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14.04.2019 – Prokofjew, "Die Verlobung im Kloster" an der Staatsoper Berlin

Prokofjew, "Die Verlobung im Kloster", 3. Akt

14.04.2019 – Prokofjew, "Die Verlobung im Kloster" an der Staatsoper Berlin

Prokofjews Oper „Die Verlobung im Koster“ ist eine Komödie, wie sie im Buche steht. Die Vorlage stammt von dem irischen Dramatiker Sheridan und wurde schon bei seiner Premiere am Covent Garden 1775 mit Musik gespielt: ein Vater will seine Tochter Lucia an einen reichen jüdischen Fischhändler verheiraten. Die liebt aber den armen Antonio, ihre Anstandsdame nimmt stattdessen den Fischhändler, und Lucias Bruder hat es auf Clara abgesehen, ist aber schrecklich eifersüchtig. Bis am Ende drei Brautpaare getraut werden, dauert es drei Stunden und bedarf vieler Täuschungen und Verwechslungen.

Im Vergleich zu dem grellen und grotesken Frühwerk "Die Liebe zu den drei Orangen" ist Prokofjew später 1940 in der "Verlobung im Kloster“ ausführlicher, vertont extrem genau und mit Lust zum Detail. Neben dem Komischen gibt es Platz für das Lyrische, für Betrachtung und Emotion.

Aber nicht als Anhäufung von schwärmerischen Melodien. Meistens hört man ein Parlando wie in einer Sprechkomödie. Prokofjew zeigt dort seine Meisterschaft des feinen Instrumentierens und musikalischen Kommentierens: mal ein kleiner Trommelschlag, ein kurzes Hin- und her der Klarinetten, gefolgt von nervösem Flackern der Holzbläser unter das sich die Trompete mischt. Die Musik ist in ähnlicher Weise humorvoll wie das Stück selbst. Es ist eine Art in die Instrumente hinein verlängerte Sprachmusik, wie man sie heutzutage vielleicht bei György Kurtág in seiner Beckett-Oper „Fin des partie“ erlebt.

Arien gibt es natürlich auch. Sie strömen immer in einem leichten Als-ob-Tonfall. Zu Antonios erstem Auftritt klingen im dumpfen Orchester wie von fern Balalaika-Tremolos und leere Gitarrensaiten, dazu ein echter Schmalztenor in imitierter Tschaikowsky-Melodik – aber nur eine kurze Strophe lang.

Oder das Liebesduett zwischen Antonio und Luisa im 3. Akt, in das sich der alternde Don Carlos resignierend einstimmt und später auch der Fischhändler Mendoza. Die leichten gestoßenen und angestrichenen Orchestertöne sind wie eine tickende Uhr aber dann dafür doch wieder zu sacht, jedenfalls im herrlichen Kontrast den weitgeschwungenen madrigalartigen Gesangslinien, die sich bald zum Unisono aller Stimmen vereinigen wie in einem sakralen Gesang und sich danach wieder vereinzeln und entschweben. Das ist zauberisch, lyrisch und zugleich heiter.

Daniel Barenboim und seiner Staatskapelle merkt man diese Lust zum Detail an, zum unermüdlichen musikalischen Kommentieren und auch zum Auszieren dessen, was auf der Bühne stattfindet. Dazu ein herausragendes Sängerensemble, aus dem vielleicht Stephan Rügamer als Vater Don Jerome, weil er am meisten zu spielen und zu singen hat, noch ein bisschen hervorsticht. Dass diese ja doch komplizierte Komödie nicht ermüdend wirkt, liegt eben daran, dass sich der musikalische Mitteilungsdrang Prokofjews erst auf die Musiker und dann auf die Zuhörer überträgt in einer Weise, wie man es selten erlebt.

Der Regisseur Dmitri Tcherniakov stimuliert - ähnlich wie Barenboim die Zuhörer - die Phantasie der Zuschauer. Man blickt in einen quaderförmigen grell-beigen Raum mit drei Türen, in dem einige Stuhlreihen aus dem Parkett der Staatsoper durcheinander stehen. Dort versammelt sich, wie es heißt, eine Gruppe "anonymer Opernabhängiger" zu einer Therapiesitzung, um von ihrer Sucht loszukommen. Zu diesem Zweck spielen sie die Szenen aus Prokofjews Oper, ohne jeden bildlichen übergeordneten Zusammenhang. Es gibt keine Auftritte oder Abgänge, alle sehen immer alles, ob Ferdinand sich unbeholfen seiner Clara nähert, die Duenna mit dem Fischhändler anbändelt oder Clara ihr Schicksal als künftige Nonne beklagt. Und alles wird auch immer gleich mimisch von den anderen kommentiert. Es ist ein Spiel als eine Art reinigende Befreiung, je genauer, je glaubwürdiger in der Rolle, desto wirkungsvoller.

Der tiefere Sinn dieser Aktionen liegt aber eigentlich gar nicht in der von Tcherniakov hinzu gedachten Metaebene, sondern schlicht darin, das komplizierte Szenario der Oper (drei Paare in Verkleidung, täuschende Frauen, eingeweihte und nicht eigeweihte Männer und ein verschlungener Weg, um am Ende alles zu ordnen) für den Zuschauer beim bloßen Betrachten der Figuren nachvollziehbar zu machen, eben dadurch, wie gespielt wird.

Das ist Theater pur, das Tcherniakov noch zusätzlich anreichert, indem er die Mönchszene im vierten Akt gleich auch noch von den acht Protagonisten spielen lässt und das Ganze in einen fast orgiastisch wilden Exzess und drei Hochzeiten münden lässt. Aber selbst da weiß man noch, worum es geht. Dann fällt der Vorhang und der Kenner des Stücks fragt sich, warum da gekürzt wurde. Die ersten verlassen bereits den Saal. Plötzlich geht es weiter, und zwar mit dem eigentlichen Schluss der Oper, der Entwirrung aller Knoten vor den Augen des Vaters Don Jerome. Auch dieses doppelte Ende ist nicht unklug, denn Tcherniakov hat natürlich bemerkt, dass Stück mit den drei Hochzeiten eigentlich zu Ende und der Rest hölzern wirken kann. Aber auch dazu lässt er sich etwas einfallen: Don Jeromes Gäste treten in den schönsten klassischen Kostümen der wichtigen Opernfiguren aller Zeiten auf, von Brünnhilde bis Otello, von Mélisande bis Agathe, vom Vogelfänger bis zum Falstaff. Die Opernabhängigen sind geheilt oder erneut ihrer Sucht verfallen.

Premiere: 13.03.2019, noch am 17. und 22.04.2019 und wieder ab Dezember 2019

Besetzung:
Don Jerome: Stephan Rügamer
Don Ferdinand: Andrey Zhilikhovsky
Luisa: Aida Garifullina
Die Duenna: Violeta Urmana
Don Antonio: Bogdan Volkov
Clara D'Almanza: Anna Goryachova
Mendoza: Goran Jurić
Don Carlos: Lauri Vasar
Moderator: Maxim Paster

Staatsopernchor
Staatskapelle Berlin

Musikalische Leitung: Daniel Barenboim
Inszenierung, Bühnenbild: Dmitri Tcherniakov
Kostüme: Elena Zaytseva
Licht: Gleb Filshtinsky
Videodesign: Alexey Poluboyarinov
Einstudierung Chor: Martin Wright
Dramaturgie: Jana Beckmann, Detlef Giese

Stand: 14.04.2019, 13:50