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17.02.2019 – Anno Schreier, "Schade, dass sie eine Hure war" in Düsseldorf

Lavinia Dames als Annabella und Jussi Myllys als Giovanni in "Schade, dass sie eine Hure war" von Anno Schreier

17.02.2019 – Anno Schreier, "Schade, dass sie eine Hure war" in Düsseldorf

Man kann von John Fords Drama „Schade, dass sie eine Hure war“ aus dem Jahre 1633 halten, was man will: vielleicht ist es mittelmäßiges Versatzstück aus Shakespeare-Szenen mit inzestuöser Liebe, drallen Kampfsituationen und komödiantischen Einlagen. vielleicht, wie neulich in Wiesbaden, eine bizarre Collage amoralischer, triebgesteuerter Handlungen in einem Nachtclub sehen. Was es aber wahrscheinlich wirklich nicht ist: eine Vorlage zu einer Pappmaché-Oper, wie sie der Komponist Anno Schreier und die Librettistin Kerstin Maria Pöhler jetzt für die Düsseldorfer Rheinoper geschrieben haben.

Der Plot in Kurzform: Die Zwillinge Giovanni und Annabella lieben sich. Ein Mönch warnt vor dem sündigen Tun. Sie wird schwanger und muss Soranzo, einen ihrer zahlreichen Verehrer, heiraten. In einer letzten Begegnung reißt Giovanni ihr das Herz aus dem Leib und präsentiert es der Hochzeitsgesellschaft. Am Ende sind alle tot, vergiftet durch Verwechslung, gemordet, gefoltert oder durch eigenen Entschluss.

Dass das lustig ist, wird man beim besten Willen nicht sagen können. Es sei denn man fertigt daraus wie Anno Schreier Abgüsse typischer Opernsituationen. Um nur drei zu nennen: Der Freier Bergetto mit barocker Allongeperücke singt ein Ständchen, begleitet von einer schräg spielenden italienischen Banda, wie einst Graf Almaviva seiner Rosina in Rossinis „Barbier von Sevilla“. Annabella sagt hundert Mal in echt opernhaftem Pathos „Erlöse mich“, bevor Giovanni sie endlich tötet. Soranzo jammert zu einem Englischhorn-Solo wie Tristan im 3.Akt die banalen Worte „Liebe wird nur selten erhört“. Später, als er sich Annabella fast schon verbunden glaubt, tönt es im Orchester wie in der Schlussszene von Strauss‘ Arabella zu den Worten: „Voller Glück nähere ich meiner schönen Braut“. Man könnte mit dem Katalog fortfahren: Puccini, Verdi, Carl Maria von Weber werden bemüht und selbst Kurt Weill bei der komischen Figur der Amme. Der Reiz besteht tatsächlich darin, den Opernmonteur Anno Schreier in seiner Geschicklichkeit zu bestaunen. Hier und da gibt es auch Brechungen, wenn zum Strauss‘schen Pathos sich Kratzklänge des Orchesters gesellen. Es ist auch nicht so, dass Schreier, der es nicht ein einziges Mal nötig hat, notengetreu zu zitieren, seine Stilkopien breitwalzt. Manchmal klingen sie nur sekundenweise auf. Und der Dirigent Lukas Beikircher hat diese Musik wirklich mit Liebe zum Detail aufgedröselt.

Wer aber keinen Spaß an diesem musikalischen Setzkasten hat, muss mit einer Ansammlung standardisierter Theaterszenen vorlieb nehmen. Denn zu einem dramatischen Sinn fügt sich das Ganze nicht. Das Schaurige wird zur Klamotte und die Emotion zum Psychokitsch, was vielleicht auch komisch gemeint ist. Dementsprechend haben David Hermann und die Ausstatter Jo Schramm und Michaela Barth eine Reihe bunte Tableaus erfunden. Einen kindertheatermäßigen Fliegenpilz, wohl als erotisches Symbol des Inszestpaars gedacht, barocke oder Mantel-und Degen-Kostüme, einen modernen weißen Salon, eine Wildwestkutsche ohne Pferd und einen liebevoll ausgestalteten Platz für die Hochzeitsgesellschaft.

Zwölf Solisten werden aufgeboten. Sie alle imitieren geschickt die ihnen zugedachten Opernklischees. Besonders komisch agiert dabei Florian Simson als Freier Bergetto, der als barocker Lüstling auch aus seinem frühen Tod in der Mitte des Stücks noch eine exaltierte Szene macht.

Uraufführung: 16.02.2019, noch am 23.02., 27.02., 08.03., 10.03. und 17.03.2019


Besetzung:
Annabella: Lavinia Dames
Giovanni: Jussi Myllys
Florio: Günes Gürle
Mönch: Bogdan Talos
Soranzo: Richard Šveda
Grimaldi: Sergej Khomov
Bergetto: Florian Simson
Richardetto: David Jerusalem
Hippolita: Sarah Ferede
Philotis: Paula Iancic
Vasquez: Sami Luttinen
Putana: Susan Maclean

Chor der Deutschen Oper am Rhein
Düsseldorfer Symphoniker

Musikalische Leitung: Lukas Beikircher
Inszenierung: David Hermann
Bühne: Jo Schramm
Kostüme: Michaela Barth
Licht: Tobias Löffler
Chorleitung: Patrick Francis Chestnut
Dramaturgie: Hella Bartnig

Stand: 17.02.2019, 13:50