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18.01.2019 – Weber, „Der Freischütz“ in Essen

18.01.2019 – Weber, „Der Freischütz“ in Essen

Im Finale von Webers "Freischütz", nachdem Max seinen Probeschuss abgegeben hat, dessen Kugel doch nicht seine Braut Agathe traf, sondern den Caspar, mit dem er in Wolfsschlucht Freikugeln schmiedete, beginnt das Gericht über Max, das scheinbar gnädig mit dem auferlegten Probejahr endet. In der Inszenierung von Tatjana Gürbaca am Essener Aalto-Theater wird dieses Finale zu einem wahren Inferno, bei dem jeder aus seiner Rolle fällt oder gestoßen wird.

Der Eremit ist ein bigotter Dorfpfarrer, der Fürst ein geiler Schwächling, Max ein blinder Kriegsversehrter, Agathe eine verwirrte Person. Solche Konnotationen entdeckt man in lebendigen Gemälden, tableaux vivants, die Gürbaca und der Bühnenbildner Klaus Grünberg in schneller Folge hinter einem halbtransparenten Vorhang ablaufen lassen. Wahrscheinlich sind diese Bilder sogar echten historischen Schauergemälden nachempfunden, einmal erkennt sehr eindeutig "Die Erschießung der Aufständischen" von Goya.

Szenenbild im 3.Akt von Webers "Freischütz" am Essener Aalto-Theater

Szenenbild im 3.Akt von Webers "Freischütz", dem Gemälde "Die Erschießung der Aufständischen" von Francisco de Goya nachempfunden

Das Interessante an dieser Bühnenumsetzung ist, dass sie die Handlung außer Kraft setzt. Es geht nur noch um Schockeindrücke.

Auch vorher spart diese Inszenierung nicht mit bildlichen Assoziationen: Der Steinadler, den Max schießt, ist ein blutiges Stoffpaket vielleicht ein totes Kind. Max‘ Verlobte Agathe sieht man mit dem Bösewicht Caspar in sehnsüchtiger Geste. Dieser wiederum holt in der Wolfsschlucht die Freikugeln aus dem Bauch von Max, der am Ende sogar mit dem bösen Geist Samiel gleichgesetzt wird.

Das ist nur eine kleine Auswahl. Es herrscht kein Mangel an Quer- und Längsbezügen ins Psychologische und Historische, auch nicht an Umdeutungen, wenn Agathes Traumvision nicht vor dem Hausaltar, sondern vor aller Gesellschaft stattfindet, sie also als Wahnsinnige gezeigt wird. Und es fehlt auch nicht an Bearbeitungen namentlich der gesprochenen Dialoge.

Das alles kann man an den Personen, ihren Haltungen und ihren Kostümen (von Silke Willrett) ablesen. Es braucht also außer einem Rund aus angedeuteten Häusersilhouetten aus Schiefertafeln kein weiteres Bühnenbild.

Musikalisch blieb unklar, ob Tomáš Netopil mit seiner oft verhaltenden Tempowahl auf eine Art innere Spannung abzielen wollte. Andererseits, wenn er das Tempo anzog, klapperte es in den Fugen zwischen Bühne und Graben. Auch dass Jessica Muirhead als Agathe in "Leise, leise, fromme Weise" den schönen Klang ihrer Stimme zwar entfalten durfte, aber in der Phrasierung ganz allein gelassen wurde, hat viel mit dem Orchester zu. Oder Maximilian Schmitt als Max: verunsichert, bedroht, brüchig im Spiel aber auch in der Stimme. Das schien nicht nur eine Frage des Rollenkonzepts gewesen zu sein.

Heiko Trinsinger als Caspar war stimmlich präsent, sprach in klarster Diktion und gestaltete die Partie musikalisch zu einem überzeugenden Charakterbild, das Zwischentöne, große Emphase und weite Linien kannte. Der Bösewicht Caspar zog so die heimlichen Sympathien auf sich, was sogar in dieser Inszenierung angelegt schien.

Besuchte Vorstellung: 17.01.2019, Premiere: 08.12.2018 noch bis zum 07.06.2019

Besetzung:
Ottokar, böhmischer Fürst: Martijn Cornet
Kuno, Erbförster: Karel Martin Ludvik
Agathe, seine Tochter: Jessica Muirhead
Ännchen, eine junge Verwandte: Tamara Banješević
Kaspar, 1. Jägerbursche: Heiko Trinsinger
Max, 2. Jägerbursche: Maximilian Schmitt
Ein Eremit: Tijl Faveyts
Kilian, ein reicher Bauer: Albrecht Kludszuweit

Chor und Extrachor des Aalto-Theaters
Essener Philharmoniker

Musikalische Leitung: Tomáš Netopil
Inszenierung: Tatjana Gürbaca
Bühne und Licht: Klaus Grünberg
Kostüme: Silke Willrett
Choreinstudierung: Jens Bingert
Dramaturgie: Svenja Gottsmann

Stand: 18.01.2019, 13:50