Nachruf auf Ack van Rooyen (1930-2021)

Ack van Rooyen

Nachruf auf Ack van Rooyen (1930-2021)

Es hielt Ack van Rooyen nicht auf seinem Stuhl, als am 3. Januar 2020, zwei Tage nach seinem 90. Geburtstag, beim Feierkonzert im Amsterdamer Bimhuis eine lange Laudatio auf ihn verlesen wurde. Zu viel des Lobs, zu viel der Ehr, zu viel des Rampenlichts – van Rooyen stand auf und suchte den Schatten am Bühnenrand.

Es wurde auch nicht besser, als die Laudatorin ihm den Orde van Oranje-Nassau an die Brust heftete. Wohl wurde ihm erst wieder, als die Band wieder einsetzte, seine Band, die Sängerin Fay Claasen und ein handverlesenes Septett, lauter Musiker, die ihm nahe standen, mit denen er spielen konnte, seine Musik, die sein Leben geprägt hatte, seit er mit seinem Bruder Jerry van Rooyen als Austauschstudent in New York Charlie Parker und den Trompetern Fats Navarro und Clifford Brown begegnet war, mehr als 70 Jahre lang. Das war sichtlich schön.

Wie sein zwei Jahre älterer Bruder Jerry spielte auch der am 1. Januar 1930 in Den Haag geborene Ack van Rooyen Trompete und verfügte über bemerkenswertes Talent. Als er 16 war, hatte er bereits das Handwerkszeug zusammen, um mit seinem Bruder in Indonesien für die dort stationierten niederländischen Truppen zu spielen. Zusammen lernten die beiden drei Jahre später in New York den Bebop kennen und hatten das Feld gefunden, das sie bestellen wollten. Als Ack von Rooyen zunächst ein klassisches Trompetenstudium absolvierte, trennten sich die Wege der beiden Brüder, während Jerry immer weiter in Richtung Orchesterleitung tendierte und schließlich zwischen 1985 und 1995 den Umbau der WDR Big Band in eine Jazz Big Band gestaltete, nahm Ack erst einmal in Arnheim ein Engagement im Symphonieorchester an.

Doch der Appeal des Jazz war stärker. Mit seinem warmen Ton und seiner unaufgeregten Phrasierung, mit der er - ähnlich wie Miles Davis oder Chet Baker jenseits des Atlantik – die Hektik und Sprunghaftigkeit des Bebop hinter sich ließ, entwickelte er rasch sein eigenes Profil als einer der Poeten des modernen Jazz, ein Musiker, mit einem zarten Strich, der auf dem Flügelhorn noch zarter zur Geltung kam. Als ein Botschafter des orchestralen Jazz reiste Ack van Rooyen durch Europa: von Hilversum zog es ihn nach Dänemark, Schweden, Belgien und Paris, bevor er sich Anfang der 60er-Jahre in Berlin niederließ. Zwanzig Jahre lang blieb Deutschland sein Revier, nach sechs Jahren in Diensten der SFB Bigband, die er 1960 mitgegründet hatte, schloss er sich Erwin Lehns Orchester in Stuttgart an, spielte nebenher in Peter Herbolzheimers Rhythm Combination and Brass und gehörte 1975 zu den Gründern des United Jazz & Rock Ensemble, einer umtriebigen, kollektiven All Star Band, die zu jenem Zeitpunkt mit Ack van Rooyen, Charlie Mariano, Eberhard Weber, Wolfgang Dauner, Albert Mangelsdorff und Volker Kriegel die Sahne des Jazzgeschehens in Deutschland präsentierte und mit Hilfe des Labels Mood Records, des ersten selbstorganisierten Labels im deutschen Jazz, enorm erfolgreich war.

1980 zog Ack van Rooyen wieder in die Niederlande, ein gemachter Musiker, der es genoss, ohne feste Engagements dem Kompass seiner musikalischen Interessen zu folgen. Er unterrichtete am Konservatorium in seiner Geburtsstadt und spielte, in großen und in kleinen Formationen, spielte diesen federleichten, swingenden, unaufgeregten Jazz, ein strahlender Stern unter den Musikern, der es nicht nötig hatte, sich in den Vordergrund zu drängen, nicht mit den ganz hohen Noten auf seinem Instrument, nicht mit der Zurschaustellung seiner Virtuosität und nicht mit Orden und offiziellen Ehrungen seiner künstlerischen Leistung. Bis ins hohe Alter, über seinen 90. Geburtstag hinaus blieb Ack van Rooyen ein bescheidener Mann der Musik. Am 18. November nahm er seinen letzten Atemzug.

Text: Stefan Hentz
Redaktion: Tinka Koch

Stand: 19.11.2021, 11:08