Live hören
Plurale Erinnerungskultur in der Migrationsgesellschaft
Elisabeth Teige (Senta) und Chor der Bayreuther Festspiele, in: „Der Fliegende Holländer“ (2. Aufzug)

07.08.2022 – Wagner, „Der fliegende Holländer“ bei den Bayreuther Festspielen

Stand: 07.08.2022, 09:30 Uhr

Zur Zeit ist Oksana Lyniv mit dem ukrainischen Jugendorchester auf Tournee mit Konzerten in Bonn, Bayreuth, Berlin und anderswo. Das Orchester wurde 2016 auf ihre Initiative gegründet. Seit Beginn des Krieges kommt ihm die Rolle eines Botschafters der ukrainischen Kultur zu, und Oksana Lyniv gehört zu den denjenigen Künstlern, die in sozialen Medien und in Interviews vehement gegen den russischen Angriffskrieg Stellung bezogen haben. Von russischen Künstlern habe sie Zuspruch erfahren, was, wie man weiß, für diese oft nicht leicht ist angesichts drohender Repressionen. Dazu gehört auch der russische Regisseur Dmitri Tcherniakov, mit dem zusammen Oksana Lyniv die aktuelle Produktion des „Fliegenden Holländer“ bei den Bayreuther Festspielen verantwortet.

Russische Künstler würden bei den Festspielen, so die Leiterin Katharina Wagner, nicht „in Sippenhaft“ genommen, und so konnte am 6. August die Wiederaufnahme stattfinden, die letztes bei der Premiere vor allem deswegen für Aufsehen sorgte, weil zum ersten Mal eine Frau im Festspielhaus dirigierte, während ein russisch-ukrainisch-litauisches Künstlertrio (damals mit Asmik Grigorian in der Rolle als Senta) etwas völlig Normales war.

Asmik Grigorian wurde dieses Jahr durch die Norwegerin Elisabeth Teige ersetzt, die man an den Vortagen schon als Freia und Gutrune im „Ring des Nibelungen“ gehört hatte. In der Rolle der Senta aber hatte sie ihren großen Auftritt. Die berühmte Ballade ist ja ein Wechsel aus naturhaften Tönen - „Johohoe“ - und einer erzählenden Haltung. Bei den Naturlauten ließ Elisabeth Teige ihre Stimme alphornhaft durchdringend erklingen und wechselte dann unversehens in die emphatische Schilderung des Holländer-Mythos und machte so den doppelten Antrieb der Figur der Senta rein klanglich deutlich, eine Person, die einerseits aus innerem Trieb nicht anders kann, zum anderen aus rebellischem Kalkül handelt. Ein großartiges Rollendebüt bei den Festspielen.

Thomas J. Mayer hatte die Titelpartie bereits 2016 gesungen. In diesem Jahr gefiel er vor allem durch seine Bühnenpräsenz immer dort, wo es dramatisch zuging und durch sprachliche Klarheit. Allerdings war seine Tongebung in den zurückgenommenen Passagen etwas gaumig und undeutlich. Auch bei Eric Cutler gefiel die Stimmtönung nicht überall, was er aber durch eine schauspielerische Präsenz ausglich und die Figur des Erik als einen wirklich um Senta besorgten Gefährten zeigte. Georg Zeppenfeld, den man dieses Jahr in Bayreuth schon als Hundig, König Heinrich und als König Marke erlebte, war auch als Daland ein Muster an Beweglichkeit und Bühnenpräsenz, besonders bei „Mögst du, mein Kind, den fremden Mann willkommen heißen“, als er den Holländer mit Senta in einer Mischung aus Berechnung und Naivität zusammenbringt. Auch Attilio Glaser als Steuermann gab seiner Rolle ein schönes Profil am Anfang als trunkener selbstvergessener Wächter.

Oksana Lyniv leitete eine frische, von positiven Energien getragene Aufführung, bei der sich freilich so manche Koordinationsprobleme zwischen Bühne und Graben auftaten, insbesondere im Matrosenchor im dritten Aufzug, wo man hart am Schmiss vorbeisteuerte.

Dmtiri Tchernaikov deutet die Holländer-Sage als Trauma eines Kindes, das die Ausgrenzung seiner Mutter und ihren Selbstmord mitansehen muss, in das Dorf zurückkehrt und sich rächt, und zwar am Schluss durch das Abfeuern von Gewehrsalven und das Legen von Bränden. Senta ist ihm ein willkommenes Medium, und sie selbst sieht im Holländer eine Möglichkeit gegen ihre Umgebung zu rebellieren. Weil Tcherniakov handwerklich genau gearbeitet hat, wirkt seine Umdeutung der Oper szenisch plausibel und interessant, und man vermisst keine Segelschiffe und Choristen in Matrosenkleidung.

Premiere: 06.08.2022

Besetzung:
Daland: Georg Zeppenfeld
Senta: Elisabeth Teige
Erik: Eric Cutler
Mary: Nadine Weissmann
Der Steuermann: Attilio Glaser
Der Holländer: Thomas J. Mayer

Chor und Orchester der Bayreuther Festspiele

Musikalische Leitung: Oksana Lyniv
Regie und Bühne: Dmitri Tcherniakov
Kostüm: Elena Zaytseva
Licht: Gleb Filshtinsky
Dramaturgie: Tatiana Werestchagina
Chorleitung: Eberhard Friedrich