Live hören
Jetzt läuft: Violin concerto 'eleven eleven' - IV. Giacoso. Lacrimae von Elfman, Danny

25.07.2018 - Klaus Lang, „der verschwundene hochzeiter“ bei den Bayreuther Festspielen

25.07.2018 - Klaus Lang, „der verschwundene hochzeiter“ bei den Bayreuther Festspielen

1882 gab es mit „Parsifal“ bei den Bayreuther Festspielen die letzte Uraufführung. Nun präsentierte das altehrwürdige und, was die Repertoireauswahl betrifft, konservativste Festival der Welt eine neue Oper: „der verschwundene hochzeiter“ von Klaus Lang, aber nicht im Festspielhaus, sondern in einem Kinosaal in der historischen Stadtmitte. Anderes als die Werke von Wagner könne man auf dem Grünen Hügel aus Satzungsgründen nicht spielen, sagte Festspielleiterin Katharina Wagner lakonisch bei der Pressekonferenz.

In diesem „Reichshof“ genannten Saal wurden rund um die Zuschauer zwei kleine Ensembles, eines vokal, eines instrumental, postiert. Dazu kommen noch ein Bass und ein Countertenor aus dem Off. Alle musizieren hoch konzentriert ohne Dirigent. Vorne auf der Bühne agieren zwei Tänzer, die Zwillinge Jiří und Otto Bubeníček, ehemalige Mitglieder der John-Neumeier-Kompanie. Gezeigt wird die akustisch-visuelle Umsetzung eines in Niederösterreich überlieferten Märchens. Ein Fremder wird zur Hochzeit eingeladen, der sich mit einer Gegeneinladung revanchiert, zu der der Hochzeiter tatsächlich aufbricht und bei seiner Wanderung förmlich aus der Zeit fällt. Er begegnet in Kühe und Bienen verwandelte Seelen, die der Erlösung harren oder sie fast schon erreicht haben, wie ihm der Fremde später erklärt. Auf der fremden Hochzeit tanzt er, darf das aber nur, solange die Musik spielt. Zweimal missachtet er das Gebot. Dann geht er zurück in sein Dorf. Niemand erkennt ihn. In dem Moment, wo man ihn als den verschwundenen Hochzeiter von vor 300 Jahren identifiziert, zerfällt er zu Staub.

„der verschwundene hochzeiter“, Oper von Klaus Lang

„der verschwundene hochzeiter“, Oper von Klaus Lang

Das ist eine schaurig-schöne Geschichte, die durch eine spezielle optische Umsetzung in dem Kinosaal eine fast magische Wirkung entfaltet hat. Dazu haben sich der Regisseur Paul Esterhazy und der Videokünstler Friedrich Zorn einer Pepper’s Ghost genannten Technik bedient, bei der sich der Fremde, der nichts anderes ist als das alter ego des Hochzeiters, mittels raffinierter Projektionen virtuell zu ihm gesellt und mit ihm verschmilzt. Er verlässt seine Stube dabei gar nicht. Seinen Reiseweg durch die niederösterreichischen Landschaften sieht man durch die Fenster. Wenn er endlich im Haus des Fremden ankommt, wandelt sich alles in schwarz-weiß, und das ist auch der Moment, wo der eine Tänzerzwilling den anderen ablöst, ganz einfach aber nur deswegen, weil dieser nun grau geschminkt ist.

Die Musik von Klaus Lang bietet zu diesem Panoptikum nicht mehr als ein flächiges Klangbett, in das Sprachfetzen aus dem Märchen eingebettet sind. Sie bietet aber auch nicht weniger, denn die Reise aus der Zeit ist auch eine Traumsequenz. Die meist hohen und sirrenden Klänge entfalten ein harmonisches, obertonreiches, kaum zu ortendes akustisches Bett, dem Klaus Lang rhythmische Gliederungen vorenthält, selbst dort wo der Hochzeiter seine ungelenken Bauerntanzschritte absolviert. Nur zweimal, wenn er bei dem Fremden ankommt und wenn er wieder zurückkehrt, ballt sich die Musik zu einer katastrophischen Klangmasse. Das Ganze dauert 90 lange Minuten, nicht viel angesichts der 300 verstrichenen Jahre, sollte man meinen. Allerdings läuft die Hin und Rückreise, bei der die Stationen des Märchens linear abgeschritten werden, sehr vorhersehbar ab.

Was hat das mit Wagner zu tun? Erst einmal nichts, wenn man von den generellen Themen absieht, was Verbote anbelangt - hier das Tanzverbot, im „Lohengrin“ das Frageverbot – oder Raum-Zeit-Konstellationen – hier die Wanderung zum Haus des Fremden, im „Parsifal“ zur Gralsburg. Immerhin ist diese Uraufführung eingebettet in den sogenannten durchaus ambitionierten Diskurs Bayreuth, ein Begleitprogramm zu den Festspielen mit Vorträgen und Konzerten, dieses Jahr zum Thema "Verbote (in) der Kunst".

Uraufführung: 24.07.2018

Besetzung:
Der Hochzeiter I – Darsteller: Jiří Bubeníček
Der Hochzeiter II – Darsteller: Otto Bubeníček
Der Hochzeiter – Bass: Alexander Kiechle
Der Fremde – Countertenor: Terry Wey

Orchester: Ictus Ensemble
Chor: Cantando Admont

Musikalische Leitung: Klaus Lang
Konzept, Regie, Raum: Paul Esterhazy
Video: Friedrich Zorn
Kostüme: Pia Janssen

Stand: 25.07.2018, 13:50