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Sinfonie Nr. 4 c-Moll, D 417
00.03 - 06.00 Uhr Das ARD Nachtkonzert
Eine blonde Frau vor hellblauem Hintergrund wirft ihre Haare in den Nacken.

Ambitioniertes Programm bei den Tagen Alter Musik in Herne

Stand: 24.08.2021, 13:58 Uhr

Die Tage Alter Musik in Herne 2022 stehen unter dem Motto "Tragisch - Komisch". Sie blicken auf Emotionen und Befindlichkeiten in der Musik vom Mittelalter bis zur Moderne. WDR-Redakteur Richard Lorber, künstlerischer Leiter des Festivals, berichtet über die Ensembles und das ambitionierte Programm.

"Die Komödie sucht schlechtere, die Tragödie bessere Menschen nachzuahmen, als sie in der Wirklichkeit vorkommen", stellt Aristoteles in seiner "Poetik" fest. Ist das Tragische und Komische demnach zeitlos, so wie es die guten und schlechten menschlichen Eigenschaften sind? Die Tage Alter Musik in Herne gehen dieser Frage nach.

Bissige Mittelalter-Satire und Drama über ein frommes Märtyrerpaar

Das Ensemble Sequentia

Das Ensemble Sequentia

Beißende Gesellschaftskritik bietet der "Roman de Fauvel" über einen Hengst, der die Weltherrschaft an sich reißt. Das ist tatsächlich zeitlos aktuelle Satire aus dem französischen Mittelalter in Wort und Musik (Ensemble Sequentia, 10.11.).
Römische Oratorien des Frühbarocks können noch heutige Bedürfnisse nach Unterhaltung durch drastisch-tragische Geschichten befriedigen, ob sie vom Bettler Lazarus und dem reichen Mann handeln, der schließlich in der Hölle landet, oder vom Fall der bösen Engel um Luzifer. Die Musik transportiert mit dem Schauerlichen auch einen moralischen Appell (Concerto Romano, 12.11.).
"Pia et fortis mulier" ist ein Drama über ein frommes Märtyrerpaar. In dem Stück, zu dem Johann Caspar Kerll die Theatermusik geliefert hat, finden sich allerdings auch turbulent-groteske und anrührende Szenen. Sie machten den Stoff einst für die Wiener Jesuitenschüler fasslicher und unterhaltsamer (La Capella Ducale und Musica Fiata, 11.11.).

Liebeskummer, Liebesklagen und tragische Verstrickungen

Barbara Strozzi

Barbara Strozzi

Die Tragik eines verschmähten Liebenden ist ein bestimmendes Sujet der Madrigalliteratur. Über den Liebeskummer hinaus gehen die sprichwörtlichen "English Tears", ein Phänomen des melancholischen englischen Zeitgeists um 1600, der sich nicht nur in der Musik ausdrückt (I Fagiolini, 13.11.). Bei der Venezianerin Barbara Strozzi dagegen kulminiert die Liebesklage mit geradezu tragikomischer Zuspitzung in der Feststellung, die Angebetete lache nur noch über das Weh des Gegenübers (Capella Florida, 11.11.). In einer echten Tragikomödie geraten nicht mehr sagenhafte Helden in tragische Verstrickungen, hier gelingt es gewöhnlichen Menschen, durch Anständigkeit, Mut und Witz ihr Schicksal zu wenden. Andrea Bernasconis Oper "L’Huomo" nach einer Vorlage der Wilhelmine von Bayreuth gehört zu dieser Gattung. Da entscheiden sich zwei Seelen für die Vernunft, um ein tragisches Ende abzuwenden (Ensemble 1700, 12.11.).

Mythologische Horror-Story als Verwechslungskomödie

Capella Augustina

Capella Augustina

Selbst eine mythologische Horror-Story kann zur turbulenten Verwechslungskomödie mutieren: Treue Liebespaare müssen alljährlich einem Meerungeheuer geopfert werden, um die Göttin Diana zu besänftigen. Wer sich wirklich liebt, sollte dies also besser nicht offenbaren, rät Joseph Haydns "La fedeltà premiata". Ihre Personen sind aber nicht durchweg komische Charaktere, sie empfinden auch Schmerz, Angst und Hoffnung. Das macht den tragikomischen Reiz dieser Oper aus (Capella Augustina 13.11.).

Höfische Konkurrenz, Mord und verlorener Lebensmut

Joseph Haydn

Joseph Haydn in einem Punktierstich von Luigi Schiavonetti.

Deuten sich tragische Lebensschicksale und skurrile Anwandlungen von Komponisten in ihrer Musik an? Diese Frage schwingt im Nachtkonzert am 12.11. mit, wenn die Geiger Johannes Pramsohler und Roldán Bernabé Stücke ihrer Berufskollegen aus dem 18. Jahrhundert spielen. Jean-Marie Leclair und Jean-Pierre Guignon standen in einer alle belastenden Konkurrenz am französischen Hof. Jahre später fiel Leclair einem Mordanschlag zum Opfer. Seinen Schüler Louis-Gabriel Guillemain drückten die Schulden so sehr, dass er sich mit 14 Messerstichen das Leben nahm. Gibt es auch wirkliche Komik in der Instrumentalmusik, oder stellt sie sich immer nur indirekt ein als humoristisches Moment der Überraschung, wenn Hör-Erwartungen bewusst getäuscht werden? In Haydns "bey launigter Stunde" verfasster Fantasie "Do Bäuren hat d’Katz valor’n" wird man Jagdmotive, plötzliche Registerwechsel und chromatische Skalen schmunzelnd mit dem Text der Vorlage assoziieren. Beim Capriccio "Die Wut über den verlorenen Groschen" ruft dagegen Ludwig van Beethovens bewusst übersteigertes Spiel mit musikalischen Formmodellen den Eindruck von Komik hervor (Olga Pashchenko, 13.11.).

Die Konzerte unseres Festivals zeigen wieder ein Panorama vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert, das von Künstlerinnen und Künstlern aus ganz Europa gestaltet wird. Seien Sie vor Ort und im Kulturradio WDR 3 eingeladen, das Thema "tragisch – komisch" auf mal offenkundige und mal ganz überraschende Weise musikalisch zu entdecken.

Der Kartenvorverkauf beginnt am 26. September 2022.