01.12.2019 – Wagner, "Lohengrin" in Dortmund

01.12.2019 – Wagner, "Lohengrin" in Dortmund

Der zweite Aufzug von Wagners "Lohengrin" an der Dortmunder Oper hatte Festspielniveau. Das grüblerische, zugleich zerfurcht erregte, dunkle Vorspiel unter Dortmunds GMD Gabriel Feltz nahm die Intrige, das Gift des Zweifels, das in Elsas Herz gespritzt wird, vorweg. Zuvor lieferten sich Joachim Goltz als Telramund und Stéphanie Müther als Ortrud einen bissigen Ehestreit.

Sein Ausruf „Genossin meiner Schmach“ und "Mein Ruhm und Ehr‘ ist hin" klangen so bitter und so von innerer Widerständigkeit, dass man die psychischen Konflikte dieser Figur fast als Hauptthema der Oper erlebte. Und später ihr "Entweihte Götter! Helft jetzt meiner Rache!" hatte eine Schärfe und Unbedingtheit, die Stéphanie Müther viel mehr aus ihrer Stimme denn als ihrem Spiel zog. Schon dieser Stelle wurde klar, dass Elsas und Lohengrins Eheprojekt verloren ist. Vorläufig setzte Christina Nilsson als Elsa ihrer Widersacherin in einer Art Selbstsuggestion aber noch ein fiktives Lebenskonzept entgegen ("Du Ärmste kannst wohl nie ermessen, wie zweifellos ein Herze liebt?"). Nilsson sang die Elsa durchaus resolut, an anderer Stelle auch sanft nuanciert wie zuvor bei "Mein Schirm! Mein Engel! Mein Streiter!" im ersten Aufzug.

Christina Nilsson (Elsa von Brabant), Daniel Behle (Lohengrin)

Christina Nilsson (Elsa von Brabant), Daniel Behle (Lohengrin)

Dem resoluten, willensstarken Telramund von Joachim Goltz hatte Daniel Behle als jungenhafter Lohengrin wenig entgegenzusetzen. Bei seinem Lohengrin-Debüt formte er seine Schlussansprache "In fernem Land, unnahbar euren Schritten" und auch am Anfang sein "Nie sollst Du mich befragen" gesanglich wie zaudernder Don Ottavio, freilich äußerst kultiviert. Lohengrin aus dem Geist von Mozart zu singen, ist ein interessanter Ansatz, wenn man in Kauf nimmt, dass diese Figur wie in Dortmund nicht zum Helden sondern zum Problemfall mutiert.

Daran hat übrigens die Regie von Ingo Kerkhof den größten Anteil. Er schiebt den Lohengrin meist mit hängenden Armen über die schwarze Bühne und lässt ihn am Schluss resigniert in einen Stuhl sinken.

Kerkhof erzählt die Oper aus der Perspektive von Elsas Kindheitserinnerungen. Da gibt es regelmäßig ein überdimensionales Video, das sie als Kind mit ihrem verwunschenen Bruder Gottfried Suppe löffelnd zeigt. Der Hauptschauplatz auf der Dortmunder Bühne ist eine kleine Schlafstube, in der Elsa verängstigt hockt. In diese Privatsphäre dringen König Heinrich und die anderen ein - auch Lohengrin, als ob sie da nichts zu suchen hätten. Vollends entweiht wird dieses Zimmer, wenn Ortrud und Telramund sich dahin zurückziehen, um ihre Intrige zu spinnen und auch noch Sex haben.

Im ersten und dritten Aufzug werden die mächtigen, ausladenden Chöre - akustisch problematisch - von den Rängen gesungen. Die Sänger werden so zu Betrachtern wie wir. Im zweiten Aufzug wird der Chor dann zum Gesangsverein – allerdings nur optisch, denn auf einmal klingt der Chorsatz rund und durchhörbar. Aber wie sie da unbeholfen stehen, wirken sie auf Elsa und Lohengrin wie eine bedrohliche Masse.

Ingo Kerkhofs Privatsphären-"Lohengrin", der in einer Hochzeitsnacht der Nichtbegegnung zweiter Nichtliebender gipfelt – ist zwar mit Sorgfalt und Konsequenz inszeniert, lässt aber dann doch zu viele Leerstellen, als dass man unbeschadet darüber hinweg hören könnte, denn vor allem ist "Lohengrin"“ immer noch eine Choroper.

Premiere: 30.11.2019, noch bis 22.05.2020

Besetzung
Heinrich der Vogler: Shavleg Armasi
Lohengrin: Daniel Behle
Elsa von Brabant: Christina Nilsson
Friedrich von Telramund: Joachim Goltz
Ortrud: Stéphanie Müther
Heerrufer des Königs: Morgan Moody

Opernchor des Theater Dortmund
Dortmunder Philharmoniker

Musikalische Leitung: Gabriel Feltz
Inszenierung: Ingo Kerkhof
Bühne: Dirk Becker
Chor: Fabio Mancini
Kostüme: Jessica Rockstroh
Video: Philipp Ludwig Stangl
Licht: Florian Franzen, Ralph Jürgens
Dramaturgie: Laura Knoll

Stand: 01.12.2019, 12:25