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WDR Jazzpreis für Bassem Hawar, Philip Zoubek und Shannon Barnett

Gewinner des WDR Jazzpreises 2020.

WDR Jazzpreis für Bassem Hawar, Philip Zoubek und Shannon Barnett

Bassem Hawar, Philip Zoubek und Shannon Barnett erhalten den WDR Jazzpreis 2020. Der Nachwuchspreis geht an die Big Band der Friedensschule Münster. Die Big Band The Dorf und das Umland werden mit dem Ehrenpreis ausgezeichnet.

Preisträgerin in der Kategorie Improvisation: die Posaunistin Shannon Barnett

Shannon Barnett

Im Internet kann man sie sehen, wie sie zusammen mit ein paar jungen Männern auf einer klapprigen Bühne steht und richtigen, zünftigen New Orleans Jazz spielt. Wie sie dem Gestrüpp der Melodien mit breitem Ton eine solide Basis einzieht, bevor sie dann mit ihrem Solo die ganze Aufführung auf eine neue Ebene hebt: das kann sie also auch, das spielt sie mit Sachkenntnis und unverhohlener Freude, und warum auch nicht.

In Köln kennt man Shannon Barnett von einer moderneren Seite. Nachdem die 1982 im australischen Traralgon geborene Posaunistin vor fünf Jahren als Posaunistin zur WDR Big Band kam, nahm man sie zunächst als ein frisches Gesicht in einem Ensemble wahr, das seine großen Stunden hat, wenn es den als Solisten nach Köln gerufenen Weltstars des Jazz einen musikalischen Teppich ausrollt.

Bald wurde jedoch deutlich, was man in ihrer Heimat und in New York, wo sie studiert und erste professionelle Meriten gesammelt hatte, längst wusste: Shannon Barnett ist nicht nur eine souveräne Könnerin, sondern eine außerordentlich ausdrucksstarke Musikerin mit eigener Stimme, eine Spielerin, die sich mit größter Spielfreude und Fantasie auf unterschiedliche Spielzusammenhänge einlässt.

In Köln suchte sie entschlossen den Kontakt zu der breit gefächerten, freien Szene, wo sie schnell zu einer festen Größe in vielen sehr verschiedenen Formationen und Formaten wurde. Mittlerweile hat Shannon Barnett der WDR Big Band den Rücken gekehrt, lehrt als Professorin an der Musikhochschule und arbeitet an den vielen verschiedenen Musiken, in denen ihr persönlicher Ausdruck gefragt ist.

Preisträger in der Kategorie Komposition: Pianist Philip Zoubek

Philip Zoubek

Es gibt diese Musiker, denen man vornehmlich in kleineren Ensembles begegnet, die eine improvisationslastige Musik spielen, bei denen man aber immer wieder rätselt, warum ihre Musik so ganz besonders spannend und überzeugend klingt. Es gibt solche Musiker - der Pianist Philip Zoubek ist einer von ihnen.

Man kennt den 1978 in dem Egon-Schiele-Städtchen Tulln an der Donau in Niederösterreich geborenen Pianisten, der angelockt von der reichhaltigen Szene in Wuppertal und Köln seit 2002 in Köln lebt, als einen Musiker, der auf dem Klavier einen reichhaltigen Kosmos von außergewöhnlichen Klängen in sein Spiel einfließen lässt.

Doch es ist nicht nur der Reiz der ungewohnten Klänge, der in Zoubeks Musik die Aufmerksamkeit fesselt, es ist vielmehr sein Sinn für strukturelle Zwangsläufigkeit und Balance, mit der er Klänge, Sounds und Rhythmen verknüpft. Mit anderen Worten: die kompositorische Finesse, die den Kompositionen aber auch dem improvisierenden Spiel von Philip Zoubek zu Grunde liegt.

Mit der Verleihung des WDR Jazzpreis 2020 in der Kategorie „Komposition“ an diese außergewöhnlichen Komponisten, dessen Kunst bisher nicht im Koordinatensystem „Big Band“ stattgefunden hat, öffnet der WDR in diesem Jahr erstmalig den Rahmen seines Kompositionspreises und gibt Zoubek die Möglichkeit, in Zusammenarbeit mit dem erfahrenen Arrangeur und WDR-Jazzpreisträger Niels Klein ein Programm für das Preisträgerkonzert mit der WDR Big Band zu entwickeln das die Grenzanlagen zwischen Zoubeks Klangmalerei und dem Reich der swingenden Big Bands einreißt.

Preisträger in der Kategorie Musikkulturen: Djozespieler Bassem Hawar

Bassem Hawar

Bassem Hawar ist ein mehrfach begabter Mann. In seiner Kindheit, half der 1972 in der irakischen Hauptstadt Bagdad geborene Virtuose der Djoze, einer irakischen Variante der Kniegeige, seinem Onkel, Filme so zurechtzuschneiden, dass sie die Zensurschranke passieren konnten. Auf diese Weise schulte er schon sehr früh sein fotografisches Auge und seinen Sinn für Montage.

Doch stärker noch als das Interesse an den bewegten Bildern war zunächst Bassem Hawars Faszination für die Musik, für die verschiedenen Maqam, die komplexen Modi der irakischen Musik und für sein Instrument, das auf einem einfachen Bauplan beruht: Über die Schale einer halben Kokosnuss ist traditionell eine Membran aus Fischhaut oder Rinderherz gespannt.

Als Student am Konservatorium in Bagdad, lernte Bassem Hawar sein Instrument in allen Facetten von der einfachen, archaischen Volks- und Gebrauchsmusik des Zweistromlandes bis hin zur irakischen und europäischen Kunstmusik und spielte sein Instrument in verschiedenen Ensembles bis hin zum staatlichen Symphonieorchester. Je vielfältiger seine musikalischen Tätigkeiten wurden, desto stärker wurde sein Drang, seine Instrumente selbst so zu bauen, dass sie der Palette seiner Musik gewachsen waren.

Seit 2000 lebt Bassem Hawar in Deutschland, wo er in Köln einen Standort gefunden hat, in der er seinen musikalischen Radius immer weiterziehen kann. Und neben seinen diversen Aktivitäten und Bands, zwischen klassischer irakischer und mittelalterlicher, europäischer Musik, zwischen experimentellem Jazz, Flamenco und Neuer Musik mit einem eigenen Filmproduktionsstudio einen Weg gefunden hat, auch seine audiovisuelle Begabung zu leben.

Preisträger des Ehrenpreis: The Dorf und Umland

The Dorf

Als Hillary Clinton vor mehr als 20 Jahren ihr Buch „It takes a village” schrieb, variierte sie ein afrikanisches Sprichwort, das offenbar bis ins Westfälische von Bedeutung ist. Auch hier gab es das Bewusstsein, dass es eines ganzen Dorfes bedarf, eines Netzwerks von Bezügen, Beziehungen und Beeinflussungen, um die musikalischen Funken, die ein*e Musiker*In in ihrem Kämmerlein hervorbringt, zu interessanter, mitreißender Musik zu formen.

Im Jahr 2006 gründete eine stilistisch offene Gruppe von eigensinnigen Improvisationsmusiker*innen um den Altsaxofonisten Jan Klare eine Band. Längst hat sich The Dorf, diese umwerfend schillernde, kollektive Big Band, die bis zu 25 sehr spezielle Musiker*innen auf die Bühne bringt, zum Verkehrsknotenpunkt in der experimentellen Musikszene Westfalens entwickelt.

Doch weil auch ein Dorf für sich allein nicht existieren kann, haben The Dorf-Musiker*innen unter dem Motto „Kein Umland ohne Dorf und umgekehrt“ das Label „Umland“ initiiert, eine Plattform, auf der sie eigene Projekte veröffentlichen können. Zudem gibt es Konzerte, Veranstaltungsreihen, Festivals.

Es ist ein Projekt von Münchhausenscher Prägung, das die Musiker*innen von The Dorf und Umland in Westfalen geschaffen haben, angetrieben von einer einzigartigen Kombination von Unternehmungsgeist und Selbstironie, Experimentierfreude und purem Spaß. Ein Leuchtturm der Kreativität, der lautstark deutlich macht, dass Westfalen, das Ruhrgebiet und seine Bewohner*innen sehr viel mehr zu bieten haben, als nur die bekannten Geschichten vom Aufstieg und Fall einer industriellen Wirtschaftsform.

Nachwuchspreisträger: die Friedensschule Münster Big Band

Münster Big Band Friedensschule

Nein, für so einen richtigen, kompletten Posaunensatz, dafür reicht es dann meistens doch nicht, aber zwei Posaunen, das ist schon drin. Und bei den Saxofonen und den Trompeten sieht es sowieso schon besser aus. Es sind die typischen Probleme eines Big Band-Leiters, mit denen sich der Musiklehrer Dieter Niermann herumschlagen muss, aber derzeit wiegen die nicht schwer, denn an der Friedenschule Münster ist in diesem Jahr Feierlaune angesagt.

Vor 50 Jahren wurde die Bischöfliche Gesamtschule gegründet, seit 1983 können hier Schüler aller Jahrgangsstufen in einer Big Band der Kunst des swingenden Jazz huldigen. Und gerade diese Big Band, die Niermann seit 1991 anleitet, und die so gerne bei festlichen Anlässen, bei den Abschlussfeiern für den Mittleren Schulabschluss und für die Abiturklassen auftritt, sorgt immer wieder auch selbst für Gelegenheiten zum Feiern. Vor drei Jahren errang sie einen dritten Preis beim Landeswettbewerb „Jugend jazzt“, den sie im vergangenen Jahr als Sieger noch einmal toppen konnte.

Dabei handelt es sich bei der FSM Big Band nicht um ein elitäres Projekt der Spitzenförderung, sondern um eine niedrigschwellige Schul-Big Band, bei der Schüler aller Jahrgangsstufen zum Mitspielen eingeladen sind. Spielen müssen sie allerdings können. Und Begeisterung für diese Musik mitbringen, für den Swing und das Artverwandte, Blues, Latin, Jazzrock, das das Repertoire der Band ausmacht – und wenn das alles stimmt und vorhanden ist, dann überträgt sich das auch auf das Publikum. Auch wenn einmal zwei Posaunen zur Wunschbesetzung fehlen.

Der WDR Jazzpreis 2020: das Verfahren

Jazzpreis Jury

Erstmals wurden die Gewinnerinnen und Gewinner durch eine Jury ermittelt. Die Juroren waren die ehemaligen WDR Jazzpreisträger Hendrika Entzian und Pablo Held, die Veranstalter Florian Funke vom Jazzklub Krefeld und Anke Steinbeck vom Jazzfest Bonn, die Autoren Jörg Heyd und Babette Michel sowie die Kulturamtsleiterin der Stadt Gütersloh Lena Jeckel sowie die WDR 3 Jazz & World Redaktion.


Texte: Stefan Hentz
Redaktion: Tinka Koch

Stand: 22.10.2019, 17:18