – neue Bücher 12.08.2022 05:30 Min. Verfügbar bis 12.08.2023 WDR Online Von Jutta Duhm-Heitzmann


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Erfahrungen pubertierender Klosterschüler

Besonders an jenen der wundertätigen Madonna geweihten Tagen, wenn die uralte ehemalige österreichische Kaiserin Zita das Kloster beehrt, einst von den Habsburgern gegründet, nun ihre letzte Festung, ihr letztes Fitzelchen Reich. Und der verschollene Rote Diamant ihr einstiger Besitz... Was hat er nicht alles reingepackt in diesen spottgetränkten, hintergründig durchaus auch bösen Roman, der Schweizer Autor Thomas Hürlimann: die Erfahrungen pubertierender Klosterschüler - die er selbst als Zögling des berühmten Klosters Einsiedeln sammeln konnte –, die alte Schwarze Pädagogik und den Verfall des Katholizismus, Welt- und Zeitgeschichte, Untergang der kuk-Monarchie inclusive. Das prägt für’s Leben.

"Wir sind Maria Schneer. Maskengesichter. Klopft man gegen unsere Vasen, tönt es hohl. Klopft man mit einem Hammer, tönt es noch hohler. Ich merk es doch an mir selbst."

Doch keinen der Beteiligten, auch nicht den erwachsene Arthi – aus dessen Sicht alles erzählt wird – lässt die Jagd nach dem geheimnisvollen Juwel mehr los. Bis zum kriminalistisch-dramatischen Ende, an dem erst einiges in die Luft fliegt – und dann der Rote Diamant ein anderes Versteck findet. Also – neue Suche?