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19.08.2018 – Claudio Monteverdi, „L‘incoronazione di Poppea“ bei den Salzburger Festspielen

2. Akt von Monteverdis „L’incoronazione di Poppea“ bei den Salzburger Festspielen

19.08.2018 – Claudio Monteverdi, „L‘incoronazione di Poppea“ bei den Salzburger Festspielen

In der Mitte der Bühne dreht sich drei Stunden lang jemand Kreis, genauer, Tänzer in leichten Trikots wechseln sich alle fünf Minuten ab. Wenn sie sich nicht drehen, besiedeln sie die Bühne, machen ausdruckshaften Bewegungen oder schlendern einfach umher. Sie gehören zum Salzburger Tanzstudentenprogrammen SEAD und Bodhi Project und werden bei „L’incoronazione di Poppea“ von dem belgischen Theaterkünstler Jan Lauwers angeleitet, der hier zum ersten Mal eine Oper inszeniert.

Einmal formen sich die Tänzer zu einer lebendigen Skulptur, die einem barocken Brunnen nachempfunden ist. Das ist die Stelle, wo Poppea sich einen Schlaf gönnt und Teil der Skulptur wird. Ottone naht mit dem Plan, sie zu erdolchen. Sie aber wird beschützt von Amor. Das ist wirklich eindrucksvoll anzusehen und der Höhepunkt des Abends, beinahe auch musikalisch, weil hier die Instrumente langsam und leise spielen und man alles hören kann. Der zweite Höhepunkt ist erwartungsgemäß das Schlussduett „Pur ti miro“. Hier nähern sich Nerone und Poppea einander von den Bühnenseiten, treffen sich in der Mitte zwischen den Musikern, die vorne, leicht vertieft auf der Bühne sitzen. Die Bewegungen der Tänzer haben endlich aufgehört.

Ein richtiges Bühnenbild gibt es nicht. Man sieht auf einen leicht ansteigenden Boden, auf dem verschlungene Menschenleiber abgebildet sind, gewissermaßen das Gewusel der Tänzer fortsetzend. Eigentlich sind die neun Generalbassinstrumente und die vier Melodieinstrumente der wesentliche Teil des Bühnenbilds. Da gibt es zu sehen: Theorbe, Laute, Lira da gamba, Viola da gamba, zwei Cembali, Portativ, Dulzian, Zinken und einiges mehr. Zu hören sind die Instrumente natürlich auch, aber komischerweise klingt es nicht so schön, wie es aussieht. Am musikalischen Handwerk kann es nicht liegen. Die Spieler von Les Arts Florissants, mitten unter ihnen der Maestro William Christie am Cembalo, sind 15 Topleute der Alten Musik. Und sie haben sich auch überlegt, welche Instrumente mit welchem Sänger an welcher Stelle spielen. Aber sobald es ein bisschen rascher wird und mehr als die Hälfte von ihnen streichen, blasen, schlagen und zupfen, klingt es mulmig. Bei der Schlafszene stehen sie auf. Dann ist alles anders. Dann hat man plötzlich die durchartikulierte Spielweise und den blühenden Klang, für den Les Arts Florissants berühmt ist. Deswegen sei die Vermutung gewagt, dass, so plausibel die Position mitten auf der Bühne und nur leicht vertieft ausschaut, doch ein akustischer Preis zu zahlen ist, den man nicht erwartet.

Vielleicht haben diese Defizite aber auch damit zu tun, dass Christie nicht dirigiert, sondern sich das Tempo von den Sängern vorgeben lässt und mehr folgt als führt. Und auch der Regisseur macht mit den Sängern fast nichts. Das Ganze nennt sich übrigens „postdramatisches Theater“. Es kennt kein szenisches Zentrum, alle machen mehr oder weniger immer alles.

So haben am Ende die Sänger die größte Verantwortung und die machen ihre Sache unterschiedlich gut. Am besten die Mezzosopranistin Kate Lindsay als Nerone, die mit ihrem klar geführten Mezzosopran schmeichelnde Weichheit oder im Gegenteil Schärfe verströmen kann und mit ihrem Arsenal an Artikulationsgraden und minimalen Portamenti, also mit Sprache und Ton, die Lüsternheit dieses Herrschers hörbar macht. Der Countertenor Carlo Vistoli singt den verlassenen Liebhaber Ottone von Anfang bis Ende mit einem wunderschön kultivierten und beweglichen Recitar cantando. Dominique Visse, der mit der Rolle der Zofe Arnalta seit Jahrzehnten auftritt, übertrumpft hier sich selbst noch einmal als Knallcharge.

Die anderen, Sonya Yoncheva als Poppea, Stépahnie d’Oustrac als Ottavia, Renato Dolcini als Seneca und Ana Quintans als Drusilla sind gut, aber nicht besonders auffällig, leider. So wird, obwohl auf der Bühne immer was los ist, der Abend lang und länger. Das zu verhindern, gibt es eigentlich Regisseure. Drei Stunden „postdramatisches Theater“ sind zu viel.

Premiere: 12.08.2018, besuchte Vorstellung: 18.08.2018, noch am 20., 22. und 28.08.2018

Besetzung:
Poppea: Sonya Yoncheva
Nerone: Kate Lindsay
Ottavia: Stéphanie d’Oustrac
Ottone: Carlo Vistoli
Seneca: Renato Dolcini
Drusilla / Virtù: Ana Quintans
Nutrice: Marcel Beekman
Arnalta: Dominique Visse
Amore / Valetto: Lea Desandre
Fortuna / Damigella: Tamara Banjesevi
u.a.
Solotänzerin: Sarah Lutz
BODHI PROJECT & SEAD Salzburg Experimental Academy of Dance

Les Arts Florissants

Musikalische Leitung: William Christie
Regie, Bühne, Choreografie: Jan Lauwers
Kostüme: Lemm&Barkey
Licht: Ken Hioco
Dramaturgie: Elke Janssens

Stand: 19.08.2018, 13:50