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Geh’n Sie schlafen, Dr. Schott

Ein Graffiti auf der Wand: zwei Augen mit der Unterschrift "the whole world is watching".

100 JAHRE ISRAEL

Geh’n Sie schlafen, Dr. Schott

Von Selma Dabbagh

Gaza, 2048: In geheimem Regierungsauftrag überwacht die junge Layla die Wissenschaftlerin Mona Kamal und den aus Israel exilierten Dr. Schott. Was Layla erfährt, lässt sie immer mehr an ihrem Auftrag zweifeln.

Das Hörspiel steht nach der Sendung befristet zum Download zur Verfügung.

Geh’n Sie schlafen, Dr. Schott

WDR 3 Hörspiel 10.12.2018 32:54 Min. WDR 3

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Die Säkularwissenschaftliche Enklave im Gazastreifen bietet exzellente Forschungsbedingungen. Anders als außerhalb können palästinensische Forscher*innen hier ohne Einschränkungen durch religiöse Vorschriften ihrer Arbeit nachgehen. Beliebt ist die Enklave auch bei Wissenschaftler*innen aus Israel, die aufgrund politischer Entscheidungen exiliert wurden. Professor Mona Kamal aus Gaza und Dr. Eyal Schott aus Tel Aviv arbeiten hier zusammen an einem unterirdischen Hyperloop-Shuttle, das die Versorgung des "New Strip State" mit ausländischen Gütern sicherstellen soll – ein Vorhaben höchster Brisanz. Als sich zwischen Prof. Kamal und Dr. Schott mehr als nur kollegiale Gefühle zu entwickeln scheinen, schaltet die Regierung die junge Psychologin Layla Wattan ein. Ihre Aufgabe: Die Gespräche des Forschungsteams abhören, um zu verhindern, dass über Dr. Schott Geheimnisse an den "Feindstaat" gelangen.

Besetzung
LaylaLisa Hrdina
SchottWilfried Hochholdinger
KamalAnna Schudt
BGK1Ilse Strambowski
BGK2Susanne Barth
DatenansageRichard Hucke
Sprecherin GKEdda Fischer
JungeJustus Maier

Von Selma Dabbagh
Übersetzung aus dem Englischen von Maren Kames
Regie: Vivien Schütz
Dramaturgie: Jan Buck
Redaktion: Isabel Platthaus
Produktion: WDR 2018

Ausstrahlung: 10. Dezember 2018

Foto Selma Dabbagh.

Selma Dabbagh

Selma Dabbagh ist eine britisch-palästinensische Schriftstellerin. Ihr erster Roman "Out of It" spielt zwischen Gaza, London und den Golfstaaten und wurde als Guardian Book of the Year ausgezeichnet. Ihr erstes Hörspiel "The Brick" wurde 2014 von BBC Radio 4 produziert. Als Autorin von Kurzgeschichten, Drehbüchern und Dramen lebt sie in London.

SCHLAGLICHT HINTERGRUND: Genetik und Staatsbürgerschaft

Seit im Jahr 2013 der Fall der jungen Russin Masha Yakerson Schlagzeilen machte, die als Nachweis ihrer jüdischen Abstammung einen DNA-Test vorlegen sollte, ist in Israel und der jüdischen Diaspora eine Debatte über die Rolle genetischer Tests bei der Einwanderung nach Israel entbrannt.

Hintergrund der Debatte sind die heutigen Möglichkeiten der Genetik, über bestimmte Teile des Erbguts, die unverändert von Vater bzw. Mutter an die Kinder weitergegeben werden, Abstammungslinien zu rekonstruieren. Nach jüdischem Glauben wird die Zugehörigkeit zum Judentum von der Mutter an die Kinder weitergegeben. Über die mütterlicherseits vererbte Mitochondrial-DNA kann so theoretisch ein Nachweis über die Abstammung von einer jüdischen Mutter erbracht werden, selbst über viele Generationen hinweg. Verschiedene kommerzielle Anbieter offerieren Interessierten außerdem einen Abgleich der eigenen DNA mit in der Firmendatenbank gespeicherten Sequenzen. Am Ende steht hier ein Prozentergebnis – je mehr genetische Übereinstimmung mit anderen Personen jüdischer Abstammung, desto höher sei die Wahrscheinlichkeit, selbst jüdischer Abstammung zu sein.

Um nach dem Holocaust Israel als sicheres Heim und Zufluchtsstätte für alle Juden zu sichern, garantierte das israelische Rückkehrgesetz von 1950 Juden weltweit ein automatisches Recht auf Staatsbürgerschaft – ließ jedoch eine genaue Definition dieser Gruppe offen. Zwar wurde im Laufe der Jahre das Rückkehrrecht auch nichtjüdischen Personen eröffnet: Allen (Schwieger-)Kindern und Enkeln, sowie Ehepartnern von Juden, zudem gibt es reguläre Möglichkeiten der Einbürgerung für in Israel wohnende Personen nichtjüdischen Glaubens. Dennoch ist seit fast 70 Jahren die Diskussion "Wer ist Jude?" fester Bestandteil der israelischen Öffentlichkeit. In der Regel zählt als Jude, wer eine jüdische Mutter besitzt oder nach anerkannter rabbinischer Definition zum Judentum konvertiert ist. Gerade in Fällen von Immigranten aus der ehemaligen Sowjetunion, in der Juden häufig gezwungen waren, ihre jüdische Identität geheim zu halten – selbst vor den eigenen Kindern – ist der Nachweis der Abstammung jedoch mitunter schwierig. DNA-Tests scheinen hier zumindest für einen Teil der Fälle eine präzise Entscheidung zu ermöglichen. Inzwischen hat ein Rabbinatsgericht, der nach israelischem Recht für die Klärung des jüdischen Personenstatus zuständigen Institution, die Anwendung solcher Tests offiziell empfohlen.

Von Befürwortern wird dabei stets betont, dass durch den Test für eine begrenzte Gruppe eine zusätzliche Möglichkeit der vereinfachten Einbürgerung entsteht, ohne anderen Personengruppen dadurch Erschwernisse zu verursachen. Kritiker warnen dagegen vor den eugenischen Implikationen dieses Schritts und befürchten zukünftigen Missbrauch.

Denn auch abseits von Einwanderungsfragen bleibt die Frage "Wer ist Jude?" brisant. Die Selbstdefinition Israels als "jüdischer Staat" und die legislative Konkretisierung dieses Anspruchs durch das im Juli 2018 beschlossene Nationalstaatsgesetz führen zu wachsender Besorgnis um staatsbürgerliche Rechte, nicht nur beim nichtjüdischen Teil der Bevölkerung.

Die israelische Flagge gemalt auf die Mauer.

100 Jahre Israel

WDR-Hörspielreihe vom 10.-13. Dezember

2018 jährt sich die Gründung des Staates Israel zum 70. Mal. Der Blick zurück zeigt Jahrzehnte der Prosperität, der Entwicklung vom Agrarland zum Hightech-Staat, aber auch des nach wie vor ungelösten Konflikts zwischen Israelis und Palästinenser*innen. Das WDR Hörspiel wirft nun einen spekulativen Blick 30 Jahre in die Zukunft - und hat dazu zwei israelisch- und zwei palästinensischstämmige Autor*innen eingeladen, die einer Generation angehören, die diese Zukunft noch erleben wird.

Die entstandenen Hörspiele sind Utopien und Dystopien, Hoffnungen auf die Zukunft und sich aus der Gegenwart nährende Befürchtungen, subjektive Schlaglichter und überzeitliche Allegorien – und sie nutzen die Freiheit der Fiktion, um über die Grenzen der heutigen politischen Debatte hinaus zu blicken.

Stand: 12.11.2018, 11:40