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11.02.2019 – Ernst Krenek, „Karl V.“ in München

Bo Skovhus als Karl V. und Wolfgang Ablinger-Sperrhacke als Franz I. in "Karl V." von Ernst Krenek

11.02.2019 – Ernst Krenek, „Karl V.“ in München

Ganz großer Premierenjubel in der Münchner Staatsoper bei Erst Kreneks „Karl V.“, jener sehr selten aufgeführten, ersten 12-Ton-Oper der Musikgeschichte, die von der Lebensbeichte des Kaisers handelt, in dessen Reich die Sonne nie unterging, und dessen Idee eines christlichen Reiches vieler Staaten heute manchmal als Vorbild einer multilateralen Weltordnung gesehen wird. Für Krenek ging es 1933 auch darum, gegen den Nationalsozialismus ein künstlerisches Zeichen zu setzen.

Der große Beifall galt der überwältigenden Bühnenumsetzung durch die katalanische Theatertruppe La Fura dels Baus und er galt Bo Skovhus als überragender Darsteller der Titelpartie. Ihn hatten sie als Kaiser in eine Art weißes Narren- oder Totenkleid gesteckt, auf das eine Ziffernreihe gedruckt ist, die wie eine aufgefaltete Uhr aussieht, ihn weiß geschminkt und einen Hahnenkamm als Kaiserkrone auf die Glatze gesetzt.

La Fura dels Baus hat bei Kreneks „Karl V." all die Theatermittel eingesetzt, die sie seit 20 Jahren erproben, diesmal aber in größtmöglicher Opulenz und theatraler Virtuosität. Da sind wieder die überdimensionalen, zugleich grazilen Skulpturen aus Menschenleibern, lebendige Mobiles, die ein Weltenrad bilden, einen Knäuel hilfloser Kreaturen oder den Thron von Karls Gegenspieler Franz von Frankreich bekränzen.

Dann der sich ständig in Farbe, Licht und Animationen verändernde Bühnenprospekt. Unter Tizians „Jüngstes Gericht“ wünscht sich Karl nach seinem Ableben gebettet zu werden. Das Gemälde füllt schon am Anfang das ganze Bühnenrund aus. Doch plötzlich werden die Figuren darauf lebendig und kurz darauf das Gemälde in hunderte Rechtecke aufgelöst und neu angeordnet, so dass man wie in das Kölner Domfenster von Gerhard Richter blickt.

Oder das Zitieren der Elementargewalten, Feuer und noch mehr das Wasser, das sich zu Anfang in einem Sturzregen auf die Bühne ergießt und fortan die Protagonisten zwingt, in einem Bassin zu spielen, so als gebe es keinen festen Grund mehr.

Das alles ist grotesk-großartig und augenbetörend und verweist immer auch auf die welthistorische Dimension des Stoffs.

In Bo Skovhus, der stets seine Figuren in ihren Zweifeln und Ängsten zeigt - wie Wozzeck oder Amfortas -, ist auch ein idealer Darsteller des Kaisers, der sich am Ende in dieser Oper eingestehen muss, dass sein „Imperium zu Ende ist“. In seinem maskenhaft geschminkten Gesicht zeichnen sich die Züge von Not und Unruhe ab: „Er ruht – und ich lebe“, ruft er am Grab seines Gegenspielers Martin Luther und kommt ein letztes Mal der Vergewisserung seiner Mission nach: „Zu Bürgern des christlichen Weltreichs mach‘ ich alle Völker“. Dies singt Skovhus mit Emphase und volltönender Willensstärke.

Man muss man aber auch sagen, dass selbst ein Sänger wie Skovhus dieser Partie kaum beikommen kann. Über weite Strecken erstickt er förmlich an dem Wortschwall des Librettos im Gelehrtendeutsch, das sich der Komponist nach ausführlichen historischen Studien selbst geschrieben hatte.

Dazu kommt die elaborierte Musiksprache Kreneks, die – obwohl 12tönig konstruiert – zwar immer nach einer Gesangslinie und einer Art Ausdruckshaftigkeit im Orchester sucht, aber auch plappernd bemüht wirkt. Und vieles ist gar nicht vertont, sondern reiner Sprechtext. Lichtblicke sind kurze Auftritte etwa von Martin Luther, den Michael Kraus mit aufrührerischer Geste spielt, oder die Partien des lasziven Franz I. von Frankreich, von Wolfgang Ablinger-Sperrhacke in gockelhaftes, gespreiztes Gehabe gekleidet. Dankbarer als die überladene Rolle des Kaisers ist für Gun-Brit Barkim auch die seiner Schwester Eleonore, die gewissermaßen für das emotionale Drumherum zuständig ist.

Kreneks Karl V. ist ambitioniert in seiner formalen Anlage, der Vermischung von Lebensbeichte und quasi filmischen Rückblenden. Es ist ein auch grundehrliches Bekenntnisstück gegen Nationalismus und weil es ein großes Thema behandelt. Aber es ist ganz und gar unopernhaft, vielleicht sogar untheatralisch. Der Dirigent Erik Nielsen steuert nach Kräften gegen diese Schwächen der Partitur. Mehr als die in München Beteiligten kann man wahrscheinlich nicht für dieses Stück tun.

Premiere: 10.02.2019, noch am 13., 16., 21., 23.02. und am 14.07.2019

Besetzung:

Karl V.: Bo Skovhus
Juana, seine Mutter: Okka von der Damerau
Eleonore, seine Schwester: Gun-Brit Barkmin
Ferdinand, sein Bruder: Dean Power
Isabella, seine Gattin: Anne Schwanewilms
Juan de Regla, sein Beichtvater: Janus Torp
Francisco Borgia, Jesuit: Scott MacAllister
Pizarro: Kevin Conners
Franz I.: Wolfgang Ablinger-Sperrhacke
Frangipani: Kevin Conners
Luther: Michael Kraus
u.v.a.

Bayerisches Staatsorchester
Chor der Bayerischen Staatsoper

Musikalische Leitung: Erik Nielsen
Inszenierung, Bühne: Carlus Padrissa - La Fura dels Baus
Bühne, Kostüme, Video: Lita Cabellut
Licht: Michael Bauer
Spezialeffekte: Thomas Bautenbacher
Chöre: Stellario Fagone
Dramaturgie: Benedikt Stampfli
Regie Mitarbeit: Esteban Muñoz
Video: Marc Molinos

Stand: 11.02.2019, 13:50