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31.01.2020 – Alessandro Scarlatti, "Kain und Abel" in Essen

Xavier Sabata (Gott), Bettina Ranch (Kain) (vorne); Baurzhan Anderzhanov (Teufel) (hinten); Essener Philharmoniker

31.01.2020 – Alessandro Scarlatti, "Kain und Abel" in Essen

Die biblische Genesis und der Sündenfall des Menschen, Abels Tod als vorweggenommene Kreuzigung Christi, Kains Verschonung durch Gott als Symbol auf die Pflicht zur Buße, das sind die großen Themen in Alessandro Scarlattis Oratorium "Cain overo il primo omicidio", von dem Librettisten und Kardinal Ottoboni in schöne barocke italienische Verse gekleidet. Dietrich W. Hilsdorf hat dieses Stück für die Bühne des Essener Aalto Theaters inszeniert, seine 20. Inszenierung für dieses Haus, und Rubén Dubrovsky hat es dirigiert. Da staunte man nicht schlecht, als sich der eiserne Vorhang senkte und vor einem ein veritables Barockorchester saß, gebildet aus den Mitgliedern der Essener Philharmoniker, die so geschmeidig, zupackend und rhetorisch spielten wie ein echtes Originalklang-Orchester.

Hilsdorf kennt natürlich die christlich-mythologischen Zusammenhänge. Am Schluss der fast zweieinhalbstündigen, ohne Pause durchlaufenden Aufführung nagelt Luzifer ein Kruzifix an die Wand, während Adam etwas verklausuliert von einem kommenden Erlöser singt.

Ihn interessiert aber die Familienaufstellung dieser ersten Menschen, die er in guter psychologischer Manier analysiert. In dem von Dieter Richter gebauten barocken Festsaal, in dem auch das Orchester nur ganz leicht abgesenkt seinen Platz findet, versammeln sich Adam und Eva und die beiden Söhne Kain und Abel. Und dann sind da noch Gott und der Teufel. Eventuell sind das drei Generationen, vielleicht sind Gott und Luzifer aber auch nur intrigante Drahtzieher. Gott, den Xavier Sabata mit durchdringender, aggressiver Counterstimme singt, ist auf jeden Fall ein Sadist, der Lust hat, den zum Mörder gewordenen Bruder zu quälen. Dieser wurde von Luzifer angestachelt, dem es nicht um Gehorsam geht, sondern um Selbstbestimmung und Emanzipation des Menschen. Baurzhan Anderzhanov tritt erst als Transvestit auf und bewegt sich schauspielerisch gekonnt in verführerischer weiblicher Laszivität. Dazu tönt sein geschmeidiger Bariton. Später wird ihm von Gott seine Kleidung vom Leib gerissen, und dann sieht er aus wie der Mephisto von Gustaf Gründgens.

Dmitry Ivanchey und Tamara Banješević als Adam und Eva stellen mit stilsicheren Gesang ein soigniertes adliges Barockpaar dar. Aber in dem langen Duett, in dem sie den Schmerz über den Verlust beider Söhne beklagen, verlieren sie ihre Haltung, bewegen sich in Zeitlupe auf einem Steg nach vorn und wirken wie traumatisierte Menschen. Ihre Kostüme haben sich unmerklich von lila nach grau gewandelt. Zudem ist Eva längst wieder schwanger und trägt schwer an der Last.

Abel, der jüngere Bruder, wird von dem Sopranisten Philipp Mathmann in irritierend schöner, glockenreiner Naivität gesungen und Kain von der Mezzosopranistin Bettina Ranch mit kräftigem fast männlichem Impetus.

Hilsdorf versteht es, die kontemplativen Längen des Stücks ohne Hektik und Aktionismus zu inszenieren. In der langen Riposo-Szene mit den Brüdern unmittelbar vor dem Mord entfaltet sich ein musikalisches Idyll, während auf der Bühne gar nicht viel passiert außer einer noch gefühlvollen, sanften körperlichen Begegnung der Brüder. Und er Mord passiert eigentlich nur im Kopf von Kain.

Später aber sitzt ein blutüberströmter Abel am Tisch als starre Leiche, die ein irr gewordene Eva wiederzubeleben versucht.

Das alles hat mit der großen christologischen Vergegenwärtigung nicht viel zu tun, aber vielleicht doch, indem man ahnt, dass die Menschen, auch indem sie nur da sind, schon immer getrieben sind, selbst wenn sie sich nicht in Alltagsdiskursen verhaspeln, sondern auch im Zustand der singenden, fast kontemplativen Äußerung.

Und hier greifen in der Essener Inszenierung die optisch direkt zum Bühnengeschehen gehörenden Musiker ein, mit den vielen Solostellen der Blockflöten, dem Fagott, der Orgel im Schnarrregister und der Violine, bis hin zu dem schönen Einfall, dass an einer Stelle der Sänger des Adam für eine Phrase die Solovioline selbst spielt.

Premiere: 25.01.2020, besuchte Vorstellung: 30.01.2020, noch bis zum 03.05.2020

Besetzung:
Kain: Bettina Ranch
Abel: Philipp Mathmann
Eva: Tamara Banješević
Adam: Dmitry Ivanchey
Gott: Xavier Sabata
Teufel: Baurzhan Anderzhanov

Essener Philharmoniker
Cembalo, Orgel: Felix Schönherr
Laute: Andreas Nachtsheim

Musikalische Leitung: Rubén Dubrovsky
Inszenierung: Dietrich W. Hilsdorf
Bühne: Dieter Richter
Kostüme: Nicola Reichert
Dramaturgie: Christian Schröder

Stand: 31.01.2020, 12:25