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40 Grad im Schatten [aber kein Schatten hier]

Street Art in Israel: eine Frau liegt im Bikini in der Sonne.

100 JAHRE ISRAEL

40 Grad im Schatten [aber kein Schatten hier]

Von Sivan Ben Yishai

Israel, zu Jom Kippur: Wie jedes Jahr wird traditionell von Sonnenaufgang bis -untergang gefastet und Gott um die Vergebung der Sünden gebeten. Doch dieses Mal will die Sonne einfach nicht mehr untergehen.

Das Hörspiel steht nach der Sendung befristet zum Download zur Verfügung.

40 Grad im Schatten [aber kein Schatten hier]

WDR 3 Hörspiel | 11.12.2018 | 32:37 Min.

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Jom Kippur ist das höchste Fest des Judentums. Einen Tag lang steht das gesamte Leben still. An diesem Tag wird kein Fahrzeug gestartet, kein Laden geöffnet. Alle ergehen sich in kollektiver Buße, Gebet und Fasten. Mit dem Untergang der Sonne ist klar: Gott hat den Gläubigen ihre Sünden vergeben, das Fasten endet und das Leben ersteht rein, unschuldig und neu, für ein weiteres Jahr.

Doch was, wenn die Sonne nicht mehr untergeht? Die Gebete immer verzweifelter werden, schließlich immer fordernder? Wenn die Hitze einfach nicht zurückgeht? Nicht alle finden das so schlimm – es gibt Klimaanlagen, kalte Getränke, so lässt es sich schon aushalten.

Besetzung
DichterinNatalia Belitski
DokuViola Sauer
GebeteAriella Hirshfeld
GegenstimmeAnnette Strasser
HashtagsSteffi Grube
Sivan Ben Yishai Portraitfoto.

Sivan Ben Yishai

Sivan Ben Yishai, Autorin, ist 2012 von Tel Aviv nach Berlin umgezogen. Sie studierte Regie sowie Schreiben für das Theater an der Universität Tel Aviv. Am Deutschen Theater Berlin debütierte sie 2017 mit "YOUR VERY OWN DOUBLE CRISIS CLUB". Die drei folgenden Teile ihrer Tetralogie "LET THE BLOOD COME OUT TO SHOW THEM" sind und werden am Maxim Gorki Theater Berlin zu sehen sein.

SCHLAGLICHT HINTERGRUND: Das Jom-Kippur-Fest

Jom Kippur gilt als der höchste Feiertag im Judentum und findet zehn Tage nach dem jüdischen Neujahrsfest Rosch ha-Schana im September oder Oktober statt. Nach jüdischem Glaube schreibt Gott das Schicksal jedes Menschen zum Neuen Jahr in das "Buch des Lebens", das aber erst an Jom Kippur versiegelt wird. Bis zu diesem Tag haben die Menschen Zeit, Buße für ihre Sünden zu tun und den Weg der Umkehr einzuschlagen. Jom Kippur selbst beginnt mit dem Sonnenuntergang und endet 24 Stunden später mit dem nächsten. In dieser Zeit wird streng gefastet und gebetet. Am Ende des Tages hoffen die Gläubigen, dass Gott ihnen vergeben hat.

Jom Kippur wird in Israel strikt befolgt. Das öffentliche Leben kommt völlig zum Erliegen, Schulen und Geschäfte haben geschlossen, Radio- und Fernsehprogramm sind eingestellt, ebenso der motorisierte Verkehr. Stattdessen nehmen gläubige Juden an den ganztätigen Gottesdiensten in den Synagogen teil, wo aus der Torah gelesen wird und von Vorsängern und Gemeinde gemeinsam Bußgebete rezitiert werden.

Inzwischen ist der Feiertag in Israel nicht nur ein Tag des Gebets und der Einkehr. Viele säkulare Juden und besonders Kinder nutzen die leeren Straßen, um nach Herzenslust Fahrrad zu fahren. Der Anblick von mit Radfahrern gefluteten Hauptverkehrsstraßen und Autobahnen gehört mittlerweile fest zum Charakter Jom Kippurs in Israel, der so in den Augen von Umweltaktivisten einen utopischen Zug erhält.

Doch der Feiertag markiert in der Geschichte Israels auch den Ausbruch des Jom-Kippur-Krieges: Am 6. Oktober 1973 starteten ägyptische und syrische Truppen einen Überraschungsangriff auf das Land. Zwar konnte Israel nach dem Unabhängigkeits- und dem Sechstagekrieg auch in diesem Krieg bestehen, doch die anfänglichen Erfolge der gegnerischen Streitkräfte, die die Schutzlosigkeit des israelischen Militärs an diesem Feiertag ausnutzten, führten dazu, das seither auch an Jom Kippur das Militär voll einsatzbereit bleibt.

Von Sivan Ben Yishai
übersetzt aus dem Englischen von Maren Kames
Regie: Gerrit Booms
Technische Realisation: Günther Kasper
Dramaturgie: Jan Buck
Redaktion: Isabel Platthaus
Produktion: WDR 2018

Ausstrahlung: 11. Dezember 2018

Die israelische Flagge gemalt auf die Mauer.

100 Jahre Israel

WDR-Hörspielreihe vom 10.-13. Dezember

2018 jährt sich die Gründung des Staates Israel zum 70. Mal. Der Blick zurück zeigt Jahrzehnte der Prosperität, der Entwicklung vom Agrarland zum Hightech-Staat, aber auch des nach wie vor ungelösten Konflikts zwischen Israelis und Palästinenser*innen. Das WDR Hörspiel wirft nun einen spekulativen Blick 30 Jahre in die Zukunft - und hat dazu zwei israelisch- und zwei palästinensischstämmige Autor*innen eingeladen, die einer Generation angehören, die diese Zukunft noch erleben wird.

Die entstandenen Hörspiele sind Utopien und Dystopien, Hoffnungen auf die Zukunft und sich aus der Gegenwart nährende Befürchtungen, subjektive Schlaglichter und überzeitliche Allegorien – und sie nutzen die Freiheit der Fiktion, um über die Grenzen der heutigen politischen Debatte hinaus zu blicken.

Stand: 12.11.2018, 12:17