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Jetzt läuft: Trio Es-Dur, KV 498 von Mozart, Wolfgang Amadeus

16.08.2018 – Mozart, "Die Zauberflöte" bei den Salzburger Festspielen

16.08.2018 – Mozart, "Die Zauberflöte" bei den Salzburger Festspielen

Wer mit den gesprochenen Dialogen wie im "Freischütz" oder in der "Zauberflöte" nichts anfangen kann, sollte sich vielleicht eine andere Oper suchen. Sie gehören nun einmal zur Gattung. Die Texte sind meist besser, als man sie von Sängern vorgetragen hört. Das glauben Lydia Steier und ihre Dramaturgin Ina Karr aber nicht und haben für die neue Salzburger "Zauberflöte" einen Märchenonkel erfunden, der den Drei Knaben die Geschichte erzählt, in die sie dann selbst eintreten und mitspielen. Mit einem dicken Lesebuch in der Hand führt Klaus Maria Brandauer dezent durch das Geschehen. Aber hätte es das gebraucht? Ja, denn diese Figur ist das Vehikel für die dramaturgischen Ideen von Steier und Karr.

Die "Zauberflöte" findet bei ihnen in einem großbürgerlichen Haus in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg statt, das sich dem Zuschauer wie eine riesige Puppenstube präsentiert. Später wandelt sich die Szene in einen Zirkus, in dem es allerlei zu bestaunen gibt: Artisten, Tierbändiger, Jongleure und Messerwerfer, die die arme Pamina, die sie in ein Clownskostüm gezwängt haben, bedrängen. Das ist der Weisheitstempel des Sarastro, der als Zauberer und Zirkusdirektor die Fäden zieht. Das ganze Arrangement ist im Stil des frühen 20. Jahrhunderts von Katharina Schlimpf und Ursula Kudrna aufwändig nachgebildet.

„Die Zauberflöte“ als Zirkus bei den Salzburger Festspielen

„Die Zauberflöte“ als Zirkus bei den Salzburger Festspielen

Die Prüfungen, durch die Tamino und Pamina gehen müssen, erweisen sich als existenzielle Erfahrungen der Vorkriegszeit, bis sie bei der Feuer- und Wasser-Prüfung grauenhaften Weltkriegsbildern aussetzt werden. Dann haben sich die skurrilen Zirkusmenschen in Kriegsschergen verwandelt und erschießen Monostatos und die Drei Damen standrechtlich. Damit das alles szenisch nicht auseinanderfliegt, braucht es eben den Märchenonkel, denn es ist ja doch nur eine Geschichte oder ein böser Traum, den die Drei Knaben erleben.

Es bleibt aber eine willkürliche dramaturgische Setzung, die im Programmbuch angestrengt begründet wird. Die amerikanische Regisseurin ist da wohl auf ein Comic von 1905 "Little Nemo in Slumberland" gestoßen. Man hätte genauso gut "Alice in Wonderland" nehmen können.

Von dieser kruden Dramaturgie abgesehen, setzt Lydia Steier die einzelnen Situationen virtuos in Szene. Der keck auftrumpfende, aber liebesbedürftige Monostatos bedrängt Pamina fast bis zur Vergewaltigung, Sarastro will ihr mit "In diesen heil’gen Hallen" die Weisheitslehren beibringen, was sie aber nur tief verunsichert. Der stets etwas militärisch steif geführte Tamino erlebt den Zirkus nicht als Glitzerwelt, sondern als fremdartig und bedrohlich. Die Königin der Nacht wird grell wie eine Statue aus Eis ausgeleuchtet, und Papageno ist kein Vogelfänger, sondern der Sohn des Fleischers. Alles ist gekonnt geführt und bebildert, auch wie die drei Knaben sich die ganze Zeit spielerisch einbringen, überhaupt nicht plump und kindertheatermäßig.

Leider ist der Abend eine musikalische Katastrophe. Constantinos Carydis behindert durch seine ständigen Tempowechsel - mal schleppend langsam und pumpend, mal rasant verwaschen, dass niemand mehr mitkommt - die Sänger. Da ist es schon bewunderungswürdig, wie Christiane Karg, bei ihrer Arie "Ach ich fühl’s" noch von Carydis eingezwängt, sich später bei "Ich werde allerorten an deiner Seite sein" musikalisch befreit. Adam Plachetka als Papageno, der ja nun wirklich viel zu singen hat, muss seinen Part die ganze Zeit als eine Plappermusik abliefern, Mauro Peter als Tamino wirkt angestrengt, und Matthias Goernes grummeliger, gaumiger Bariton ist nun wirklich kein Sarastro. Die Königin der Nacht, Albina Shagimuratova, tritt bei ihrer ersten Arie in der Mitte plötzlich auf die Bremse und buchstabiert ihre Koloraturen, aus Verlegenheit oder weil der Dirigent sie dazu nötigte, obwohl sie sonst über alles verfügt, was die Partie verlangt.

Premiere: 27.07.2018, besuchte Vorstellung: 15.08.2018, noch am 24. und 30.08.2018

Besetzung:

Sarastro: Matthias Goerne
Tamino: Mauro Peter
Die Königin der Nacht: Albina Shagimuratova
Pamina: Christiane Karg
Drei Damen: Ilse Eerens, Paula Murrihy, Geneviève King
Papageno: Adam Plachetka
Papagena: Maria Nazarova
Monostatos: Michael Porter
Erster Priester: Tareq Nazmi
Zweiter Priester: Simon Bode
Alte Papagena: Birgit Linauer
Großvater: Klaus Maria Brandauer
Drei Knaben: Wiener Sängerknaben,

Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor
Wiener Philharmoniker

Musikalische Leitung: Constantinos Carydis
Choreinstudierung: Ernst Raffelsberger
Regie: Lydia Steier
Bühne: Katharina Schlipf
Kostüme: Ursula Kudrna
Licht: Olaf Freese
Video: fettFilm
Dramaturgie: Ina Karr

Stand: 16.08.2018, 13:50