Live hören
WDR 3 als Podcast oder Download - Infos unter www.wdr3.de

WDR 3 Jazzfest in Gütersloh 2018 - Freitag, 2. Februar 2018

WDR 3 Jazzfest in Gütersloh 2018 - Freitag, 2. Februar 2018

Der Freitagabend des WDR 3 Jazzfest steht im Zeichen der Preisträgerkonzerte des WDR Jazzpreis mit Hendrika Entzian, Roger Hanschel, Ramesh Shotham und dem Young 7Teen Jazz Orchestra. Außerdem spielt das Sebastian Sternal Trio im Bunker Ulmenwall.

20:00 Uhr - WDR Jazzpreis 2018 - Preisverleihung, Theater Gütersloh, Theatersaal
Moderation: Götz Alsmann

Die Preisträger:

Komposition:
Hendrika Entzian -
Artist in Progress

Preisträgerin des WDR Jazzpreises 2018 in der Kategorie "Komposition": Die Bassistin Hendrika Entzian

Preisträgerin des WDR Jazzpreises 2018 in der Kategorie "Komposition": Die Bassistin Hendrika Entzian


Es ist unverkennbar: Hendrika Entzian will nicht einfach nur mittendrin dabei sein, das will sie auch, wie sich an der Vielzahl der Projekte mit anderen Kölner MusikerInnen ablesen lässt, wo sie als gefragte Kontrabassistin an den Strippen von Harmonie und Puls zieht. Noch lieber aber will sie wie in ihrem eigenen Quartett selbst am Lenkrad sitzen und steuern. Oder am Reißbrett eigene Ideen entwickeln und dann umsetzen. Und sie will das in zunehmendem Maße. Nachdem die junge Musikerin zunächst als Bassistin am Fundament ihrer Musik und als Bandleaderin mit sehr eigenen Ideen einer subtil ineinander verzahnten Improvisationsmusik wirkte, hat sie in letzter Zeit ihren Radius immer weiter ausgedehnt.

Geboren 1984 in Kiel, ausgebildet zunächst als Jazz-Bassistin in Hamburg und seit 2009 an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln, beendete sie ihr Masterstudium in Jazz-Komposition und –Arrangement im Jahr 2015 mit Auszeichnung. Seitdem hat die junge Bassistin und Komponistin/Arrangeurin, die an der Musikhochschule sehr treffend als "Artist in Progress" beschäftigt ist, alle Hände voll zu tun mit Auftragsarbeiten, schreibt Arrangements und Kompositionen und übernimmt Orchesterleitungen. Zudem nutzte sie im vergangenen Jahr die Möglichkeit, sowohl mit der Bigband der Musikhochschule als auch mit dem Subway Jazz Orchestra ihre eigene Musik auf die Bühne zu bringen.

Mit Hendrika Entzian, wird eine Musikerin mit dem WDR Jazzpreis in der Kategorie "Komposition" ausgezeichnet, die bereits zuvor beindruckte, doch mit ihrer diesjährigen Bewerbung und dem Versprechen, für den Fall einer Preisverleihung neues Material zu komponieren, ihren Status als eine Musikerin in Bewegung unterstreicht.

Improvisation:
Roger Hanschel - Spiel ohne Grenzen

Preisträger des WDR Jazzpreises 2018 in der Kategorie "Improvisation": Der Saxofonist Roger Hanschel

Preisträger des WDR Jazzpreises 2018 in der Kategorie "Improvisation": Der Saxofonist Roger Hanschel

Weit über die Kölner Jazzszene hinaus ist der Saxofonist und Komponist Roger Hanschel ein alter Bekannter; einer, der fast so lange dabei ist, wie man sich zurückerinnert, immer an der Spitze der Bewegung, und aus der Spitze immer ein Stück weit herausragend. Roger Hanschel ist der Traum eines virtuosen Stilisten, einer der sein Ding macht, dieses Ding stetig fortentwickelt, perfektioniert und einmal angekommen, direkt wieder um die nächste Ecke verschwindet, um sich eine weitere musikalische Welt zu erschließen. Ein Musiker, der alle stilistischen Beschränkungen hinter sich gelassen hat und den permanenten Wandel in künstlerisches Wachstum ummünzt.

Roger Hanschel, Jahrgang 1964, geboren und aufgewachsen in Wolfsburg, studiert von 1981 bis 1985 am Jazz-Studiengang der Hochschule für Musik und Tanz in Köln. Mit Hans Lüdemann gründet er damals die Gruppe Nana, die sich irgendwann in ein Orchester verwandelt. Mit der Sängerin Gabriele Hasler greift er die Anregungen moderner Lyrik auf und erkundet die Intimität des Duo-Spiels. Zuletzt hat er sich eingehend mit der klassischen indischen Musik befasst und mit Wegen, wie er deren komplexe, mikrotonal gefärbte Tonalität und die vertrackten rhythmischen Strukturen auf das Saxofon übertragen und für sein eigenes Spiel nutzbar machen kann.

Seit 1987 ist er Mitglied der Kölner Saxophon Mafia und arbeitet seitdem immer wieder mit dem WDR-Jazzpreisträger Steffen Schorn zusammen, mit dem er beim WDR 3 Jazzfest ein beeindruckendes Konzert mit dem Raschér Quartet, einem der weltweit führenden klassischen Saxofonquartette gab.

Musikkulturen:
Ramesh Shotham - Der Universalgelehrte des Rhythms

Man könnte Ramesh Shotham als einen Alexander von Humboldt des Rhythmus darstellen, als einen weitgereisten musikalischen Universalgelehrten, dessen Hunger auf neue Erkenntnis tiefer geht, als nur bis zu dem schnellen Kick, mal eben hier und dann mal eben dort mitzuspielen. Als Schlagzeuger und Perkussionist ist Shotham ein Musiker ohne Grenzen, ein Brückenbauer, sozusagen der Idealtypus des Musikers, den die Schöpfer des WDR Jazzpreis meinten, als sie als Reaktion auf eine neue Methodenvielfalt im Bereich der improvisierten Musik die Preiskategorie "Musikwelten" einführten.

Ramesh Shotham, geboren 1948 in Madras, im Südosten Indiens, machte nach einem Studienabschluss in Zoologie zunächst als Rockmusiker auf sich aufmerksam, studierte dann sein perkussionistisches Handwerk und die Klassische Indische Musik in verschiedenen Facetten, sowie die Trommelsprache am Karnataka College in Bangalore und gründete mit dem indischen Pianisten Louiz Banks das Jazz Yatra Septet, mit dem er 1980 nach Deutschland kam.

Shotham blieb, denn hier, in der eng verflochtenen europäischen Szene, unter die sich auch viele durchreisende US-Musiker mengen, konnte er auf musikalische Entdeckungsreise gehen. In bald vier Jahrzehnten spielte mit Embryo und Charlie Mariano, mit Carla Bley und Steve Coleman, Rabih Abou-Khalil und Sigi Schwab, Andre Heller und Wolfgang Niedecken und mit so ziemlich allen, die an einer Musik interessiert sind, die die von stilistischen Festlegungen abgestriffen haben. Der Perkussionist wurde zum lebenden Beweis für die Möglichkeit, aus der souveränen Kennerschaft einer musikalischen Sprache die Fähigkeit für die Kommunikation in anderen Sprachen abzuleiten.

Nachwuchs:
Young 7Teen Jazz Orchestra - Das Ding des Unmöglichen

Wer die Mühe kennt, die es macht, auch nur eine kleine Band zu zusammenzuhalten, für den ist die Entwicklung hinter dem Namen "Young 7Teen Jazz Orchestra" ein mittleres Wunder. Ein neunzehnköpfiges Orchester ist keine kleine Band, und mit der Personalstärke steigt der organisatorische Aufwand exponentiell. Termine abstimmen und festklopfen, dafür sorgen, dass alle Beteiligten immer über alle aktuellen Informationen verfügen, sicherstellen, dass Übungsräume und Technik allen Ansprüchen genügt, und, und, und. Normalerweise können so etwas nur größere Organisationen, Musikhochschulen, -schulen und -vereine stemmen, und das nur, weil sie über einen organisatorischen Überbau verfügen.

Doch hier kommt eine Band, ach was, eine Big Band, ein ausgewachsenes, neunzehnköpfiges Orchestra, das sich rundum auf Eigeninitiative stützt und es einfach anpackt. Angeschoben von dem damals gerade 16 Jahre alten Altsaxofonisten Tim Köhler aus Olsberg im Sauerland, finden sich im Sommer 2015 neunzehn junge Musiker aus Westfalen, der jüngste gerade 13, der älteste 22 Jahre alt zu einer mit fünf Saxofonen, fünf Trompeten, vier Posaunen und einer fünfköpfigen Rhythm Section klassisch besetzten Big Band zusammen. Köhler und einige andere stellen ein Repertoire zusammen, das zwischen Funk, Latin, Jazzrock und klassischem Swing ein breites Feld von Big Band-Jazz bestellt, sie schreiben eigene Arrangements für ihre Band und verschicken die Noten. Geübt wird zuhause. Nach einer gemeinsamen Probe geht es heraus auf die Bühne. Eine CD-Produktion schließt sich an. Und die ist furios, technisch sauber gespielt und voll von dieser ganz besonderen Energie, ohne die eine solche Band nicht möglich wäre. Ein Traum. Ein Wunder.

Ehrenpreis:
Bunker Ulmenwall, Bielefeld

Preisträger des WDR Jazzpreises 2018 in der Kategorie "Ehrenpreis" ist der Bunker Ulmenwall, Bielefeld. Hier im Bild: Geschäftsführerin Lena Jeckel

Preisträger des WDR Jazzpreises 2018 in der Kategorie "Ehrenpreis" ist der Bunker Ulmenwall, Bielefeld. Hier im Bild: Geschäftsführerin Lena Jeckel

Als der Abwehrwall, den die Europäische Union an ihren Grenzen errichtet hatte, sich im Spätsommer 2015 plötzlich als so brüchig erwies wie das Selbstverständnis der Union als Wertegemeinschaft, waren viele Bundesbürger bereit, dort anzupacken, wo Menschen in Not Hilfe suchten. Beeindruckend. Doch gleichzeitig gab es einen ganz unwahrscheinlichen Ort, an dem Willkommenskultur schon längst gelebt wurde, als das Flüchtlingsthema zum alles beherrschenden Thema in den Medien geworden war.

In einem umgewidmeten, unterirdischen früheren Luftschutzbunker aus Weltkriegstagen, dem Bunker Ulmenwall in Bielefeld, einem der ältesten und wichtigsten Jazzclubs weit über NRW hinaus, der sich als engagiertes soziokulturelles Zentrum einen wachen Blick für die tektonischen Verschiebungen der Alltagswelt bewahrt hat, haben die Verantwortlichen dem bunten Strauß ihrer zumeist musikalisch grundierten Angeboten für Jugendliche bereits 2014 eine vierteljährliche Session hinzugefügt, die sich unter dem Motto Acrozz The Borders speziell an unbegleitete und minderjährige Flüchtlinge wendet.

Für einen Jazzclub ein genial naheliegendes Angebot, denn Sessions mit ihrem Fokus auf die Freude am Spiel und die Freiheit, neue Wege zu erproben, sind nicht nur die Keimzelle jeder jazzmusikalischen Entwicklung, sondern sie sind punktgenau die Form von Musikausübung, in der sich Akteure und Musikerinnen mit verschiedenen musikkulturellen Hintergründen begegnen und einander annähern können. Kein Wunder also, dass diese Form der Jugendarbeit große Nachfrage erfährt. Mittlerweile gibt es im Kultur-3Eck Bielefeld Ost einen Ableger dieser Session. Zwei Fliegen also, die der Bunker Ulmenwall mit diesem Projekt schlägt, einmal schafft er ein musikpädagogisches Angebot, das jungen Menschen mit Jazz und der Freude am Spiel, die ihm zugrunde liegt in Berührung bringt, und zum zweiten heißt er Flüchtlinge als tätige Menschen willkommen.

Sebastian Sternal Trio
21:00 Uhr - Bunker Ulmenwall - Bielefeld

Der Pianist Sebastian Sternal am Flügel beim WDR 3 Jazzfest 2016 in Münster

Sebastian Sternal

Nachdem Sebastian Sternal, WDR Jazzpreisträger 2007, in seiner Symphonic Society als Pianist zurückgetreten war und den Platz am Flügel Pablo Held überlassen hatte, steht er nun in seinem Trio wieder selbst im Rampenlicht. Ad hoc im Zusammenspiel experimentieren die drei Musiker unter anderem mit den rhythmischen Phänomenen Groove und Swing und abstrahieren diese in eine zeitgenössische Ästhetik, um im flirrenden Pulsieren ebenso zu münden wie in einer geradezu körperlich zupackenden Rhythmik.

Sebastian Sternal - Piano; Larry Grenadier - Bass; Jonas Burgwinkel - Drums

Stand: 05.01.2018, 14:51