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Bewerbung 39

Zwei Männer sitzen vor einem Graffiti von Banksy: ein Mann der bedrohlich wirkend zum Werfen ausholt, einen Blumenstrauß in der Hand.

100 JAHRE ISRAEL

Bewerbung 39

Von Ahmed Masoud

Gaza, 2040: Eigentlich war es nur als Hoax gedacht, aber das IOC gibt der Bewerbung statt. Und jetzt – Olympische Spiele in Gaza-Stadt! Kann das gut gehen?

Das Hörspiel steht nach der Sendung befristet zum Download zur Verfügung.

Bewerbung 39

WDR 3 Hörspiel | 12.12.2018 | 26:37 Min.

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Noch sitzt Ismail und Rayyan der Schalk im Nacken. Nur zum Spaß haben die beiden IT-Techniker die Website des IOC gehackt und eine Bewerbung von Gaza-Stadt für die Olympischen Sommerspiele 2048 platziert. Doch zur Überraschung aller akzeptiert das IOC die Bewerbung, denn "Sport ist der beste Weg, Frieden zu schaffen".

Der Präsident des Stadtstaats, Hammoud Hammad, muss sich entscheiden: Nimmt er die Herausforderung an – oder lehnt er ab und informiert das Komitee über den Fehler? Denn wie soll man Spiele organisieren inmitten von Kleinstaaterei, Grenzkontrollen und Blockade? Und: Wie um alles in der Welt lässt sich auf einer schier handtuchgroßen Fläche ein Marathon organisieren?

Besetzung
Walid Al-Atiyat Rayyan
Okan Elmali Ismail
Elmira Rafizadeh Lamma Erreyes
Ercan Durmaz Hamoud Hammad
ferner wirken mit:
Lara Pietjou
Achour Mohamed
Noureddine Chaamati
Rami Hamze
Richard Hucke
Jörg Kernbach
Jörg Hustiak
Anja Gawlick


Von Ahmed Masoud
übersetzt aus dem Englischen von Maren Kames
Regie: Rami Hamze
Technische Realisation: Werner Jäger und Barbara Göbel
Dramaturgie: Jan Buck
Redaktion: Isabel Platthaus
Produktion: WDR 2018

Ausstrahlung: 12. Dezember 2018

Portraitfoto Ahmed Masoud.

Ahmed Masoud

Der Autor des Romans "Vanished – The Mysterious Disappearance of Mustafa Ouda" wuchs in Gaza auf und promovierte in Großbritannien in Englischer Literatur. Als Dramatiker und Theaterregisseur lebt er in London. Sein Debüt als Hörspielautor gab er 2011 für die BBC mit dem autobiographisch gefärbten Stück "Escape from Gaza".

SCHLAGLICHT HINTERGRUND: Bezalel Smotrich und der „Entscheidungsplan“

Der 1980 geborene Bezalel Smotrich gilt als aufsteigender Stern in der nationalreligiösen Partei des israelischen Bildungsministers Naftali Bennett, HaBajit haJehudi (Jüdisches Heim). Nach seinem Einzug in die Knesset 2015  wurde er mit seiner charmanten und humorvollen Art schnell zu einem Liebling der Medien und für seine Partei zum stellvertretenden Parlamentssprecher gewählt.

Smotrich nimmt häufig Positionen am äußeren rechten Rand des politischen Spektrums ein. So beklagt er die Unehrlichkeit in der israelischen Palästinapolitik, sich offiziell auf Verhandlungen mit den Palästinensern einzulassen, obwohl offensichtlich von israelischer Seite keine Bereitschaft bestehe, zu einer Verhandlungslösung zu kommen. Ehrlicher sei es, auf einem biblisch begründeten Recht auf jüdische Souveränität über „ganz Judäa und Samaria“ zu bestehen, ohne Möglichkeit eines palästinensischen Staates.

Im September 2017 stellte er seinen „Entscheidungsplan“ zur endgültigen Lösung des Nahostkonflikts vor.

Unter Bezug auf die biblische Figur des Josua, der beim Einzug in das Gelobte Land den dort ansässigen Amalekitern die Wahl zwischen Vertreibung, Unterwerfung und Tod eröffnete, sieht sein Plan vor, die Palästinenser vor die Wahl zu stellen. Wer auswandern wolle, solle die Möglichkeit und Hilfe dazu erhalten. Diejenigen, die bleiben wollten, würden in eine Handvoll Gemeinden umgesiedelt, wo ihnen begrenzte Autonomie, aber nur eingeschränkte Bürgerrechte zugestanden würden. Gegen diejenigen, die den Kampf für einen eigenen Staat oder volle Bürgerrechte nicht aufgäben, müsse man "mit eiserner Faust" Krieg führen – und zwar in einer Kompromisslosigkeit, die jede Hoffnung im Keim erstickt. Selbst auf Steine werfende Kinder müsse mit tödlicher Gewalt reagiert werden. Smotrich betont dabei, dass durch den Abschreckungseffekt einer automatischen Gewaltanwendung schon niemand auf die Idee kommen werde, Widerstand zu leisten, denn niemand wolle sterben. Doch um diese Drohkulisse wirksam werden zu lassen, müsste von staatlicher Seite der offizielle Befehl ergehen, konsequent auf kleinste Widerstandshandlungen zu reagieren –  ausnahmslos und ohne Abwägung im Einzelfall. Aus diesem Grund wurde Smotrichs Plan in weiten Teilen der israelischen Presse angegriffen, er eröffne den Palästinensern die Wahl zwischen ethnischer Säuberung, Apartheid und Völkermord. Auf der Konferenz der "Nationalen Union", einer Versammlung rechtsnationaler Parlamentarier, wurde der Entscheidungsplan dennoch verabschiedet.

SCHLAGLICHT HINTERGRUND: Eine tödliche Entwicklung - "Killerroboter"

Ebenfalls im Herbst 2017 veröffentlichte die Kampagne "Ban Lethal Autonomous Weapons" ein virales Video, das die Möglichkeiten zeigt, die aktuelle Fortschritte in der Robotertechnologie bedeuten: Der Bau von tödlichen autonomen Waffensystemen, oder "Killerrobotern", ist längst in greifbare Nähe gerückt. Solche KI-gesteuerten Kampfmaschinen operieren anhand vorab festgelegter Parameter und entscheiden selbständig über die Wahl der Einsatzmittel – und sind dabei auch imstande, Menschen zu töten. Wissenschaftler warnen seit langem vor der Entwicklung dieser Roboter und fordern ein weltweites Verbot – zu dem sich die internationale Gemeinschaft bislang noch nicht hat durchringen können.

Mit Blick auf den Nahen Osten sind die Implikationen dieser Technologie wahrhaft besorgniserregend. Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, was eine solche Aufrüstung etwa im Konflikt zwischen Israel und den Palästinensischen Autonomiegebieten bedeuten kann: Seit einigen Jahren patrouillieren in Israel unbemannte Geländewagen, die selbstständig Grenzen überwachen. Eine radikale Nulltoleranzpolitik wie Bezalel Smotrichs Entscheidungsplan könnte in Verbindung mit autonomen Waffensystemen in einer buchstäblich automatisierten, gnadenlos tödlichen Umsetzung münden – ein Szenario, wie es in "Bewerbung 39" beschrieben wird. Auf der anderen Seite könnte der Zugang zu einer solchen Technologie auch den Terrorangriffen der Hamas eine weit verheerendere Wirkung verleihen. Seit 2001 wurden aus dem Gazastreifen über 20.000 Raketen und Mörsergranaten auf israelisches Staatsgebiet abgefeuert, mit denen mindestens 50 Menschen getötet und über 2000 verletzt wurden. Die Zielgenauigkeit der mit primitiven Mitteln gebauten Kassam-Raketen ist dabei noch sehr gering und deren Abwehr durch den israelischen Raketenschild "Iron Dome" inzwischen meist zuverlässig. Der Einsatz autonomer Kleinstdrohnen durch palästinensische Terrorzellen jedoch könnte die Opferzahlen exponentiell in die Höhe schnellen lassen und für ein Klima der Angst in ungekanntem Ausmaß in ganz Israel sorgen.

Noch ist Zeit zu handeln. Im November diesen Jahres rief UN-Generalsekretär António Guterres die Staatengemeinschaft dazu auf, ein präventives Verbot dieser Waffensysteme zu beschließen. Im kommenden März trifft sich die Versammlung zur UN-Waffenkonvention zum nächsten Mal.

Die israelische Flagge gemalt auf die Mauer.

100 Jahre Israel

WDR-Hörspielreihe vom 10.-13. Dezember

2018 jährt sich die Gründung des Staates Israel zum 70. Mal. Der Blick zurück zeigt Jahrzehnte der Prosperität, der Entwicklung vom Agrarland zum Hightech-Staat, aber auch des nach wie vor ungelösten Konflikts zwischen Israelis und Palästinenser*innen. Das WDR Hörspiel wirft nun einen spekulativen Blick 30 Jahre in die Zukunft - und hat dazu zwei israelisch- und zwei palästinensischstämmige Autor*innen eingeladen, die einer Generation angehören, die diese Zukunft noch erleben wird.

Die entstandenen Hörspiele sind Utopien und Dystopien, Hoffnungen auf die Zukunft und sich aus der Gegenwart nährende Befürchtungen, subjektive Schlaglichter und überzeitliche Allegorien – und sie nutzen die Freiheit der Fiktion, um über die Grenzen der heutigen politischen Debatte hinaus zu blicken.

Stand: 12.11.2018, 14:17