Musik der Zeit [1] 70 Jahre

Pierre-Laurent Aimard

Musik der Zeit [1] 70 Jahre

Vor 70 Jahren, am 8. Oktober 1951, erlebte die WDR-Konzertreihe "Musik der Zeit" im frisch eröffneten Funkhaus Wallrafplatz ihren Auftakt. Der runde Geburtstag wurde mit einem Festkonzert unter der Leitung von Enno Poppe gefeiert.

Musik der Zeit [1] 70 Jahre

WDR 3 Konzert 02.10.2021 02:53:33 Std. Verfügbar bis 01.11.2021 WDR 3


Wie beim Eröffnungskonzert, zu dem Igor Strawinsky den Taktstock hob, steht mit Enno Poppe auch bei der Jubiläumsfeier ein Komponist und zugleich Dirigent am Pult des WDR Sinfonieorchesters, das seit 1951 das Rückgrat der Reihe bildet. Danach ist ein Parcours mit allerlei Überraschungen geplant, der zum Teil durch das Funkhaus führt, dem wichtigsten Tat-Ort für so viele Ereignisse dieser Reihe. Kurze Formen und Formate geben dabei den Ton an: Das klassische Konzert kreuzt sich mit Elementen aus Theater, Installation, Hörspiel und Film, Happening, Ständchen und Fanfare, Promenaden- und Wandelkonzert. Zu entdecken gibt es Uraufführungen u.a. von Dariya Maminova, Peter Ablinger, Justé Janulyté, Klaus Ospald und Brigitta Muntendorf neben selten gespielten Klassikern der alten Helden von Musik der Zeit, aber auch Gespräche und die eine oder andere Fanfare.

Pierre Boulez
"Initiale" (1987)
für Blechbläser

Iannis Xenakis
"Syrmos" (1959)
für Streichinstrumente

Klaus Ospald
"Se da contra las piedras la libertad..." (2021)
für Klavier und Bläser
Kompositionsauftrag des WDR Uraufführung

Justé Janulyté
"recordare" (2021)
für Chor, Orchester und Orgel
Kompositionsauftrag des WDR
Uraufführung

Pierre-Laurent Aimard, Klavier
WDR Rundfunkchor
Einstudierung: Edward Caswell
WDR Sinfonieorchester
Leitung: Enno Poppe

Manos Tsangaris
"Pater Noster" (2007)
Szenische Installation für zwei Darsteller und zwei Akkordeons

Brigitta Muntendorf
"Theater des Nachhalls" (2020)
audiovisuelle Installation
Kompositionsauftrag des WDR Uraufführung

sowie Musik u.a. von Carola Bauckholt, Mauricio Kagel, John Cage, Peter Ablinger, Bernd Alois Zimmermann Sarah Nemtsov und Simon Steen-Andersen

Live aus dem WDR Funkhaus, Köln

Moderation: Michael Struck-Schloen
Redaktion: Harry Vogt

"Musik der Zeit": Großes Fest in zehn Konzerträumen

Von Susanne Rump (Text) und Claus Langer (Fotos)

Die WDR-Reihe "Musik der Zeit" feiert ihr 70-jähriges Bestehen mit Zeitreisen und Uraufführungen jenseits der Konzertroutine. Am Wochenende wurden das WDR Funkhaus und auch ungewöhnliche, eher unbekannte Orte der Kölner Innenstadt zum Spielort.

70 Jahre Musik der Zeit: Zuschauer Hören Klänge betrachten zwei Monitore in Brigitta Muntendorfs Installation "Theater des Nachhalls"

Vor dem Festkonzert gab es gleich zwei Installationen, die das Funkhaus zu einem Klangraum machten. Brigitta Muntendorf verwandelte das Studio 3 mit ihrer Installation "Theater des Nachhalls" in einem Raum, in dem sich Szene, Konzert, Hörspiel und Video begegneten.

Vor dem Festkonzert gab es gleich zwei Installationen, die das Funkhaus zu einem Klangraum machten. Brigitta Muntendorf verwandelte das Studio 3 mit ihrer Installation "Theater des Nachhalls" in einem Raum, in dem sich Szene, Konzert, Hörspiel und Video begegneten.

Die zweite Installation kam von Manos Tsangaris. Er erinnerte in seiner szenischen Installation an Heinrich Bölls Kurzgeschichte "Dr. Murkes gesammeltes Schweigen". Sie handelt von einem Redakteur, der jeden Morgen in den Pater Noster steigt, bevor er im Studio Pausen schneidet und sammelt.

In "Pater Noster" bespielt das Ensemble "Diskreten Akteure" eines der Herzstücke des WDR Funkhauses und wurde dabei vom Publikum erst mit Spannung beobachtet und dann begeistert beklatscht.

Michael Struck-Schloen moderierte im Klaus-von-Bismarck-Saal des WDR Funkhauses das Festkonzert mit dem WDR Sinfonieorchester, ...

... bei dem es unter der engagierten und ausdrucksstarken Leitung von Enno Poppe neben bekannten Werken von Urgesteinen wie Pierre Boulez und Iannis Xenakis auch zwei Uraufführungen von Klaus Ospald und Justé Janulyté gab.

Anschließend startete vor dem Funkhaus ein Rundgang durch die Kölner Innenstadt. Das Publikum besuchte in kleinen Gruppen sechs verschiedene Spielstätten.

Im Theater Senftöpfchen wurde es sportlich: In Mauricio Kagels "Match" betrieben die Cellistinnen Karolina Öhmann und Lisa Hofer ein sportliches Spiel - Schiedsrichter war Schlagzeuger Dino Georgeton.

Musik und Tanz gab es in der Konzertkasse der Kölner Philharmonie: Florence Millet und Oren Shevlin spielten "Music for Two" von John Cage. Dazu tanzte Luca Lopes Pereira eine Choreographie zu Pierre Droulers "Zoo, walking with Rider", ein Projekt des "Tanztheaters Wuppertal Pina Bausch".

In der Artothek überraschte die Schlagzeugerin Vanessa Porter mit einer Solo-Performance - ganz ohne Instrumente gab sie das Body-Percussion-Stück "?Corporel" von Vinko Globokar.

Ein eher unbekannter Kölner Ort ist das Baptisterium unweit des Kölner Doms. Dort befindet sich das älteste bekannte Taufbecken des Christentums in Köln. Dieser Raum überrascht mit einer Lichtinstallation, die jeden Abend läuft. Hier hat das Kölner Schlagquartett, verteilt auf die vier Ecken, zarte Musik für Schlagzeug gespielt: Matthias Kauls "Stuff from above".

Von oben kam die Musik im Kölner Domforum: Die Schola Heidelberg ließ mit Giacinto Scelsis "Tre canti sacri" von der Empore aus Vokaltöne auf das Publikum hinabregnen.

Gleicht acht Geigen hat Carola Bauckholt in der Galerie Karsten Greve zum Klingen gebracht: Die Violinistin Karin Hellqvist spielte die Solopartie auf ihrem Instrument, während um sie herum sieben Geigen hingen, aus denen Vogelstimmen tönten.

Den Schlusspunkt bildete das Ensemble Phønix16 mit der Nachtmusik in der Kölner Philharmonie. Mit Moderator Michael Struck-Schloen schloss sich der Kreis des Festabends - er hatte nicht nur das erste, sondern auch das letzte Wort.

Stand: 03.10.2021, 19:13