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25.04.2019 – Hèctor Parra/ Händl Klaus, „Les Bienveillantes“ in Antwerpen

25.04.2019 – Hèctor Parra/ Händl Klaus, „Les Bienveillantes“ in Antwerpen

Welch ein monströses Unterfangen zum Abschluss der 10jährigen Intendanz von Aviel Cahn an der flämischen Oper, den Librettisten Händl Klaus und den Komponisten Hèctor Parra damit zu beauftragen, den 1000-Seiten Roman „Les Bienviellantes“ von Jonathan Littell zu einer Oper zu machen. Dieses Buch, das bei seinem Erscheinen 2006 heftige Reaktionen auslöste, schildert die Nazigreuel aus der Täterperspektive des Maximilian Aue, der sich als SS-Scherge verdungen hatte und nach dem Krieg in Frankreich als Spitzenfabrikant lebte.

Da wird kein Schauplatz ausgelassen, das Vernichtungslager Auschwitz nicht, das Massaker von Babi Jar, die Schlacht von Stalingrad, der Führerbunker. Aue ist ein kultivierter Mann, der Bach liebt, eine inzestuöse Beziehung zu seiner Schwester Uno lebt und seinen Stiefvater und die verhasste Mutter tötet wie Orest. Der Roman ist gegliedert wie die Sätze einer barocken Suite: Toccata, Allemande, Courante usw.

Es stellen sich Fragen über Fragen auf dem Weg vom Roman zur Oper: darf der Holocaust zum Gegenstand einer fiktionalen Erzählung werden, darf er gar in Musik gesetzt werden. Adorno sagte ja: Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben ist barbarisch“. Können Nazis kultivierte Menschen sein, ist es überhaupt statthaft, die Täterperspektive einzunehmen, was immerhin Primo Levi für möglich hielt.

Dem Librettisten Händl Klaus darf man attestieren, dass er den Roman, dem manche – bei aller Detailtiefe - auch eine Art pornographische Geschwätzigkeit attestierten, durch seine lakonische und doch bilderreiche - meist deutsche - Sprache in ein echtes Gedicht umgewandelt hat, das Raum für Erschütterungen, Ekel, Empathie, Empörungen lässt und dem Komponisten alle Möglichkeiten bietet.

Sarabande, aus: “Les Bienveillantes” von Hèctor Parra und Händl Klaus

Sarabande, aus: “Les Bienveillantes” von Hèctor Parra und Händl Klaus

Die hat Hèctor Parra dankbar aufgegriffen und gleich noch seine Faszination für Bach auskomponiert. Der ganzen Oper sei die Struktur der Johannes-Passion unterlegt, und natürlich habe er sich auf die Tanzsatzcharaktere der Roman-Suite bezogen. Das hört man manchmal, wenn der Tonsatz klingt wie ein Chor aus der Passion oder ganz eklatant, wenn auf einem vom Schnürboden heruntergelassen Klavier eine Sarabande gespielt wird und Aue sich dabei seinen Elternmord vergegenwärtigt. Wichtiger als solche Stilanleihen, die Parra nie plakativ einbaut -  da gibt es auch noch Alban Berg, Bruckner, Schostakowitsch und anderes - ist die Struktur, die in ihrem Wechsel aus Ensembles, Rezitationen, Dialogen und Chören wie eine Passion aufgebaut ist. Tatsächlich ist „Les Bienveillantes“ mehr Oratorium als Oper.

Die Musik von Parra gewinnt ihren Ausdruck vom Klang her, nicht aus der Melodie, dem Rhythmus oder der Harmonie: Reliefartige Flächen in hoher Lage als Quasi-Ouvertüre, dumpfes Grollen, wo Aue seinen orgiastischen Traum erlebt, das sich bis zum pulsierenden Stampfen wandelt, wenn auf der Bühne ein allgemeines Kopulieren zu sehen ist. Im Vokalstil strebt er größtmögliche Verständlichkeit und komponiert immer ganze Verse.

Die ganze Unternehmung ist von großer Ernsthaftigkeit und dramaturgischer Umsicht geprägt, zu der auch der Uraufführungsdirigent Peter Rundel Wesentliches beitrug und der Regisseur Calixto Bieito. Da gibt es keine historischen Schauplätze, keine Uniformen und Hakenkreuze zu sehen, nur einen kahlen, weißen Raum mit Schreibtisch. Bewegung entsteht durch die Menschen, die sich hin und herschieben, Täter neben Opfern und als zentrales Motive eine Frau, die laut Libretto sexuell gequält wird, bei Bieito zwar nackt, aber würdevoll dasteht. Erst in dem mit "Air" bezeichneten Teil, in dem Aue sich seinen sexuellen Phantasien hingibt, besudeln sich alle auf der Bühne mit schlammartiger Farbe und treten derart verunreinigt auch zum Schlussapplaus auf.

Trotzdem werden es dreieinhalb ermüdende, sehr lange Stunden, von denen der Tenor Peter Tantsits als Max Aue allein zwei mit staunenswerter Kondition und Gedächtnisleistung bestreitet und damit wohl die längste Tenorpartie der Musikgeschichte.

Uraufführung: 24.04.2019, in Antwerpen noch bis zum 02.05.2019 und in Gent vom 12. bis zum 18.05.2019

Besetzung:
Maximilian Aue: Peter Tantsits
Una Moreau, Schwester: Rachel Harnisch
Héloïse Aue, Mutter: Natascha Petrinsky
Aristide Moreau: David Alegret
Dr. Mandelbrod/Grafhorst/Kaltenbrunner: Gianluca Zampieri
Thomas Hauser :Günter Papendell
Kommissar Clemens/Hafner/Hauptmann 1 :Michael J. Scott
Kommissar Weser/Hartl/Ober/Bierkamp/Hauptmann 2: Donald Thomson
Blobel/Hohenegg/Organist: Claudio Otelli
Quartett: Hanne Roos, Maria Fiselier, Denzil Delaere, Kris Belligh

Symphonisches Orchester der Opera Vlaanderen
Chor der Opera Vlaanderen

Musikalische Leitung: Peter Rundel
Inszenierung: Calixto Bieito
Bühne: Rebecca Ringst
Kostüme: Ingo Krügler
Licht: Michael Bauer
Dramaturgie: Luc Joosten
Chor: Jan Schweiger

Stand: 25.04.2019, 13:50