Ambitioniertes Programm der Tage Alter Musik in Herne

Stefano Montanari - musikalischer Leiter des Konzerts am 13.11.2021: Auszeit: Johann Adolf Hasse, „Enea in Caonia“

Ambitioniertes Programm der Tage Alter Musik in Herne

"Zurück zur Natur!" Unter diesem Motto präsentiert der WDR bei den Tagen Alter Musik in Herne 2021 neun Konzerte. WDR-Redakteur Richard Lorber, künstlerischer Leiter des Festivals, berichtet über die eingeladenen Ensembles und das ambitionierte Programm.

Das Festival musste im Jahr 2020 wegen der Corona-Pandemie verschoben werden. Nun hoffen wir, dass in diesem Jahr die Ensembles, die wir aus ganz Europa eingeladen haben, zu uns kommen können, um unser ambitioniertes Programm darzubieten – vor Ort und vor dem Publikum im Kulturradio WDR 3.

Zurück zur Natur mit dem WDR Rundfunkchor und l’arte del mondo

Richard Lorber

WDR 3-Redakteur Richard Lorber

Dem Philosophen Jean-Jacques Rousseau wird sie zugeschrieben, die Aufforderung "Zurück zur Natur!" Er verband damit Gesellschaftskritik, aber auch ein pädagogisches Programm: die Erziehung zur Rechtschaffenheit müsse sich an den menschlichen Grundanlagen orientieren, nicht an gesellschaftlichen Normen und Vorschriften. Das lässt sich auf vielfältige Weise auf die Kunst im Allgemeinen übertragen und auf die Musik im Besonderen. Immer geht es dabei um eine Art Neubesinnung, um das Erkunden von verborgenen Wurzeln, auch um radikale Brüche. Manchmal auch um Ausbrüche aus der Zivilisation und der Vernunft wie in Henry Purcells Semi-Opera "The Fairy Queen", ein Stück, das man heutzutage wohl als Varietétheater oder Musical bezeichnen würde mit – Shakespeare sei Dank – opulenten Natur- und Geisterszenen, komischen Episoden und leidenschaftlichen Eskapaden (WDR Rundfunkchor und l’arte del mondo am 14.11.2021, live zeitversetzt auf WDR 3).

Enea Barock Orchestra spielt Johann Adolf Hasse

Das Enea Barock Orchestra

Das Enea Barock Orchestra

Die Serenata "Enea in Caonia" erzählt, wie der Held Aeneas auf seiner Flucht von Troja nach Rom auf die in den Wäldern lebende Jägerin Ilia trifft, die sich den Konventionen und Fesseln einer emotionalen Beziehung nicht unterwerfen will. Ihre Wildheit bildet einen schönen Gegensatz zur politischen Mission des späteren Rom-Gründers. Johann Adolf Hasse kleidet das in eine galante Musiksprache, die sich vom älteren Opernton ungezwungen und eingängig abheben sollte (Enea Barock Orchestra am 13.11.2021, live auf WDR 3). Die Spiegelung der Natur in der Kunst ist vielleicht am schönsten in der mythischen Landschaft Arkadien ausgeprägt, jenem Sehnsuchtsort, den Dichter von Vergil bis Thomas Mann und Maler von Tizian bis Markus Lüpertz zu ihrem Gegenstand machten – vor allem aber die Komponisten in Renaissance und Barock! Das wahre Arkadien ist dagegen kein Idyll, sondern rau und karg wie die Volksgesänge Siziliens aus dem Mund des "cantautore" Alfio Antico. Zusammen mit den Musikern von La Pifarescha stellt er sie am 14.11.2021 und live auf WDR 3 neben die Klänge des artifiziellen Arkadien.

Wassermusiken mit dem Collegium Marianum

Das Prager Ensemble "Collegium Marianum"

Das Prager Ensemble "Collegium Marianum"

Selbstverständlich haben in diesem Festival Naturschilderungen in Tönen einen prominenten Platz: elementare Programmmusiken aus dem Frankreich Ludwigs XIV. von Jean-Féry Rebel, Louis-Nicolas Clérambault und François Couperin (mit dem Ensemble Il Gardellino am 12.11.2021, live auf WDR 3) sowie "Wassermusiken" über das tosende VORWORT Meer, über Themse und Seine, aber auch über einen von Fröschen bevölkerten Teich (Collegium Marianum am 13.11.2021 – WDR 3 am 09.12.2021). Ludwig van Beethovens "Pastorale" sei dagegen "mehr Ausdruck der Empfindung als Malerei", hat der Komponist in der Partitur vermerkt. In Herne wird herauszufinden sein, wie sich das auch in der kammermusikalischen Bearbeitung dieser Sinfonie vermittelt, die Johann Nepomuk Hummel vorgelegt hat (G.A.P. Ensemble am 14.11.2021, WDR 3 am 23.12.2021).

Le Miroir de Musique und Ensemble La Tempête

Das Basler Ensemble "Le Miroir de Musique"

Das Basler Mittelalter-Ensemble "Le Miroir de Musique"

"Ich würde nur an einen Gott glauben, der zu tanzen verstünde", lässt Friedrich Nietzsche den Weltweisen Zarathustra sagen. Er fordert damit eine Dualität von maßvoller Strenge und rauschhafter Ekstase. Eine Spur davon findet sich in dem Programm der Accademia del Piacere am 13.11.2021 (auf WDR 3 am 15.12.2021), in dem die Musikerinnen und Musiker um den Gambisten Fahmi Alqhai zeigen, wie glutvolle iberische Volkstänze ihren Weg in die aristokratische Tanzetikette am Versailler Hof fanden. Was Nietzsche wohl nicht wissen wollte: In der christlichen Religion findet sich immer wieder auch die gläubige Sehnsucht nach ursprünglicher menschlicher Erfahrung. Etwa wenn im 15. Jahrhundert Laienbruderschaften im Gefolge des Predigers Gert Groote ihre "Devotio moderna", eine neue Form der Frömmigkeit, auch in der volkssprachlichen Musik ausübten (Le Miroir de Musique am 12.11.2021, WDR 3 am 07.12.2021). Eine die Zeiten umspannende Reise vom Mittelalter bis ins 21. Jahrhundert unternimmt das französische Ensemble La Tempête am 11.11.2021 (auf WDR 3 am 24.11.2021). Unter dem Motto "Hypnos" geht es um Traum- und Trosterfahrungen, um Mystik und Kontemplation in verschiedenen Formen von Kunstmusik.

Der Kartenvorverkauf beginnt am 18. Oktober 2021. Die Musikinstrumenten-Messe der Stadt Herne muss in diesem Jahr leider ausfallen, ebenso das damit verbundene Werkstattkonzert.

Stand: 24.08.2021, 13:58