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30.10.2020 - Mieczysław Weinberg, "Masel Tov! (Wir gratulieren!) in Düsseldorf

Norbert Ernst (Reb Abel) und Kimberley Boettger-Soller (Bejlja) in "Masel Tov!" von Mieczysław Weinberg

30.10.2020 - Mieczysław Weinberg, "Masel Tov! (Wir gratulieren!) in Düsseldorf

"Die Passagierin" ist Mieczysław Weinbergs erfolgreichste Oper. Sie handelt von einer ehemaligen KZ-Aufseherin, die glaubt, auf einem Schiff einer ehemaligen Gefangenen zu begegnen. Demgegenüber empfindet man seinen Zweiakter "Masel Tov!" ("Wir gratulieren") – obwohl so gar nicht bezeichnet - als komische Oper. Das Stück kam jetzt an der Düsseldorfer Rheinoper heraus.

Aber was heißt schon komisch? Die Personenkonstellation passt auf jeden Fall zu diesem Genre. Die Bediensteten in einem herrschaftlichen Haus klagen mit mehr oder weniger gespielter Empörung und entnervt über ihre Arbeitsbelastung. Die Hausherrin tritt kaum in Erscheinung und wenn, dann nur mit exaltierten Schreien. Der aktuelle Stress entsteht wegen der Vorbereitungen zu einer Verlobungsfeier. Die kann nicht wie geplant stattfinden, weil die drei Diener lieber eigene Verlobungen feiern. Der vierte im Bunde ist dabei der fliegende Buchhändler Reb Alter, der sich die Köchin Bejlja ausgesucht hat, während der Diener Chaim es auf das Dienstmädchen Fradl abgesehen hat. Der ganze Plot wird durchaus nach Commedia dell'arte Manier durchgespielt: die Frauen zieren sich, die Männer stellen sich ungeschickt an.

Am Ende hört man einen hymnischen Gesang auf die Worte: "Das Blatt hat sich gewendet. Geld regiert nicht mehr die Welt". Aber Weinberg ist weit davon entfernt, hier ein Revolutionsstück à la "Krieg den Palästen, Friede den Hütten" auszubreiten. Dafür ist das Aufbegehren zu kurz, zu sehr auf den Augenblick bezogen und zu sehr alkoholgeschwängert.

"Masel Tov!" geht auf ein Theaterstück des jiddischen Dichters Scholem Alejchem zurück, der auch den Stoff für das Musical "Anatevka" lieferte. Seine Grabinschrift: "Hier liegt… ein einfach Jud. Er war ein Dichter aus dem Volke…" singt der Buchhändler in einem Moment, als auf der Bühne inmitten des Klagegeschreis und der Anbandelungsversuche der Männer innegehalten wird. Mieczysław Weinberg greift den Tonfall der jiddischen Musik an vielen Stellen auf, aber nie plakativ. Eine jiddsich-sprachige Oper konnte er in Moskau, wo das Stück 1983 uraufgeführt wurde, aber nicht herausbringen. In Düsseldorf wird eine deutsche Version gespielt in einer Adaption für Kammerorchester von Henry Koch, die auch als CD-Aufnahme aus dem Jahr 2012 erhältlich ist.

Weinbergs Musik ist farbig und abwechslungsreich. Die wenigen Instrumente im Graben, umsichtig dirigiert von Ralf Lange, werden zu fast sprechenden Personen, die elegische Flöte in der Ouvertüre, das melancholische Kontrafagott bei den Reden des Buchhändlers, ein großes Violinsolo, wenn Chaim deklamiert "Sei meine Braut". Die Musik klingt nach Schostakowitsch, mit dem Weinberg im engen Kontakt stand oder auch wie Hindemith in seinen Einaktern. Aber das war der modernistische Stil der zwanziger Jahre, auch Schostakowitschs "Die Nase" kam schon 1930 heraus. Ein halbes Jahrhundert später scherte sich Weinberg nicht um die musikalische Avantgarde. Seine Kompositionsweise beschreibt er als Kochvorgang seiner musikalischen Zutaten. Das tut er freilich ohne jedes Epigonentum. Heraus kommt eine im besten Sinne realistische Musik.

Einem unprätentiösen Realismus haben sich auch der Regisseur Philipp Westerbarkei und die Ausstatterin Heike Scheele verschrieben. In einer Küche, die wie ein Gernebild aussieht, wird alltagsnah gewerkelt, und am Schluss, bei der Sabotage der Verlobungsfeier, wird Geschirr zerdeppert. Qualität gewinnt die Inszenierung, weil die Aktionen nie biedermeierlich herüberkommen und das Kolportagehafte des Stücks durch einen Rahmen eingefangen wird, in dem die Charaktere deutlich und sympathisch bleiben: das Dienstmädchen Fradl immer ein bisschen flatterhaft, die Köchin Bejlja melancholisch weise, der Buchhändler trotz seiner besserwisserischen Einwürfe von beiläufiger Ironie und der Diener Chaim unbeholfen, der sich in seinem Frack sichtlich unwohl fühlt.

Obwohl das Stück in Düsseldorf nur 90 Minuten dauert, schleppt es im ersten Akt und kommt nur langsam in Fahrt. Vielleicht doch ein bisschen zu viel Genrebild und zu wenig Komödie.

Aber gesungen wird in Düsseldorf sehr schön, allen voran von dem Darsteller des Buchhändlers. Das ist der Tenor Norbert Ernst, der in Bayreuth als David und Loge Erfolge feierte und nun ins Ensemble der Rheinoper zurückgekehrt ist.

 Premiere 29.10.2020. Wegen des neuerlichen Lockdowns vorerst nur noch eine weitere Vorstellung am 01.11.2020

Besetzung:
Fradl, Dienstmädchen: Lavinia Dames
Bejlja, Köchen: Kimberley Boettger-Soller
Madame, ihre Hausherrin: Sylvia Hamvasi
Chaim, Diener: Jorge Espino
Reb Alter, fliegender Buchhändler: Norbert Ernst

Düsseldorfer Symphoniker

Musikalische Leitung: Ralf Lange
Inszenierung: Philipp Westerbarkei
Bühne und Kostüme: Heike Scheele
Dramaturgie: Heili Schwarz-Schütte

Stand: 30.10.2020, 12:25