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14.12.2018 – Jacques Offenbach, "Barkouf ou un chien au pouvoir" in Straßburg

14.12.2018 – Jacques Offenbach, "Barkouf ou un chien au pouvoir" in Straßburg

Die Geschichte hat Witz und anarchisches Potenzial. Ein Hund namens Barkouf übernimmt die Macht im orientalischen Lahore. Barkouf als Gouverneur einzusetzen, war eine Laune des Großmoguls, der es leid war, dass das Volk binnen eines Jahres 10 Gouverneure aus dem Fenster geworfen hat. Dieser Hund erweist sich als wohltätiger Herrscher, erlässt Steuern und begnadigt Rebellen, allen voran Xaïloum, den Schwarm der Blumenverkäuferin Balkis.

Logo des Jacques Offenbach-Jahr 2019

Ihre Freundin Maïma beklagt den Verlust ihres Geliebte Saëb und ihres geliebten Hunds. Der ist natürlich kein anderer als Barkouf, und sie ist die einzige, die seine Befehle dolmetschen kann. Saëb wird vom Großwesir Bababeck erpresst, damit er seine unattraktive Tochter Périzade heiratet. Das weiß Maïma natürlich zu verhindern. Die Palastchargen planen einen Komplott gegen Barkouf, dieser aber kämpft heldenhaft gegen die Tataren und fällt. Saëb wird neuer Gouverneur.

Das Libretto stammt von Eugène Scribe, die Musik von Jacques Offenbach, seinem ersten Beitrag für die Pariser Opéra comique zu Weihnachten 1860, zwei Jahre nach dem Triumph von "Orpheus in der Unterwelt" an seinem eigenen Theater Bouffes-Parisiens. Das Stück fiel durch. Ein Grund mag gewesen sein, dass die Geschichte, entschärft durch Vorgaben der Zensur, allzu brav daher kommt im revolutionsverwöhnten Frankreich.

Die Harmlosigkeit konnte auch die Produktion der Straßburger Opéra du Rhin nicht ganz abstreifen, wo das Stück nach fast 160 Jahren zum ersten Mal wieder zu erleben war und im September nach Offenbachs Vaterstadt Köln kommt, als deutsch-französische Koproduktion im Offenbachjahr 2019.

Pauline Texier als Maïma und Rodolphe Briand als Bababeck in "Barkouf" von Jacques Offenbach in Straßburg

Pauline Texier als Maïma und Rodolphe Briand als Bababeck in "Barkouf" von Jacques Offenbach in Straßburg

Harmlos, weil die Geschichte sich recht umständlich und dialoglastig entfaltet und sich mehr auf das kokett-listige Gebaren der Hundeversteherin Maïma konzentriert als auf den politischen Witz und der Großwesir sich nur ärgert, dass seine ganzen Listen, in denen unliebsame Untertanen geführt werden, Makulatur werden. Die werden im zweiten und dritten Akt durch ein Aktenmagazin von kafkaesken Ausmaßen symbolisiert, geschaffen von der Bühnenbildnerin Julia Hansen. Darin inszeniert Mariame Clément vordergründig operettenhaft, aber bedacht auf Spielwitz mit gelegentlichen Anspielungen, wenn die Palasthüter bei Ihrem Komplott Masken französischer Politiker tragen, angeführt von Macron, die Marktszene am Anfang sozialistisch verordnete Fröhlichkeit ausstrahlt oder Barkouf als davon wedelnder Zwergpudel von der Bühne huscht.

Bleibt die Musik von Offenbach unter Leitung von Jacques Lacombe und einem sängerisch und darstellerische sehr präsentem Ensemble, bestehend aus gleich vier Tenören, zwei Soubretten, einem Mezzo und einem Bariton.

Zu entdecken sind dabei erstaunlich moderne Ensembleszenen, etwa das Duett zwischen dem Großwesir und Maïma, in dem Rodolphe Briand als agiler Tenorbuffo und die zwitschernde Pauline Texier. minutenlang quasi dadaistisch ("Comprends-tu" – "Je comprends bien") über ihr Amt als Hundeversteherin debattieren und sie sich dann in jauchzenden Koloraturen wie später die Olympia ergeht.

Verblüffend modern ist auch die arglos als Trinklied bezeichnete Nummer, in der eben dieser Großwesir genötigt wird, den von ihm für Barkouf angerichteten Giftcocktail selbst zu trinken: "Buvez donc", und das in einem musikalischen Hin und Her so lang herauszögern kann, bis es endlich darum geht, doch lieber die Stadt gegen die Tataren zu verteidigen.

In solchen Musiknummern zeigt sich mehr Witz und Sarkasmus als in dem szenischen Arrangement selbst.

Übrigens gibt es in einem Dorf in Minnesota tatsächlich einen Hund als Bürgermeister, der zum dritten Mal wiedergewählt wurde.

Premiere: 07.12.2018, noch am 17., 19. und 23.12.2018, am 9. und 8. 01.2019 in Mulhouse und in der nächsten Spielzeit an der Oper Köln

Besetzung:
Bababeck, Großwesir: Rodolphe Briand
Der Großmogul: Nicolas Cavallier
Saëb, Offizier: Patrick Kabongo
Kaliboul, Eunuch: Loïc Félix
Xaïloum, Geliebter der Balkis: Stefan Sbonnik
Maïma, junges Blumenmädchen: Pauline Texier
Balkis, Orangenhändlerin: Fleur Barron
Périzade, Tochter von Bababeck: Anaïs Yvoz

Chœurs de l'Opéra national du Rhin
Orchestre symphonique de Mulhouse

Musikalische Leitung: Jacques Lacombe
Regie: Mariame Clément
Bühne und Kostüme: Julia Hansen
Licht: Philippe Berthomé
Neue Dialoge: Mariame Clément, Jean-Luc Vincent
Choreographie: Mathieu Guilhaumon

Stand: 14.12.2018, 13:50